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Ist der Gemüseburger des US-Herstellers umweltschonender hergestellt als das Hühnchen vom Biohof im Nachbardorf? Das fragen sich viele Verbraucher*innen, die fürs Klima bereit sind, ihre Essgewohnheiten zu ändern.

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Forderung: Fleischkonsum halbieren

Im Jahr 2020 kauften Menschen in Deutschland 22 Prozent mehr Bio-Lebensmittel als im Vorjahr. Doch welcher Konsum ist wirklich nachhaltig? 2019 hat jeder Mensch in Deutschland 60 Kilogramm Fleisch gegessen. Viel zu viel, findet der Bund für Umwelt und Naturschutz, BUND. Die Umweltschutzorganisation veröffentlicht regelmäßig den “Fleischatlas”, eine Studie zu „Tieren als Nahrungsmittel“. Im Fleischatlas 2021 fordert der BUND, dass Deutschland seinen Fleischkonsum halbiert. Nur so könne das Klima gerettet und die Biodiversität, also die Vielfalt von Tieren und Pflanzen, geschützt werden.

Massentierhaltung gilt als Haupttreiber klimaschädlicher Gase im Bereich Ernährung. Die Fleischproduktion allein ist für 15 Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. Die größten Verursacher der Klimaerwärmung sind:

  • Kohlendioxid (also CO2),
  • Methan (entsteht beim Verdauungsprozess von Wiederkäuern) und
  • Lachgas (schwitzen Böden aus, wenn mineralischer oder organischer Dünger ausgebracht wird)

Der BUND beklagt zudem den enormen Flächenverbrauch allein für den Anbau von Tierfutter.

Pflanzen direkt zu essen, statt sie an Tiere zu verfütttern, ist besser fürs Klima (Foto: SWR, Britta Wagner)
Pflanzen direkt zu essen, statt sie an Tiere zu verfütttern, ist besser fürs Klima Britta Wagner

Pflanzliche Nahrung selbst essen, statt sie an Tiere zu verfüttern

Viel effizienter ist es, die pflanzliche Nahrung direkt zu essen, anstatt sie Rindern zu füttern, die erst nach Jahren schlachtreif sind und in diesem Zeitraum viele schädliches Methan abgeben.

Vor allem junge Leute stellen ihre Ernährung daher um, achten auf Bio-Qualität und regionale Produkte. Knapp 13 Prozent der 15- bis 29-Jährigen verzichten inzwischen ganz auf Wurst und Fleisch – doppelt so viele wie in der Gesamtbevölkerung.

Hühner in Freilandhaltung: Ist so ein vegetarischer Burger aus den USA umweltfreundlicher als das Huhn vom Biobauern aus dem Nachbardorf? (Foto: Imago, IMAGO / Martin Wagner)
Hühner in Freilandhaltung: Ist ein vegetarischer Burger aus den USA umweltfreundlicher als das Huhn vom Biobauern aus dem Nachbardorf? Imago IMAGO / Martin Wagner

Einig sind sich alle Umweltwissenschaftler darin: Nachhaltiger als Fleisch sind pflanzliche Lebensmittel. Zu ihnen gehören auch die sogenannten Fleischersatzprodukte wie Soja-Würstchen oder Lupinen-Patties, die man im Hamburger essen kann. Teilweise kommen diese Fertigprodukte aber aus dem Ausland.

Fleischersatz aus den USA: nachhaltiger als das Biohuhn von nebenan

Der US-amerikanische Nahrungsmittelhersteller “Beyond Meat”, mit Sitz in Kalifornien, produziert vegetarischen Fleischersatz, von dem viele sagen, er schmecke täuschend echt nach Fleisch. Hauptzutaten sind Erbsen, Mungobohnen, Favabohnen und brauner Reis. Ist so ein vegetarischer Burger aus den USA aber auch umweltfreundlicher als das Huhn vom Biobauern aus dem Nachbardorf? Die überraschende Antwort des Heidelberger Nachhaltigkeitsexperten Guido Reinhardt lautet: ja. Der weite Transport spiele keine große Rolle, weil diese Produkte meist per Frachtschiff und nicht im Flugzeug transportiert würden.

In klimatisch wärmeren Gebieten wird wiederum oft keine zusätzliche Energie für Treibhäuser benötigt. Wer im Winter nicht nur Kohl und Rüben essen will, sollte also Gemüse aus Südeuropa kaufen. Im südspanischen Almeria wird Gemüse für ganz Europa angebaut. 22 Prozent der Tomaten, Paprika, Gurken und Zucchini gehen in deutsche Supermärkte. Und nachdem immer mehr Verbraucher nach Bio-Ware fragen, haben sich auch einige spanischen Erzeuger umgestellt. Nach Angaben des Erzeugerverbands Coexphal, der 83 Unternehmen und Bauern in Spanien vertritt, stammen 39 Prozent der Tomaten und neun Prozent der Paprika in Alméria aus kontrolliert biologischem Anbau. Die Erzeuger verwenden beispielsweise keine Insekten- und Unkrautvernichtungsmittel.

