Autos stauen sich vor der Rheinbrücke Karlsruhe Maxau (Foto: SWR)

Verkaufsverbot für Diesel und Benziner absehbar

So reagiert das Autoland BW auf das Verbrenner-Aus des EU-Parlaments

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Das vom EU-Parlament beschlossene Verbot von Verbrennermotoren geht dem baden-württembergischen Verkehrsminister Hermann nicht weit genug. Autozulieferer sind anderer Meinung.

Im Kampf für mehr Klimaschutz will das EU-Parlament den Verkauf von Neuwagen mit Verbrennungsmotor ab dem Jahr 2035 verbieten. Eine Mehrheit der Abgeordneten stimmte am Mittwoch in Straßburg dafür, dass Hersteller ab Mitte des nächsten Jahrzehnts nur noch Autos und Transporter auf den Markt bringen dürfen, die keine klimaschädlichen Treibhausgase ausstoßen. Bevor eine solche Regelung in Kraft treten kann, muss sich das Parlament darüber noch mit den EU-Staaten einig werden.

BW-Verkehrsminister Hermann: "Verbot des Verbrennungsmotors wird nicht reichen"

Der Beschluss des EU-Parlaments sei zwar ambitioniert, notwendig und machbar, sagte Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) am Donnerstag. Ein Verbot des Verbrennungsmotors werde aber nicht reichen. Wenn jeder Verbrenner durch ein Elektroauto ersetzt werde, sei am Ende niemandem geholfen - am wenigsten der Umwelt. Hermann forderte eine Verkehrswende. Er wirbt für den Umstieg auf Bus und Bahn sowie das Fahrrad.

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Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) teilte mit, sie hätte sich vom EU-Parlament bei der Entscheidung zum Aus für Verbrennermotoren einen technologieoffeneren Ansatz gewünscht. Einen, der anderen Lösungsansätzen wie synthetischen Kraftstoffen mehr Chancen eingeräumt hätte. So wäre eine zusätzliche Differenzierung zwischen fossil und nachhaltig betriebenen Motoren möglich gewesen, so Hoffmeister-Kraut.

Aus für Verbrenner: Autohersteller sind vorbereitet - Zulieferer nur zum Teil

Der Autobauer Mercedes Benz hat schon im letzten Jahr seine Electric-Only-Strategie vorgestellt. Die Stuttgarter wollen theoretisch bereits bis 2030 komplett vollelektrisch sein können. "Bis 2030 sind wir bereit, überall dort vollelektrisch zu werden, wo es die Marktbedingungen zulassen", heißt es. Der Beschluss nimmt die Politik in die Pflicht, für die erforderliche Infrastruktur zu sorgen.

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Entscheidend für den Erfolg des Klimaschutzes im Verkehr sind die Akzeptanz der neuen und nicht das Verbot traditioneller Technologien. Audi aus Neckarsulm will schon in vier Jahren ausschließlich vollelektrische Autos entwickeln. Die Hersteller scheinen auf ein mögliches Verbrennerverbot vorbereitet zu sein.

Die Entwicklung kann eine Chance für Unternehmen sein, so Birgit Priemer, Chefredakteurin der Zeitschrift auto motor und sport im Gespräch mit SWR-Journalist Stefan Eich.

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Trendwende auch bei Autozuliefer-Betrieben?

Bei kleineren Autozuliefer-Betrieben hat noch kein großes Umdenken stattgefunden. Viele Verantwortliche scheinen keine Vision für die Zukunft zu haben. Anders bei großen Zulieferern, die mehr Kapazitäten haben, sich umzuorientieren. ElringKlinger aus Dettingen an der Ems (Kreis Reutlingen) hat früh neue Geschäftsfelder erschlossen und auch als Spezialist für Elektromobilität aufgestellt.

Bosch sieht Entscheidung um Verbrenner-Aus kritisch

Ähnlich sieht es bei Bosch aus. Eine Sprecherin teilte mit, der Schutz des Klimas und der natürlichen Ressourcen sei tief in den Unternehmenswerten verwurzelt. Bosch sei das erste globale Industrieunternehmen, das seit Februar 2020 mit all seinen 400 Standorten weltweit keinen CO2-Fußabdruck mehr hinterlasse. Nichtsdestotrotz zeigt sich das Unternehmen kritisch zur Entscheidung des EU-Parlaments, da sie Auswirkungen auf Arbeitsplätze habe.

"Wo Personalanpassungen erforderlich sind, gestalten wir sie so sozialverträglich wie möglich und berücksichtigen dabei die individuellen Zukunftschancen der Standorte."

Bosch investiere seit Jahren erfolgreich in Qualifizierungsmaßnahmen, um Beschäftigte für neue Aufgaben in Zukunftsfeldern fit zu machen - das gehöre zur unternehmerischen Verantwortung. Gleichzeitig gelte es, Perspektiven für neue Beschäftigung auch außerhalb des Unternehmens sichtbar zu machen. Die Bosch-Sprecherin stellt klar: "Die Politik ist in der Mitverantwortung, bei ihren Entscheidungen zur Zukunft der Mobilität die Balance zwischen ökologischen, ökonomischen und sozialen Fragen im Auge zu behalten."

