Musikstück der Woche

Yevgeny Sudbin spielt Beethovens Bagatellen für Klavier op. 126

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Ein Genie ist auch in seinen Miniaturen interessant: „Kleinigkeiten“ sind Beethovens Bagatellen allenfalls im Hinblick auf ihre Ausdehnung, keinesfalls aber auf ihre Substanz.

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Musikalische „Gedankenspäne“?

Wenn ein Komponist wie Ludwig von Beethoven „Bagatellen“ also: „Kleinigkeiten“ schreibt, dann ist Skepsis angesagt, ob es sich wirklich um Miniaturen handelt. Klein mögen sie sein, keineswegs aber ohne Substanz.

So gehören die Bagatellen zu den bemerkenswerten Klavierwerken von Ludwig van Beethoven. Jedenfalls nährt die hohe Qualität dieser Werke Zweifel daran, dass es sich bei seinen Opera 33, 119 und 126, allesamt von Beethoven als Bagatellen bezeichnet, nur um „Gedankenspäne“ handele, „die während des Komponierens großer Werke abgefallen“ seien, wie Beethovens Sekretär und Biograf Anton Schindler meinte.

Die Nähe zu den späten gewaltigen Klaviersonaten ist besonders spürbar in den Bagatellen op. 126, die repräsentativ sind für Beethovens Spätstil seiner letzten Lebensjahre.

Finanzielle Schwierigkeiten

Der Sommer 1822 gestaltete sich für Beethoven finanziell außerordentlich schwierig. In seiner Not wandte sich der Komponist an seinen Bruder Johann. Johann van Beethoven, das „Finanzgenie“ der Familie, war wohlhabend und sehr geschickt in kaufmännischen Dingen. Er unterstützte Ludwig, verlangte aber im Gegenzug von diesem das Eigentumsrecht an mehreren Werken.

Die Brüder zerstritten sich, Intrigen und Ränke wurden geschmiedet. Um Johann schließlich zu entschädigen, überließ Ludwig ihm den neuen Zyklus von sechs Bagatellen op. 126, den Ludwig im Frühjahr 1824 verfasst hatte und am 19. Juni 1824 seinem Bruder als zur Abholung bereit ankündigte.

Wenn sich Beethoven also mit der von ihm als „zyklisch“ benannten Werkgruppe op. 126 von seinem Instrument, dem Klavier, verabschiedete, so war das kein „planmäßiger“ Schritt, sondern eher äußerlich - durch Geldnot - bedingt. Und doch war es eine Zäsur, ein Aufbruch zu neuen Gipfeln im weiteren Spätwerk des Komponisten, der sich hauptsächlich in den letzten Streichquartetten niederschlug.

Komponierte Improvisationen

Schöpferische Freiräume, innovative Lösungen in kleinem Format, das waren die Parameter, die Beethoven an dieser Gattung interessierte. Zugleich hatten die Werke als „Gelegenheitskompositionen“ die Erwartungen von Verlegern und Käufern im Hinblick auf Umfang und Spielbarkeit zu erfüllen, wenn er sie lukrativ an den Mann bringen wollte.

Umso kunstvoller sind die spezifischen musikalischen Charakteristiken, die jeder einzelne Satz aufweist. Nach einem ruhigen Andante, das den Zyklus eröffnet, gibt sich das Allegro kapriziös und wechselt in einen lyrisch-liedhaften Kantilenensatz, der sich auch im folgenden Andante cantabile auswirkt.

Gegensätzlich und schroff gibt sich dagegen das Presto mit sich unruhig wiederholenden Abschnitten. Nach einem sich wieder wiegenden sanften Allegretto erinnert die abschließende Bagatelle Nr. 6 mit ihrer heftigen Presto-Introduktion und dem darauffolgenden Andante amabile an Beethovens letzte wuchtige und maßstabsetzende Sonate op. 111.

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