Früchte und Gemüse für ganz Europa werden in Gewächshäusern in Andalusien angebaut, im sogenannten "Meer aus Plastik" (Foto: Imago, IMAGO / Hollandse Hoogte)
Früchte und Gemüse für ganz Europa werden in Gewächshäusern in Andalusien angebaut, im sogenannten "Meer aus Plastik" Imago IMAGO / Hollandse Hoogte

Verwirrende Botschaften für Konsumenten und Konsumentinnen

Dennoch ist der Gemüseanbau in einer der trockensten Regionen Europas nicht gerade nachhaltig. Das Plastikmeer der Gewächshäuser in Alméria nimmt mittlerweile 30.000 Hektar Fläche ein. Durch den riesigen Wasserverbrauch ist der Grundwasserspiegel besorgniserregend gesunken. Seit 2010 wird das Gießwasser zwar teilweise aus Meerwasser-Entsalzungsanlagen gezogen, aber klimafreundlich ist auch das nicht. Denn die Anlagen werden oft mit fossilen Brennstoffen betrieben.

Reines Klimalabel ist umstritten

Wie können wir also beim Einkaufen erkennen, ob das Gemüse rundum nachhaltig angebaut wurde? Achim Spiller ist Professor für Agrar- und Lebensmittelmarketing an der Universität Göttingen. Die Botschaften für die Konsumenten und Konsumentinnen findet er verwirrend. Spiller ist auch Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz, kurz WBAE. Dieser Beirat hatte im Sommer 2020 empfohlen, Lebensmittelhersteller zu verpflichten, ihre Produkte mit einem Klimalabel zu kennzeichnen.

Auf einen Blick sollten Verbraucherinnen und Verbraucher sehen, wie viel CO2 bei der Herstellung des Produkts verursacht wurde. So könnten sie ganz bewusst entscheiden, wozu sie greifen.

Aber das reine Klimalabel ist umstritten. Der BUND kritisiert, es könne zu falschen Konsumentscheidungen führen. Denn das Tierwohl, der Beitrag für die Landschaftspflege und die Biodiversität würden bei einem Label, das nur die CO2-Emission in den Blick nimmt, nicht berücksichtigt. Auch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft hat sich gegen die Empfehlung des Wissenschaftlichen Beirats ausgesprochen.

Mandarinen im Netz: Um beim Einkaufen alle Aspekte einer nachhaltigen Ernährung im Blick zu behalten, hat das Heidelberger IFEU-Institut die wichtigsten Punkte zusammengestellt (Foto: Imago, IMAGO / Westend61)
Mandarinen im Netz: Um beim Einkaufen alle Aspekte einer nachhaltigen Ernährung im Blick zu behalten, hat das Heidelberger IFEU-Institut die wichtigsten Punkte zusammengestellt Imago IMAGO / Westend61

Jede Menge Bio-Siegel

Das EU-Bio-Siegel wiederum dürfen Erzeuger in Deutschland bereits seit 2001 freiwillig benutzen. Ein sechseckiges, grün-schwarz-weißes Symbol, das Erzeugnisse aus ökologischem Landbau kennzeichnet. Für die Zertifizierung und Kontrolle der Landwirte sind staatlich beauftragte Öko-Kontrollstellen zuständig. 2010 kam ein EU-weit verbindliches neues Bio-Siegel dazu. Daneben gibt es weitere Öko-Siegel, wie etwa Demeter, Naturland oder Bioland, die zusätzlich von den Anbauverbänden kontrolliert werden.

2020 neu dazu gekommen: das Nutriscore-Label, eine freiwillige Ampelkennzeichnung auf der Verpackung, mit der die Hersteller anzeigen, wie gesund das Produkt ist. Die Ökobilanz spielt dabei aber keine Rolle.

Überblick behalten ist für Verbraucher nicht einfach

Das Heidelberger IFEU-Institut sieht sowohl ein Klima-Label als auch ein Nachhaltigkeits-Label kritisch. Um beim Einkaufen alle Aspekte einer nachhaltigen Ernährung im Blick zu behalten, hat das IFEU-Institut auf seiner Internetseite die wichtigsten Punkte zusammengestellt. Auf der Liste des IFEU steht natürlich auch: Bitte zu Fuß oder mit dem Fahrrad einkaufen gehen. Der ökologischste Einkauf nutzt nichts, wenn man ihn mit dem SUV erledigt. Man sollte auf Einwegtüten verzichten und auf umweltfreundliche Verpackung achten. Zwar haben nicht alle Menschen einen der mehr als 100 Unverpackt-Läden in Deutschland in der Nähe. Aber man kann auch im Supermarkt bei Obst und Gemüse wiederverwendbare Netze nutzen oder Joghurt, Milch und Sahne im Pfandglas anstatt im Tetrapack kaufen.

Wer kann sich die Ernährungswende leisten?

Allerdings sind Ökoprodukte teils erheblich teurer als konventionell erzeugte. Und so bleibt am Ende die Frage: Wer kann sich die Ernährungswende leisten? 14 Prozent aller Deutschen sind durch Wohnkosten so überlastet, dass sie beim Essen sparen müssen. Mag sein, dass Lebensmittel teurer werden müssen, um die Kosten für eine nachhaltigere Landwirtschaft und die Lebensmittelherstellung zu decken. Doch falsch wäre es, wenn sich nur die Besserverdienenden ein gutes Gewissen leisten können.

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