Ein Sprecher des Automobilzulieferers ZF aus Friedrichshafen äußerte sich zur Entscheidung des EU-Parlaments so: Es brauche weder Zwischenziele für das Jahr 2027 noch höhere Ziele für 2030, sondern ein stabiles Stromnetz und rasche Investitionen in die Ladeinfrastruktur, um die Akzeptanz für elektrisches Fahren zu erhöhen.

"Plug-in-Hybride ab 2035 de facto zu verbieten, ist keine kluge Strategie"

Der ZF-Sprecher hält das Vorgehen in Kalifornien für intelligenter: Trotz eines vermeintlichen Mandats für Nullemissions-Fahrzeuge im Jahr 2035 werde dort eine Ausnahme für Plug-ins mit hoher Reichweite diskutiert.

Autozulieferer ElringKlinger gegen Verbot von Verbrennern

Auch der Autozulieferer ElringKlinger hält ein Verbot von Verbrennern für falsch. Stefan Wolf, Vorsitzender des Vorstands, sagte auf SWR-Anfrage, selbst wenn in Europa ab dem Jahr 2035 der Verbrenner verboten werde, werde es in den USA, China oder in Indien noch viele Jahre Verbrennungsmotoren geben. ElringKlinger habe sich vorbereitet und frühzeitig vor über 20 Jahren begonnen, in Batterie- und Brennstoffzellentechnologie zu investieren.

"Aktuell gehe ich davon aus, dass wir unsere Mitarbeiterzahl bei 9.500 halten werden, aber die Jobs werden sich ändern."

Entsprechend werde ein Teil der Belegschaft schon in bestimmte Richtungen geschult. Dies werde sich in den nächsten Jahren noch verstärken, so Wolf.

Der Stuttgarter Zulieferbetrieb Mahle gibt an, bereits über 60 Prozent seines Umsatzes unabhängig vom Pkw-Verbrennungsmotor zu erwirtschaften. Bis 2030 soll dieser Anteil nach Angaben eines Sprechers auf 75 Prozent steigen. Trotzdem kritisiert das Unternehmen die Entscheidung des EU-Parlaments.

"Wir sehen es sehr kritisch, über regulatorische Vorgaben Technologien faktisch aus dem Markt zu drängen, statt ihr Potenzial zur Reduzierung der Treibhausgase zu nutzen."

Laut Mahle gehen mit einer Entscheidung gegen Verbrenner wertvolle Chancen beim notwendigen Klimaschutz verloren. Außerdem werde der Verlust von Arbeitsplätzen und Wertschöpfung in Deutschland und Europa riskiert. Der Vorschlag: mit allen zur Verfügung stehenden Instrumenten eine Absenkung der Emissionen zu erreichen. Dazu zählen Mahle zufolge die Abkehr vom fossilen Kraftstoff, die weitere Ausbreitung batterieelektrischer Antriebe sowie die Etablierung von Wasserstoff-Technologie und -Infrastruktur - insbesondere für den Schwerlastverkehr.

Das Unternehmen Schaeffler äußert sich nicht konkret zum Standort Bühl, teilt aber mit, zum Portfolio gehörten sowohl Lösungen für die Elektromobilität, hybride Antriebe als auch die Technik für verbrauchsoptimierte Verbrennungsmotoren. Die Entscheidung des Europaparlaments komme faktisch einem Verbot des Verbrennungsmotors in EU-Europa gleich.

"Das bedeutet von nun an noch größere Anstrengungen, die festgelegten Ziele insbesondere sozialverträglich zu erreichen."

Außerdem müssten schnell entsprechende Rahmenbedingungen für die Elektromobilität geschaffen werden, wie die Tank- und Ladeinfrastruktur und die Erzeugung der erforderlichen regenerativer Energie.

Betriebsbedingte Kündigungen nach Verbrenner-Aus nicht ausgeschlossen

Viele Unternehmen haben zwar in den letzten Jahren - auf Druck von Seiten der Arbeitnehmervertretungen - schon Standortvereinbarungen geschlossen. Sie wollen verhindern, dass es im Zuge des Wandels hin zur Elektromobilität zu Massenentlassungen kommt. Doch besonders in der baden-württembergischen Zulieferindustrie wird es schwierig bis unmöglich werden, einen sozialverträglichen Umbau für alle hinzubekommen. Denn um einen Elektromotor zu bauen, braucht es deutlich weniger Menschen als für einen Verbrennermotor. Auch selbst bei einem großen Autobauer wie Mercedes ist noch nicht klar, wie die Standorte, an denen jetzt noch Getriebe und Motoren gebaut werden, künftig dastehen werden.

"Wir brauchen einen europaweiten Ausbau der Ladeinfrastruktur und der erneuerbaren Energien, eine Lösung der Lieferketten- und Rohstoffprobleme der Elektromobilität, umfangreiche politische Unterstützung: beim Umbau der Industrie sowie beim Aufbau neuer Wertschöpfung und Beschäftigung"

Festlegung auf Elektromobilität könnte zum Problem werden

Der Verband der Automobilindustrie VDA zum Beispiel kritisiert die noch unzureichende Ladeinfrastrukur. Zurzeit ist das öffentliche Netz noch nicht gut ausgebaut. Auch bei der privaten Nutzung ergeben sich Fragen. Nicht jeder im Mehrparteienhaus wird sich eine Wallbox, also eine eigene Ladestation, an die Hauswand hängen können - und auch die Stromversorgung ist nicht auf mehrere Großverbraucher ausgelegt.

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