Transgender-Flagge mit Herz (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance)

Wenn das Kind trans* ist

"Egal, ob SIE oder ER, Tea ist unser Kind"

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Sabine Hub
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Die Gesellschaft ist offener geworden und immer mehr Menschen trauen sich, sich als trans* zu outen. Genaue Zahlen gibt es nicht. Aber laut Schätzungen sind etwa 0,6 Prozent der Menschen in Deutschland trans*. Erstmals sitzen sogar zwei geoutete trans* Frauen im Bundestag.

Aber der Weg zum Coming Out ist oft lang. Tea hat den Mut dazu aufgebracht. Sie ist 24 Jahre alt, kommt aus dem Rhein-Pfalz-Kreis und ist trans*. Sie ist biologisch als Mann geboren worden, hat sich aber schon immer als Frau gefühlt.

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Schon im Kindergarten hat sie gemerkt, dass sie "anders" ist. Mit der Jungenrolle ist sie nicht zurechtgekommen, wollte immer Mädchen spielen und sich als Prinzessin verkleiden. Die anderen Jungen haben ihr klargemacht: Das geht nicht.

Als Kerl bekommt man beigebracht, dass weiblich sein etwas Schlechtes ist. Ich habe das Gefühl gehabt, wenn ich mich nicht männlich genug verhalte, kann ich nicht dazu gehören. Und Kinder wollen dazu gehören.

Kampf gegen die eigenen Gefühle

Jahrelang hat Tea gegen ihre Gefühle angekämpft. Als Jugendliche war sie Außenseiterin und wusste gar nicht, wie sie sich überhaupt Freunde suchen soll. "Weil ich das Gefühl hatte, mein Innenleben nicht preisgeben zu dürfen."

Sie war innerlich zerrissen, es ging ihr immer schlechter. 2023 ist ihr klar geworden, dass sie so nicht weiter machen will. Also hat sie eine Entscheidung getroffen, die ihr Leben verändert hat. Sie hat sich in Tea umbenannt und angefangen, Frauenkleider zu tragen. Dann hat sie sich vor ihren Eltern als trans*Frau geoutet. "Das war ein sehr großer Schritt für mich", sagt sie.

Der schwierige Weg zum Coming Out

"Diesen Schritt erleben transgeschlechtliche Menschen oft als herausfordernd, aber auch als sehr befreiend", sagt Alina Anstatt. Sie ist Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V. (dgti) und trans*Beraterin in Mainz und Rheinhessen. Sie hilft und berät transgeschlechtliche Menschen zu Themen wie Outing oder Transition.

Alina Anstatt ist trans* Beraterin (Foto: privat / Alina Anstatt)
Alina Anstatt ist Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V. (dgti) und trans*Beraterin in Mainz und Rheinhessen.

Alina Anstatt rät transgeschlechtlichen Menschen, die sich outen wollen, das erst einmal in einem Umfeld zu tun, in dem sie sich sicher fühlen und nicht mit Vorurteilen rechnen müssen. Meist ist das der Freundeskreis. "Die positive Erfahrung gibt Mut, sich auch in anderen Lebensbereichen zu outen", sagt sie.

Für Teas Mutter Britta war Teas Coming Out keine große Überraschung. Es hat sich eher ein Kreis geschlossen, sagt sie. "Der Schritt war für uns als Eltern klar und richtig, weil wir gemerkt haben, wie glücklich sie als Frau ist." Sie macht sich aber auch manchmal selbst Vorwürfe. "Wenn wir früher gemerkt hätten, dass Tea trans* ist und wir uns früher getraut hätten, darüber zu reden, hätte vielleicht ihre Depression nicht sein müssen und auch nicht ihr Schulabbruch."

Leben mit Diskriminierung

Ein bisschen Angst hatte Britta auch davor, wie die Menschen ihrem Ort im Rhein-Pfalz-Kreis mit rund 7.000 Einwohnerinnen und Einwohnern reagieren. Aber es kamen nur positive Rückmeldungen. "Jeder hat gesagt, toll, dass ihr Tea so unterstützt und so zu ihr haltet. Und da habe ich gesagt: Es ist doch egal, wer sie ist, sie oder er, es ist unser Kind."

Teas Eltern und ihre Freunde und Freundinnen stehen hinter ihr. Trotzdem ist Diskriminierung für sie von klein auf Alltag. Auch im Job hat sie abwertende Sprüche zu hören bekommen. Dort hat sie sich nie getraut, Frauenkleider zu tragen oder sich zu outen.

