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Jede Patientin, jeder Patient ist anders. Und doch behandelt sie die Medizin meist gleich, nach etablierten Standardverfahren. Wäre es nicht besser, die Therapie wäre ebenso individuell wie ihre Patienten?

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Personalisierte Medizin statt Orientierung am Durchschnittspatienten

Eine der Errungenschaften der modernen Medizin ist, dass sie sehr vielen Menschen bei vielen Erkrankungen hilft. Allerdings orientieren sich die meisten Therapie-Verfahren an einem Durchschnittspatienten – weshalb die Behandlung öfter einmal ohne Erfolg bleibt. Durch personalisierte Medizin wird die Behandlung jedoch viel präziser. Gleichzeitig werden Diagnosen immer genauer, erklärt Dr. Yvonne Möller, wissenschaftliche Koordinatorin vom Zentrum für Personalisierte Medizin in Tübingen.

Biomarker geben Aufschluss

Um die Ursachen einer Krankheit zu finden, suchen Medizinerinnen und Mediziner unter anderem nach biologischen und chemischen Merkmalen im Körper der Patienten, nach sogenannten Biomarkern. Oft sind es Proteine und Enzyme im Blut, die auf eine Krankheit hinweisen, zum Beispiel auf ein Herzleiden oder eine Autoimmunerkrankung. Die Forschung weltweit findet ständig neue Biomarker, die sich nutzen lassen, um eine Krankheit einzuschätzen und zu behandeln.

Baden-Württemberg ist führend in der personalisierten Medizin

Einen großen Beitrag zur individualisierten Medizin leisten außerdem die Fortschritte der Gentechnik. Was ist typisch für diesen Mann? Was macht diese Frau aus? Indem sie Gene und andere Biomarker untersuchen, tasten sich die Mediziner an die individuelle Biologie ihrer Patienten heran. Zentren für personalisierte Medizin gibt es seit einigen Jahren außer in Tübingen auch in Ulm, Heidelberg und Freiburg – Baden-Württemberg ist führend auf dem Gebiet.

Im Grunde geht es bei der personalisierten Medizin um Zahlen und Messgrößen, sowie die Auswertung großer Datenmengen: Person hält ein Blatt mit farbigen Diagrammen (Foto: Imago, IMAGO / Cavan Images)
Bei der personalisierten Medizin geht es um Zahlen, Messgrößen und die Auswertung großer Datenmengen Imago IMAGO / Cavan Images

Bei Krebsbehandlung ist individualisierte Medizin weit fortgeschritten

Herzpatienten, Menschen mit Entzündungen, Infektionen oder Augenleiden stehen hier im Fokus. Am weitesten fortgeschritten ist die individualisierte Medizin jedoch bei der Krebsbehandlung. Hier sind Genanalysen besonders wichtig.

Doch durch Genanalysen entsteht eine Flut an Daten. Um sie zu verstehen, haben Medizinerinnen, Pathologen, Humangenetiker und Biologinnen die Molekularen Tumorboards eingerichtet, jeweils in Tübingen, Ulm, Freiburg und Heidelberg. Bis zu 20 Fachleute treffen sich einmal in der Woche, um die Therapie schwer kranker Menschen zu besprechen, erzählt Yvonne Möller.

Krankenkasse entscheidet über Bewilligung maßgeschneiderter Therapie

Die Fachleute lernen in diesem Rahmen voneinander. Neuroonkologen von Gynäkologinnen, Radiologinnen von Pathologinnen oder Humangenetikern. Finden sie eine passende, neue Therapie, müssen sie diese gegenüber der Krankenkasse verteidigen, die Kassen entscheiden am Ende über jeden Fall.

Im Grunde geht es bei der personalisierten Medizin ständig um Zahlen und Messgrößen. Die maßgeschneiderte Therapie entsteht dann durch den Vergleich der Daten vieler Patienten – so die Theorie. In der Praxis gibt es jedoch noch einige Hürden. Oft fehlt schlicht die digitale Infrastruktur, um Daten zu sammeln und auszutauschen.

