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Offenheit gehört zu den Tugenden der jüngeren Musikergeneration. Zu diesen Interpret*innen gehört auch der Australier Anthony Romaniuk, der sich als Jugendlicher zunächst für den Jazz begeisterte. Und dann in New York klassisches Klavier studierte und sich in den Niederlanden in der Alten Musik ausbilden ließ.

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Mit dem Ergebnis, dass er heute auf den verschiedensten Tasteninstrumenten ein Repertoire aus 700 Jahren spielt. Das ist auch bei seiner ersten Solo-CD der Fall, die er jetzt bei Alpha Classics veröffentlicht hat. Die kann Hörer*innen schon mal verwirren.

In 21 verschiedenen Werken ergründet Anthony Romaniuk das Prinzip des Grundtons, des Bordunregisters, aus dem sich alle weiteren Töne und damit auch alle Melodien und Harmonien entwickeln.

In Reinkultur findet man dieses Phänomen beim Klang der Glocken, die eine reiche Obertonreihe hörbar werden lassen, sobald man sie anschlägt, d.h. die in sich schon den ganzen Kosmos der Musik bergen.

Universales Spektrum

Um ein Beispiel aus der klassischen Musik zu nehmen, im Schlusslied aus Franz Schuberts „Winterreise“, im „Leiermann“, der die Kurbel seines Leierkastens dreht und dreht und dabei die immergleiche Quinte von a und e anstimmt.

Auch dieses Stück hat Romaniuk in seine Kollektion aufgenommen und darüber improvisiert, auf einem Fortepiano, darüber fantasiert – und doch öffnet er mit seiner Improvisation ein universales Spektrum.

Der Bordunklang: ein Stück Menschheitsgedächtnis

Das fängt damit an, dass man sich nicht ganz sicher sein kann, welches Instrument er gewählt hat. Manchmal klingt es, als spiele er auf einer Laute, manchmal erinnert es an das ungarische Zimbal, das von Klöppeln angeschlagen wird.

Vor allem aber lässt Romaniuk mit seiner Schubert-Auslegung deutlich werden, dass die Bordunquinte ein Urmuster ist, das zu allen Zeiten geläufig war und in jeder Kultur beheimatet ist: in der Volks- wie in der Kunstmusik, in Osteuropa, im Orient und natürlich auch in der westlichen Klassik.

Der Bordunklang ist also ein Stück Menschheitsgedächtnis. Weshalb „Der Leiermann“ auch nicht mehr bloß „unser guter Schubert“ ist, sondern Teil einer globalen Kultur.  

Mit dieser Erkenntnis lässt sich dann auch Klaviermusik von Ludwig van Beethoven neu hören. Wie etwa das Rondo aus der „Pastoral“-Sonate op. 28, abermals interpretiert auf dem Fortepiano. Das ist wohlbekannt – und klingt doch erfrischend neu:

Anthony Romaniuk präsentiert hier den Bordunbass als Gravitationspunkt, über dem die Musik aufgeklappt wird und sich entfaltet. Wie ein Carillon klingt das, mit der schweren Glocke, die immerzu läutet, als Fundament; das obere Spielwerk übernimmt dann die schnellen Figurationen.

Virtuose auf vier verschiedenen Instrumenten

Anthony Romaniuk agiert er nicht bloß nachschaffend, sondern mitschöpferisch, indem er die Stücke mit improvisatorischen Zutaten oder präludierend auf sie hinleitet. Romaniuk, der regelmäßig mit wahlverwandten Interpreten wie der Geigerin Patricia Kopatchinskaja, dem Cellisten Pieter Wispelwey oder dem Vokalensemble Vox Luminis zusammenarbeitet, erweist sich auch als technisch versierter Pianist.

Sein Album „Bells“ lebt nicht nur vom aufschlussreichen Konzept, sondern gleichermaßen von seiner Vielseitigkeit. Romaniuk entpuppt sich als Virtuose auf gleich vier verschiedenen Instrumenten: Neben dem Fortepiano und den Fender Rhodes spielt er auch Cembalo und das moderne Klavier, und mit allen weiß er kreativ umzugehen.

Das Trennende tritt hinter das Gemeinsame zurück

Vielleicht ist das ja die eigentliche Botschaft dieser CD: Die herkömmlichen Kategorien, also Begriffe wie klassische, moderne oder außereuropäische Musik, sie lösen sich auf. Anders gesagt: Das Trennende tritt hinter das Gemeinsame zurück. So sollte es sein – nicht nur in der Tonkunst.

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