Das erste Mal beleidigt worden bin ich schon als Kind. Und wenn ich jedes Mal, wenn mich jemand in meinem Leben "Schwuchtel" genannt hat, einen Cent bekommen würde, wäre ich Millionärin.

Trans*Beraterin Anstatt hat bei ihrem eigenen Coming Out auf der Arbeit viele positive Rückmeldungen bekommen. Die Menschen, die ihr danach aus dem Weg gegangen sind, hat sie offen gefragt, ob sie ein Problem mit ihr haben. "Meist ist dann herausgekommen, dass sie mich nicht ablehnen, sondern verunsichert sind und nicht wissen, wie sie mit mir umgehen sollen. Ich habe geantwortet: genauso wie davor auch." Viele Vorurteile kämen vor allem dadurch zustande, dass die meisten Menschen kaum etwas über Transgeschlechtlichkeit wüssten. "Da wird so viel durcheinander geworfen. Manche Menschen denken beispielsweise, Menschen mit Transidentität seien Drag Queens." Offenheit und Aufklärungsarbeit seien dringend notwendig, um Vorurteile abzubauen. Offen Fragen zu stellen sei erlaubt und sogar erwünscht.

Wie Eltern ihre Kinder unterstützen können

Vor allem für Eltern von minderjährigen trans*Kindern ist es oft eine große Herausforderung, wenn ihr Kind ihnen sein wahres Geschlecht offenbart. Hier ist es wichtig, das Kind zu unterstützen und vor allem ernst zu nehmen, sagt Expertin Alina Anstatt. "Wenn sich ein Kind traut, auf die Eltern zuzugehen und zu sagen, ich fühle mich anders, dann ist das ein Riesenschritt. Das sollten die Eltern keinesfalls als Phase abstempeln."

Dann ist es wichtig, sich erst einmal intensiv mit dem eigenen Kind und seinen Gefühlen und Plänen zu beschäftigen. Danach sollten sich Eltern gemeinsam mit ihrem Kind an eine Kinder- und Jugendpsychologin oder einen Psychologen wenden, der auf das Thema trans* spezialisiert ist. Eine entsprechende Liste bekommen Eltern beispielsweise auf Anfrage vom Verein "dgti". In der Therapie wird auch geklärt, welche Schritte möglicherweise anstehen, was eine Transition betrifft, also den Übergang von einem Geschlecht in ein anderes.

Hoffnung auf das Selbstbestimmungsgesetz

Tea möchte eine Hormontherapie machen und denkt auch über eine Geschlechtsangleichung nach. Sie möchte so bald wie möglich ihren Vornamen und ihr Geschlecht offiziell ändern. Bisher müssen Menschen, die ihr Geschlecht im Pass ändern wollen, zwei psychiatrische Gutachten einholen und dabei intime Fragen beantworten wie zum Beispiel, wie oft sie masturbieren. Das Verfahren dauert Monate und die Gutachten sind teuer. Entscheiden muss dann noch ein Gericht.

Das neue Selbstbestimmungsgesetz soll das ändern. Es sieht vor, dass jeder Mensch in Deutschland sein Geschlecht und seinen Vornamen künftig selbst festlegen und in einem einfachen Verfahren beim Standesamt ändern kann. Das Gesetz soll im November in Kraft treten. Tea wartet sehnlichst darauf.

Sie ist glücklich, dass sie sich zu Hause nicht mehr verstellen muss. Seit sie sich geoutet hat, geht es ihr so gut wie nie. Sie wünscht sich aber, dass sie überall so akzeptiert wird, wie sie wirklich ist. "Immer, ohne Wenn und Aber. Einfach leben und leben lassen. Man sollte meinen, das ist nicht so schwer. Aber das ist ein Schritt, der noch vor mir liegt."

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Mehr Geschlechtsoptionen im Dropdown-Menü
Diese Hürden sind nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes ein Freiheitseingriff, und den dürfe der Staat nur mit sehr guten Gründen einem Menschen aufdrücken, so Wersig. „Künftig wird es dann so sein, dass eine Person zum Standesamt gehen kann und mithilfe einer Erklärung darüber Auskunft geben kann, dass der Geschlechtseintrag, der dort vielleicht besteht, nicht richtig ist. Die Person kann dann den richtigen Eintrag mitteilen. Da gibt es verschiedene Optionen: männlich, weiblich, divers oder auch nichts und man kann auch den Vornamen ändern, wenn die Person das wünscht. Und ja, nach dem jetzigen Entwurf gibt es eine Wartefrist von drei Monaten. Und dann tritt das in Kraft.“
Solidarisch mit der Minderheit
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