Technik ermöglicht Patienten das Sammeln eigener Gesundheitsdaten

Patientinnen und Patienten können sich jedoch auch selbst aktiv beobachten und persönliche Daten sammeln. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Smartphone. Schon heute können Menschen mit dem kleinen Computer in der Tasche ihre Fitness überwachen, die Anzahl ihrer Schritte oder den eigenen Herzrhythmus. Sensoren an einer Smartwatch messen dafür rund um die Uhr den Herzschlag. Fängt der an zu stolpern, erhält das Handy eine Nachricht und schlägt Alarm. An solchen Ansätzen forscht Prof. Erwin Böttinger vom Institut für Digitale Gesundheit am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam.

Auch Gesundheitsapps gehören zu den personalisierten medizinischen Anwendungen, wie beispielsweise die Corona-Warn-App (Foto: Imago, IMAGO / Eibner)
Auch Gesundheitsapps gehören zu den personalisierten medizinischen Anwendungen, wie beispielsweise die Corona-Warn-App Imago IMAGO / Eibner

Durch die Technik können Patienten den eigenen Körper präzise überwachen, sie werden quasi zu Arzthelfern in eigener Sache. Auch das gehört zur personalisierten Medizin. Sie haben sogar die Möglichkeit, sich selbst zu Hause zu untersuchen. Schwangere zum Beispiel können ein Ultraschallgerät an das Smartphone anschließen, um die Position des Babys zu überprüfen, Thrombose-Patienten per Ultraschall ihre Venen kontrollieren. Die Patienten werden durch die neue Technik mündiger gegenüber den Fachleuten, argumentiert Erwin Böttinger.

Kosten für Gesundheits-Apps werden von den Krankenkassen übernommen

Die Politik hat reagiert. Die Kosten für Gesundheits-Apps übernehmen inzwischen die Krankenkassen, so verlangt es das neue Digitale-Versorgung-Gesetz. Außerdem gilt seit 2021 das Patientendatenschutz-Gesetz. Es erlaubt, Rezepte über eine App in der Apotheke einzulösen. Zudem haben Bürgerinnen und Bürger das Recht auf eine elektronische Patientenaktie zur Speicherung von Gesundheitsdaten. In naher Zukunft soll es möglich sein, über das Handy auf die eigene Patientenakte zuzugreifen. Zur Umsetzung müssen allerdings Kliniken und Praxen noch stärker in die Infrastruktur investieren, meint Erwin Böttinger, auch um den Schutz von Daten gewährleisten zu können.

Egal ob Makuladegeneration, Arteriosklerose, Diabetes, Venenthrombosen oder Alzheimer – ein gesunder Lebensstil kann in vielen Fällen helfen, den Ausbruch einer Krankheit zu verzögern oder zumindest den Verlauf zu lindern. Ärzte sollten darauf mehr eingehen, argumentiert die Psychologin Frederike Kendel von der Charité Berlin. Vor allem in der Sprechstunde sollte die Bedeutung des Lebensstils Thema sein, so Kendel. Gleichzeitig sei es wichtig, mit Mythen aufzuräumen, beispielsweise mit dem Glauben, dass es Menschen gibt, die alles in sich hineinfressen und darum zu einer Krebspersönlichkeit neigen.

Fortbildung: Ärzte müssen personalisierte Gespräche führen können

Indirekte Schuldzuweisungen belasten die Kranken und dienen wohl eher dem Umfeld, um eigene Ängste zu reduzieren, so die Psychologin Frederike Kendel. Sie erforscht, wie man Ärztinnen und Ärzte fortbildet, damit sie in der Sprechstunde individuell, also personalisiert, beraten. Ein großes Problem sei der Zeitdruck. Die Psychologin schult darum Mediziner darin, Gespräche einfühlsam und trotzdem effizient zu führen. Je gezielter im Gespräch auf die Patientinnen und Patienten eingegangen wird, desto eher kommen die Informationen auch an, so Kendel.

Doch trotz aller Angebote auf medizinischer und technischer Seite bleibt die Verantwortung für die eigene Gesundheit bei jedem einzelnen Menschen. Ein gesunder Lebensstil, ausreichend Schlaf, Stress in Maßen genauso wie Lebensfreude, Zuversicht und eine freie Entfaltung der eigenen Bedürfnisse stärken das Immunsystem. All das ist ebenfalls individuell unterschiedlich, darauf zu achten aber immer gesund.

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