Eine junge Lehrerin schreibt im Mathematikunterricht an eine Schultafel.

Frust wegen Bürokratie und Lehrermangel

Schulleiter in BW geben der Schulpolitik die Note vier bis fünf

Stand

Die Kuchensteuer ist nur das jüngste Beispiel: Fast alle Schulleitungen in BW klagen in einer Umfrage über mehr Bürokratie. Der Schulpolitik des Landes stellen sie ein schlechtes Zeugnis aus.

Bei der Mehrheit der Schulleiterinnen und Schulleiter in Baden-Württemberg ist die Schulpolitik des Landes durchgefallen: In der jährlichen Umfrage des Sozialforschungsinstituts forsa im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) vergaben 57 Prozent der Schulleitungen die Note 5 oder 6. Insgesamt habe die Schulpolitik der Landesregierung die Durchschnittsnote 4,5 erhalten, sagte der Bundes- und Landesvorsitzende des VBE, Gerhard Brand, bei der Präsentation der Umfrageergebnisse am Freitag in Stuttgart.

Im Land wurden zwischen dem 15. September und 20. Oktober 250 Schulleitungen befragt, bundesweit nahmen 1.310 an der Umfrage teil. Der bundesweite Notendurchschnitt für die Schulpolitik lag bei 4,3.

Steigende Bürokratie belastet fast alle Schulleitungen

Als größten Belastungsfaktor nannten fast alle Befragten in BW die Bürokratie: 98 Prozent beklagten, dass die Verwaltungsaufgaben weiter stiegen. Ein Schreiben an die Schulen zum Thema "Kuchenverkauf und Steuern" habe es mit Anlagen auf über 30 Seiten gebracht, sagte VBE-Vorsitzender Brand. Der Aussage, dass die Politik bei ihren Entscheidungen den tatsächlichen Schulalltag nicht im Blick habe, stimmten 96 Prozent der befragten Schulleitungen zu.

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Zahl der Unzufriedenen in wenigen Jahren vervierfacht

Bedenklich nannte es Brand, dass nur rund jede zweite Schulleitung (48 Prozent) den Beruf auf jeden Fall oder wahrscheinlich weiterempfehlen würde, im Jahr 2019 waren es noch 65 Prozent. "Den Schulleitungen werden immer mehr Aufgaben aufgebürdet. Es verwundert daher nicht, dass knapp die Hälfte der Kolleginnen und Kollegen ihren Beruf nicht weiterempfehlen würde und Schulleitungsstellen vakant bleiben", sagte der VBE-Vorsitzende.

Waren im Jahr 2019 noch 53 Prozent der Schulleitungen mit ihrer Arbeit zufrieden, waren es bei der jetzigen Befragung nur noch 36 Prozent. Die Zahl der Unzufriedenen stieg im selben Zeitraum von 5 auf 20 Prozent. Zwar habe sich die Zahl der Zufriedenen nach dem Corona-Einbruch wieder erholt, sagte Brand, doch habe sie die alten Werte nicht mehr erreicht. Schulleiter überlegten häufiger als früher, ins Lehramt zurückzugehen, auch wenn dies finanzielle Einbußen bedeute.

Größtes Problem: Mangel an Lehrkräften

60 Prozent der Schulleitungen im Land sehen den Lehrkräftemangel als größtes Problem. Das entspricht ungefähr dem Bundesniveau (62 Prozent). 39 Prozent der Schulleitungen, 11 Prozent mehr als im Vorjahr, nannten die Integration von geflüchteten Kindern als Problem. 21 Prozent meinen, dass ihr Schulgebäude nicht mehr die Anforderungen erfüllt.

"Es muss dringend etwas geschehen, damit Schulleitungen wieder das Gefühl bekommen, wertgeschätzt, unterstützt und verstanden zu werden. Eine Entlastung der Kolleginnen und Kollegen ist dringend angezeigt“, sagte Brand. Doch nicht nur die Politik sei schuld: "Die Zeiten sind schärfer geworden, wir müssen darauf Antworten finden." Die Schulen könnten nicht der Reparaturbetrieb für das sein, was in der Gesellschaft im Argen liege, so der VBE-Vorsitzende.

Der frühere Kultusminister Andreas Stoch (SPD) habe sich noch über die Note 3,7 geärgert, sagte Brand. Dass die Noten jetzt noch schlechter seien, könne auch mit der Arbeitsweise der jetzigen Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) zusammenhängen, die nicht die "sehr medienwirksame Präsenz" der Vorgängerin Susanne Eisenmann (CDU) erreiche.

FDP: "Trümmer einer jahrelang völlig verfehlten Bildungspolitik"

Schopper verwies in einer Reaktion darauf, dass der Anteil der unzufriedenen Schulleitungen in der VBE-Umfrage im Corona-Herbst 2020 mit 37 Prozent höher gelegen habe als jetzt: "Nicht zuletzt zeigt die Umfrage auch, dass an den Schulen allmählich eine gewisse Nach-Corona-Normalität eingezogen ist", sagte die Kultusministerin. Es sei aber unbestritten, dass die Bildungspolitik in Baden-Württemberg vor großen Herausforderungen stehe.

Die Opposition im Landtag warf der Grünen-Politikerin Versäumnisse vor. Besonders ärgerlich sei, dass die von den Schulleitern genannten Probleme schon seit Langem bekannt seien, sagte Timm Kern, bildungspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion. Schopper stehe "auf den rauchenden Trümmern einer jahrelang völlig verfehlten Bildungspolitik".

Der bildungspolitische Sprecher der AfD-Fraktion, Rainer Balzer, nannte Schopper gar einen "Risikofaktor für unser Land". Sie habe keine Antworten und Konzepte für die Probleme. Die SPD forderte mehr Unterstützung für die Schulleitungen in Baden-Württemberg. Es sei nicht verständlich, warum die versprochenen Verbesserungen noch nicht vollständig umgesetzt seien, kritisierte die schulpolitische Sprecherin der SPD, Katrin Steinhülb-Joos.

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