CD-Tipp Faszinierende Überraschungen: Chopin-Kammermusik mit der Parnassus Akademie

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Sendezeit
10:05 Uhr
Sender
SWR2

Eine ganze CD mit Kammermusik-Ersteinspielungen von Frédéric Chopin – die Stuttgarter Parnassus Akademie und das Label Dabringhaus & Grimm machen es möglich. Im Zentrum dabei eine echte Novität: Chopins Klaviertrio – und zwar nicht in der bekannten Fassung für Geige, Cello und Klavier, sondern in einer Fassung mit Bratsche statt Geige. So, wie sich der Komponist dieses Werk einst als Ideal erträumt hatte. Rafael Rennicke hat sich die CD angehört.

Der Komponist und hellhörige Musikkritiker Robert Schumann – er hatte wieder einmal ein Gespür für das Außergewöhnliche:

 „Was könnte ich über dieses Trio sagen, was nicht jeder, der ihm nachzuempfinden vermag, sich selbst gesagt hätte! Ist es nicht so edel als möglich, so schwärmerisch, wie noch kein Dichter gesungen hat, eigenthümlich im Kleinsten wie im Ganzen, jede Note Musik und Leben? Armer Berliner Recensent, der du von all diesem noch nichts geahnet, nie etwas ahnen wirst, armer Mann!“

Was Robert Schumann damals nicht ahnen konnte: Es sollten noch viele weitere „arme Männer“ folgen, die es mit Chopins Klaviertrio nicht sonderlich gut meinten. Mal wurde dem 19-jährigen Warschauer Studenten mangelndes Formverständnis vorgeworfen. Mal wurde behauptet, er, der Klavierkomponist, könne für Streichinstrumente überhaupt nicht schreiben. Der Chopin-Biograph Jim Samson bemerkte noch 1985 über das Klaviertrio:

 „Dem verwendeten Klangkörper ist das Werk denkbar unangemessen. Chopin war offenbar nicht imstande, etwas Ansprechendes für Streichinstrumente zu schreiben – der arme Geiger kommt während des ganzen ersten Satzes kaum aus der ersten Lage heraus.“

Ein armer Mann mehr. Doch jetzt ist beim Label Dabringhaus & Grimm eine Einspielung des Klaviertrios erschienen, die die Entstehungsgeschichte des Werks in ein anderes Licht rückt. Sie basiert auf den Forschungen des Musikwissenschaftlers Joachim Draheim. Er ist einer Stelle in einem Brief von Chopin nachgegangen:

 „Am Sonntag habe ich das Trio probiert. Vielleicht weil ich es längere Zeit nicht mehr gehört hatte, war ich ganz zufrieden mit mir selbst (glücklicher Mann!). Es kam mir dabei die Idee, statt der Geige eine Bratsche einzusetzen. Da auf der Geige die höchste Saite am besten klingt, gerade sie aber am seltensten gefordert ist, wird sich eine Bratsche besser behaupten gegenüber dem Cello, das in seiner ureigenen Lage gehalten ist. Und so will ich das Werk vielleicht drucken lassen.“

Chopins Ideal-Besetzung mit Bratsche

Aus diesem aparten Bratschen-Plan ist zu Lebzeiten von Chopin zwar nie was geworden. Doch kann jetzt erstmals erlebt werden, wie sie geklungen hätte: Chopins Ideal-Besetzung. Die Musiker des Stuttgarter Trio Parnassus haben dafür ihre angestammte Besetzung an einer Position verändert: Anstelle der Geigerin Julia Galic spielt nun, als Gast, die Bratschistin Madeleine Przybyl.

Die Struktur des Werks bleibt dabei dieselbe, allein: Die Bratsche, eine Quint tiefer gestimmte Bratsche als die Geige, mit ihrem größeren Klangkörper und dunkleren Timbre – sie verleiht dem Werk einen ganz neuen Charakter. Besonders auffällig wird das im zweiten Satz. Hier der Beginn zunächst in der bekannten Fassung mit Violine.

Klangliche Verschmelzung

Vergleichen wir diese Fassung mit der neuerstellten Fassung für Bratsche, dann fallen die von Chopin erwähnten Vorzüge gleich ins Ohr. Doch nicht nur behauptet sich die Bratsche gegenüber dem Cello in der von Chopin erhofften Weise. Die beiden Streichinstrumente finden zugleich auch zu einem Grad der klanglichen Verschmelzung, wie man das bisher von diesem Werk nicht gekannt hat.

Sängerin des Innenlebens

Fast wirkt diese Fassung so, als hätte Chopin mit ihr eine romantische Idee vorwegnehmen wollen. In den folgenden Jahrzehnten wird die Bratsche wegen ihres warmen, seelenvollen und immer auch ein bisschen melancholischen Tons zu einem der beliebtesten Instrumente der Romantik, ja als „Sängerin des Innenlebens“ bezeichnet. Und gesungen wird in Chopins Klaviertrio zuhauf: Immer wieder besticht der unbedingte Wille zur Melodie, zur expressiven Linie. Im dritten Satz, einem „Adagio“, verleiht die Klangfarbe der Bratsche dieser frühen Musik Chopins einen geradezu geheimnisvollen Anstrich.

Diese Melodielinienpoesie von Bratschstin Madeleine Przybyl und Cellist Michael Groß wird von Johann Blanchard am Klavier aufs Schönste unterstützt. Er ist nicht nur im Klaviertrio ein umsichtiger und gewandter Primus inter pares. Auch in den anderen Chopin-Werken dieser Neuerscheinung beweist er, mit welcher Eleganz Chopins Musik gespielt werden kann, ohne dabei vordergründig virtuos zu sein.

Die „Grande Fataisie sur des Airs polonais“ für Klavier und Orchester und der berühmte „Krakowiak“, ebenfalls für Klavier und Orchester, klingen hier bei aller Leidenschaft ganz natürlich. Was nicht zuletzt ein Verdienst des Komponisten Xaver Paul Thoma ist: Er hat die beiden Werke sensibel ins Kammermusikalische übertragen. Bei Johann Blanchard und den Streichquintett-Musikern der Parnassus Akademie sind diese Bearbeitungen, die das kleine Feld Chopin’scher Kammermusik bereichern, in besten Händen.

Vielleicht ist es signifikant, dass Chopin ausgerechnet im selben Brief, in dem er von seinem Bratschen-Plan berichtet, auch von seiner Liebe zur Heimat schreibt und von dem Wunsch, sie nie verlassen zu müssen:

 „Ich weile noch immer in Warschau, und es zieht mich nichts über die Grenzen des Landes. Du darfst mir glauben, dass ich nächste Woche abreise, und ich reise nur, um meinem Beruf und meiner Vernunft Genüge zu leisten.“

Klingendes Denkmal

Chopin sollte nach seiner Abreise in Richtung Paris nie wieder seine Heimat sehen. Im Finalsatz seines Warschauer Trios hat er ihr bereits ein klingendes Denkmal gesetzt, wenn er ganz beiseite, mehr zu sich selbst, als nach außen gekehrt, Klänge der polnischen Nationalmusik herbeiruft: Gefühl aus Ost, in dem die Sehnsucht des künftigen Exilanten bereits zum Greifen nah ist.

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