Mitfahrpunkte im Dreisamtal (Foto: SWR, Jan Lehmann)

Mobilität im ländlichen Raum

Trampen 2.0 - so funktionieren die Mitfahrpunkte rund ums Dreisamtal

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SWR Redakteur Jan Lehmann (Foto: SWR)

Daumen raus war gestern, jetzt kommt der Mitfahrpunkt: Sechs Gemeinden rund ums Dreisamtal bei Freiburg wollen das Mitfahren neu organisieren.

Zwischen St. Peter und Oberried (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald) gibt es jetzt überall Schilder mit einem großen Daumen, sogenannte Mitfahrpunkte. Wer dort steht, signalisiert, dass er mitgenommen werden möchte. Mit einem Aufkleber an der Windschutzscheibe zeigen Autofahrer, dass sie registrierte Mitnehmer sind.

Mitfahrpunkte im Dreisamtal (Foto: SWR, David Kölsch)
Mitfahrpunkt in Sägendobel bei St. Peter David Kölsch

Sie stehen an Ortsausgängen, Weggabelungen oder Bushaltestellen: die Schilder mit den großen bunten Daumen, mal grün, mal orange, mal lila. Über 100 sind es in und um das Dreisamtal. Häufig steht noch ein Mitfahrbänkle dabei, falls das Warten mal länger dauert.

Mitnehmer können sich bei ihrer Gemeinde registrieren lassen

"Es ist ein gegenseitiges optisches Zurufen", erklärt Franz-Josef Winterhalter, einer der Initiatoren der Mitfahrpunkte. Der eine signalisiert, dass er mitgenommen werden möchte. Der andere, der Autofahrer, zeigt, dass er in seiner Gemeinde ein eingetragener Mitnehmer oder eine Mitnehmerin ist. Das Registrieren ist online möglich. Die jeweilige Gemeinde gleicht die Adressdaten mit dem Einwohnermelderegister ab und verschickt dann den Autoaufkleber.

Sechs Gemeinden - über 100 Mitfahrpunkte

Mehr als 100 Autofahrer haben sich allein in Winterhalters Heimatgemeinde Oberried schon registriert. Am 1. Juli ist das Projekt offiziell gestartet. Auch Martina Heilbock macht mit. Sie wohnt in Sankt Märgen und arbeitet in Oberried. Dass morgens jeder allein im Auto ins Tal gondelt, findet sie unsinnig und auch nicht mehr zeitgemäß.

"Man hat schöne Gespräche und kann ein bisschen Sprit sparen, das ist doch toll."

Weil sie sich mit ihrem Mann ein Auto teilt, hofft Martina Heilbock, dass zumindest einer von beiden jetzt auch mal ohne Auto oder Bus von St. Märgen wegkommt. Die Idee der Mitfahrbänkle ist nicht neu. Ein so großes und flächendeckendes Netz aus Haltepunkten aber schon, sagt Franz-Josef Winterhalter. "Wir haben es geschafft, das komplette Dreisamtal plus die Gemeinden St. Peter und St. Märgen ins Boot zu holen", ist Oberrieds ehemaliger Bürgermeister stolz.

"Bei uns im Schwarzwald gibt es viele Seitentäler, in denen der öffentliche Nahverkehr sehr, sehr dünn aufgestellt ist."

Mitfahrpunkte im Dreisamtal (Foto: SWR, Jan Lehmann)
Der Daumen-Aufkleber signalisiert: Dieser Autofahrer ist registriert und nimmt gerne Mitfahrer mit. Jan Lehmann

Einheimische nehmen sich auch jetzt schon gegenseitig mit

Ein Beispiel ist Sägendobel. Das 100-Seelen-Dorf bei St. Peter liegt tief im Schwarzwald. Busse halten hier maximal sechsmal pro Tag, am Wochenende noch seltener. Auch hier steht ein Mitfahrbänkle an der Bushaltestelle. Das gibt es eigentlich schon länger, erzählt Verena Scherer. "Wenn jemand hier sitzt, dann nimmt man den halt mit", sagt sie. Das neue Schild mit dem Daumen, das jetzt an der Haltestelle prangt, hätte es eigentlich gar nicht gebraucht, meint sie. Allerdings: Als Ortsfremder oder Tourist wird man hier bislang eher nicht mitgenommen, wie ein Test zeigt.

Das neue Mitfahrsystem muss noch bekannter werden

Möglicherweise ist das Projekt mit den Mitfahrpunkten aber einfach noch zu neu und muss sich erst noch einspielen. Mit einer Sternfahrt wollen die Initiatoren demnächst noch einmal auf das neue Angebot aufmerksam machen. Franz-Josef Winterhalter ist aber überzeugt, dass das Konzept gut ist und funktionieren wird. Schließlich werde das Autofahren ja auch immer teurer.

"Ich kann mir vorstellen, dass der ein oder andere vielleicht auf sein Zweitauto verzichtet, wenn er merkt, dass er über solche Mitfahrgelegenheiten gute Möglichkeiten hat."

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