Musikstück der Woche

Boris Giltburg spielt Prokofjews 4 Etüden

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„Das Publikum ist befremdet“

Prokofjew ist ein begnadeter Pianist. Fast alle seine Werke hebt er selbst aus der Taufe – und das Publikum staunt nicht schlecht! Etwa wenn es einen Mann am Klavier sitzen sieht, der beginnt, Tasten abzuwischen und Töne auszuprobieren – das ist keine Aufwärmübung, sondern die Komposition selbst. „Das Publikum ist befremdet“, schreibt ein Kritiker nach einem Konzert. Ein Skandal, aber eigentlich das Beste, was Prokofjew passieren kann, denn es macht ihn bekannt und wird ihm später die Türen in die Neue Welt öffnen. Aber erstmal wird studiert!

Konservatoriumsjahre

Prokofjew fängt mit 13 am Petersburger Konservatorium an, er ist willensstark, hat mächtig Selbstbewusstsein und Energie. Die fließt zuhauf in sein stupendes Klavierspiel und seine Kompositionen ein. In den zehn Jahren am Konservatorium experimentiert Prokofjew vor allem mit dem Klavier und schreibt in dieser Zeit auch seine Etüden op. 2. Mit ihnen beißen sich bis heute Pianisten die Zähne aus. Prokofjew – noch keine zwanzig Jahre alt – bricht darin nebenbei musikalisch mit etlichen Konventionen.

„Machtvolle Empfindungen“

Obwohl sich Prokofjew schon als Student für die damalige musikalische Avantgarde einsetzt wie Schönberg und Skrjabin, haben seine ersten Kompositionen noch spätromantische Züge. Diese „romantische Phase“, wie er sie nennt, geht nahtlos über in eine Phase der „machtvollen Empfindungen“. Von denen hört man gleich reichlich in der ersten seiner vier Etüden, sie strotzt vor Kraft und Energie. Alle Etüden zusammen zeigen schon das gesamte Spektrum seiner Kunst: klassisch, modern, motorisch-toccatenhaft, lyrisch (vor allem im schönen elegischen 2. Satz) und grotesk.

Boris Giltburg

Pianisten gibt es nicht gerade wenige in seiner Familie: Mutter, Großmutter und Urgroßmutter. Und nun auch er: 1984 in Moskau geboren, mit fünf zieht er mit seiner Familie nach Israel, wird – eine Parallele zu Prokofjew – ab frühester Kindheit von der Mutter unterrichtet, studiert in Tel Aviv, gewinnt große Preise – und liebt russische Literatur und Musik. Sein Verständnis von Musik? „Was der Komponist im Kopf hatte, wissen wir nicht. Diese „erstarrten Tonträume“, wie Hermann Hesse einmal die Partituren genannt hat, müssen wieder zum Leben erweckt werden“.

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