STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG

Anhand verschiedener Experimente versucht die Raumfahrt herauszufinden, wie die menschlische Psyche auf Einsamkeit und Isolation reagiert. Was daraus für das Leben in Corona-Zeiten zu lernen ist, zeigt der Soziologe Professor Stefan Selke.

Audio herunterladen (26,6 MB | MP3)

Das Leben im Kloster ist eine Urform der Isolation

Klöster sind das Paradebeispiel für die freiwillige Isolation intentionaler Gemeinschaften. Das Claustrum, also der "abgeschlossene Raum", ist eine Lebensform, bei der sich Mönche oder Nonnen bewusst von ihrer Umgebung abgrenzen und dabei nach eigenen Regeln leben, um eine selbst gewählte Existenzweise in die Praxis umzusetzen. Die Mauern um Klöster sowie die Pforte markieren die Isolationsbedingungen nach außen, die Klosterregeln machen sie nach innen möglich.

Das 1163 gegründete Zisterzienserkloster Loccum: Klöster sind das Paradebeispiel für die freiwillige Isolation intentionaler Gemeinschaften (Foto: Imago, imago images / epd)
Das 1163 gegründete Zisterzienserkloster Loccum: Klöster sind das Paradebeispiel für die freiwillige Isolation intentionaler Gemeinschaften Imago imago images / epd

Trotz unterschiedlicher persönlicher Motivgeschichten für monastisches Leben bietet die Isolation eines Klosters eine klar strukturierte und sinnhafte Lebensform, wozu auch Strategien der Konfliktvermeidung gehören.

In einem Kloster erklärte mir einmal ein Mönch, warum der Kreuzgang so breit ist: damit sich emotional verstimmte Brüder leichter aus dem Weg gehen können.

Der europäische Astronaut Reinhold Ewald argumentiert übrigens ähnlich, wenn er fordert, dass man Raumstationen doch auch einmal „um die Ecke“ bauen sollte, damit man sich nicht immer zwangsläufig begegnen muss.

Isolation verstärkt negative Charaktereigenschaften

Eines der aufwändigen Isolationsexperimente ist HI-SEAS, ein Gemeinschaftsprojekt der Universität Hawaii und der NASA – der amerikanischen Weltraumbehörde.

Das künstliche Habitat befindet sich inmitten einer rötlichen Geröllwüste am Fuße des Vulkans Mauna Loa. Die isolierte Wohngemeinschaft der vierten Mission bestand aus vier Amerikanern, einem Franzosen sowie der deutschen Geophysikerin Christiane Heinicke, die ein Jahr in diesem Habitat lebten.

Imago (Foto: Imago, imago images / Sven Simon)
Christiane Heinicke nahm an dem NASA-Experiment Biosphere-2 teil. Es sollte zeigen, wie sich isoliertes Leben auf den Menschen auswirkt. Imago imago images / Sven Simon

Eine Crew aus einigermaßen rational denkenden Menschen kann erstaunlich viel aushalten, auch über mehrere Monate hinweg. Doch wenn nach einem halben Jahr kein Ende in Sicht ist, beginnt die Fassade zu bröckeln. Und auch die kleinsten Risse, die bei der Auswahl der Crew übersehen wurden, treten zutage.

Für Heinicke stand am Ende des Jahres ein eindeutiges Fazit fest: „Offensichtlich kehrte die Langzeitisolation die schlechtesten Eigenschaften in uns hervor, und zwar in uns allen.“

Die Biosphärensimulation liefert wertvolle Erkenntnisse

Nahe der Stadt Oracle in Arizona befindet sich die Biosphere 2, ein riesiges Terrarium aus Stahl und Glas. Biosphere 2 heißt: eine Art zweite Erde in Miniaturformat, komplett mit Mini-Ozean, Mini-Regenwald und Mini-Ackerland.

Am 26. September 1991 fiel der Startschuss für den ersten Einschluss. Acht Bionauten machten sich bereit, um auf dem Raumschiff Erde in Miniaturformat einzuchecken.

Probleme ließen nicht lange auf sich warten. Im Habitat herrschte hohes Artensterben, blütenbestäubende Tiere wie Bienen und Kolibris starben. Die Bionauten mussten ihre überlebensnotwendigen Pflanzen von Hand bestäuben. Noch dazu verbreiteten sich Fadenwürmer, Kakerlaken und Ameisen. Ungeziefer wurde zum Feind des Menschen.

Nahe der Stadt Oracle in Arizona  USA befindet sich die Biosphere 2, ein riesiges Terrarium aus Stahl und Glas (Foto: Imago, mageBROKER/ErichxSchmidt)
Nahe der Stadt Oracle in Arizona / USA befindet sich die Biosphere 2, ein riesiges Terrarium aus Stahl und Glas Imago mageBROKER/ErichxSchmidt

Trotz oder gerade wegen dieser Probleme liefert das Biosphere-2-Experiment wertvolle Hinweise. Eine positive Gruppendynamik physisch isolierter Gruppen wird inzwischen als zentraler nicht-technischer Erfolgsfaktor für zukünftige Weltraumexplorationen angesehen. Zentral hierbei ist die Anpassungszeit an die künstliche Umwelt.

Im Experiment entwickelte die Crew der Biosphere-2 einen angepassten Lebensstil, der half, mit den Entbehrungen der Isolation umzugehen.

Die Corona-Krise hat die Gesellschaft in ein Labor verwandelt

Quarantäne, Lockdown, Social Distancing – wir leben plötzlich in einem Labor, erfahren Grenzsituationen. In der temporären Versuchsanordnung des Lebens dürfen und können wir wahrscheinliche und wünschenswerte Existenzformen erproben.

Zwei Frauen im Rollstuhl mit Gesichtsmasken in Kaiserslautern (Foto: SWR)

Hierbei könnte eigentlich alles auf den Prüfstand gestellt werden: Wie viele Regeln tun Menschen gut? Wie funktioniert Kooperation statt Konkurrenz? Was außer Geld brauchen wir wirklich zum Leben?

Auf dieser Basis ließe sich eine Blaupause für den Masterplan einer neuen Zivilisation erarbeiten.

Raumfahrt Aufbruch zur zweiten Erde – Wann wird interstellares Reisen möglich?

Vielleicht müssen wir Menschen eines Tages unsere Erde verlassen, um auf einem anderen Planeten zu siedeln. Was müsste das Raumschiff an Bord haben?  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Psychologie Das perfekte Team

Polarforscher am Südpol, Raumfahrer auf dem Weg zum Mars – nicht nur in Extremsituationen kommt es auf das perfekte Team an. Ist der Mythos des Einzelkämpfers überholt?  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Geophysikerin Christiane Heinicke

"Willkommen zurück auf der Erde!", das war der Satz, mit denen jene drei Frauen und drei Männer begrüßt wurden, als ihre Marsmission zu Ende war. Am 28. August endete auf Hawaii ein Experiment, bei dem exakt 365 Tage lang das Leben auf dem Mars so echt als möglich simuliert wurde, in einer winzigen Forschungsstation am Hang des Vulkans Mauna Loa in 2500 Meter Höhe. Mit dabei: die deutsche Geophysikerin Christiane Heinicke. In ihrem Blog "Leben auf dem Mars" hat sie festgehalten, was sie erlebte und was sie besonders vermisste, zum Beispiel "bei offenem Fenster schlafen."  mehr...

Leute SWR1 Baden-Württemberg

Diskussion Stresstest für die Seele: Wie bewältigen wir die Corona-Quarantäne?

Es diskutieren:
Prof. Dr. Hartmut Rosa, Soziologe, Jena
Prof. Dr. Sabine Walper, Psychologin und Pädagogin, Forschungsdirektorin am Deutschen Jugendinstitut, München
Prof. Dr. Stefan Willich, Direktor des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie, Charité Berlin
Moderation: Norbert Lang  mehr...

SWR2 Forum SWR2

Psychologie Coronavirus: Wie Menschen mit Angststörungen die Krise bewältigen

Gerade Menschen, die unter Depressionen, Panikattacken oder anderen Angststörungen leiden, haben es jetzt schwer und benötigen Unterstützung. Jochen Steiner im Gespräch mit dem Angstforscher Borwin Bandelow  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Hörspiel Jan Jelinek: Das Scheitern der bemannten Raumfahrt - wie reagiert der Mensch auf Isolation

Am 26. September 1991 war es soweit. Ein ein Team von vier Frauen und vier Männern sich für zwei Jahre in einen von der Außenwelt isolierten Gebäudekomplex in Tucson, Arizona, zurück. Biosphere 2 wurde als eigenständiges, geschlossenes Ökosystem konzipiert, das lediglich Sonnenlicht und Strom von der Außenwelt beziehen sollte. Als das ursprüngliche Konzept von Biosphere 2 aufgrund technischer Mängel aufgegeben und Sauerstoff zum Überleben der Insassen hineingepumpt werden musste, konnte die Schadenfreude kaum größer sein. Das einst noch so positive Image schwand, die Forschungsergebnisse wurden als pseudowissenschaftlich belächelt.  mehr...

Psychologie: aktuelle Beiträge

Psychologie Rituale zur Beruhigung: Was die Wissenschaft über Aberglauben weiß

Sportler tragen gerne ihr Glückstrikot, Fußballer betreten das Spielfeld immer zuerst mit dem rechten Fuß, Studierende bringen ihre Glücksbringer mit zur Prüfung. Diese Rituale können Selbstvertrauen und Beruhigung schaffen. Viel mehr weiß die Forschung allerdings noch nicht. Jochen Steiner im Gespräch mit der Psychologin Barbara Stoberock  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Psychologie Weil Menschen abergläubisch sind, bleiben schwarze Katzen oft im Tierheim

Das Vorurteil, das schwarzen Tieren generell etwas Unheimliches anhaftet, hält sich bis heute. Mit traurigen Konsequenzen. Einer aktuellen Umfrage des Deutschen Tierschutzbundes zufolge sind schwarze Hunde und Katzen besonders schwer vermittelbar.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Psychologie Studie: Depressive Menschen leiden besonders in der Pandemie

Jeder zweite depressive Mensch in Deutschland hat im Frühjahr einer Studie zufolge massive Probleme bei der Behandlung seiner Krankheit erlebt, so das Deutschland-Barometer Depression, das heute vorgestellt wurde. Außerdem haben die Betroffenen die Kontaktbeschränkungen als besonders belastend empfunden.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Raumfahrt: aktuelle Beiträge

Raumfahrt Weg mit Weltraumschrott: ESA startet Aufräum-Aktion im All

Kaputte Satelliten und Raketenreste vermüllen inzwischen die Erdumlaufbahn und gefährden Raumfahrtmissionen. Die ESA startet deshalb die weltweit erste Weltraum-Aufräum-Aktion, zusammen mit dem Start-up ClearSpace. Martin Gramlich im Gespräch mit Thomas Hillebrandt, SWR-Wissenschaftsredaktion  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Raumfahrt China startet neue Mondmission: Sonde soll Gesteinsproben sammeln

Heute Morgen hat China seine neue Mondmission gestartet. Die Sonde mit dem Namen Chang’e-5 soll auf dem Mond landen, dort Gesteinsproben sammeln und diese zurück zur Erde bringen. Das ist auch ein Probelauf für eine mögliche bemannte Mondmission.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG