Porträt Ottmar Hitzfeld - nachdem er seine Depression bekämpft hat (Archibild aus dem Jahr 2007)

Lörracher Ex-Trainer spricht über seine Erkrankung

Hitzfeld über seine Depression: "Da waren fürchterliche Erlebnisse in mir drin"

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AUTOR/IN
Laura Könsler
Porträtfoto Laura Könsler

Ottmar Hitzfeld war Trainer bei Bayern München und Borussia Dortmund. Am Freitag sprach er in einer Lörracher Tagesklinik über seine Depression. Er ist froh, dass das Thema heute nicht mehr so stark tabuisiert wird.

Der ehemalige Bundesliga- und Schweizer Nationalmannschafts-Trainer Ottmar Hitzfeld aus Lörrach sprach in einer Tagesklinik seiner Heimatstadt über seine Depression und Burnout. Er wolle anderen damit helfen, offen mit der Krankheit umzugehen. Zwei Mitarbeiter der Lörracher Tagesklinik interviewen Ottmar Hitzfeld zu seiner Erkrankung, die mittlerweile 20 Jahre zurückliegt.

Die zwei nehmen in dem überfüllten Raum auf Sesseln Platz, während der ehemalige Sportler einen harten Stuhl vorzieht. Grinsend sagt Hitzfeld dazu: "Ich sitze lieber hart, wie auf einer Trainerbank."

Der 75-Jährige schildert seine sportlichen Stationen und wie es dann zu seinem Burnout, seiner Depression kam. "Das war ein schleichender Prozess", erzählt er. Damals sei das Thema Depression noch nicht so bekannt gewesen. Auch als der ebenfalls aus Lörrach stammende Bayernspieler und Nachwuchstalent Sebastian Deisler an einer Depression erkrankte, habe er sich nichts gedacht. Parallelen zu sich seien ihm nicht aufgefallen.

Das war ein schleichender Prozess.

Frau von Ottmar Hitzfeld hat interveniert

Auch sein Umfeld habe nichts gemerkt, erinnert sich Ottmar Hitzfeld. "Die haben gedacht, der ist ein bisschen in sich gekehrt", und schmunzelnd fügt er hinzu: "Ein Alemanne halt." Das Publikum lacht, doch Ottmar Hitzfeld wird wieder ernst. Lediglich seine Frau habe gespürt, dass etwas nicht stimmt. Sie habe gesagt: "Du brauchst Hilfe."

Umfeld hat kaum etwas gemerkt von der Depression

Aber das Thema Depression sei damals, anders als heute, nicht so bekannt gewesen. "Als Trainer musst du immer alle pushen, musst Energie haben. Doch wer kümmert sich um den Trainer?", fragt Hitzfeld. Irgendwann habe er sich antriebslos gefühlt, alles sei eine Last gewesen. Selbst über gewonnene Spiele habe er sich nicht mehr freuen können. Er habe nichts mehr gefühlt.

"Da waren fürchterliche Erlebnisse in mir drin", sagt er. Ein Schlüsselmoment aber war, als ihn eine Angstattacke überfiel. "Damals fuhr ich Auto und hatte plötzlich Platzangst. Ich riss das Fenster auf, aber das half nichts." Wildes Herzklopfen - sein Körper reagierte heftig.

Angstattacke war Auslöser, Hilfe bei Arzt zu suchen

Das war das entscheidende Erlebnis: Ottmar Hitzfeld suchte sich Hilfe bei Florian Holsboer in München, einem Chemiker und Mediziner, der damals Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie war. "Dort musste ich heimlich hingehen. Was meinen Sie, wenn die Presse davon Wind bekommen hätte?", schildert Ottmar Hitzfeld die Situation. "Ein Trainer beim Psychologen, stellen Sie sich das mal vor, so einer kann doch nicht die Mannschaft führen!"

Was meinen Sie, wenn die Presse davon Wind bekommen hätte?

Diagnose Depression: Hitzfeld bekam Antidepressiva

Auf die Frage, was ihm geholfen habe, sagt Hitzfeld: "Ich habe bei Bayern-München als Trainer aufgehört und bin nach Engelberg in der Schweiz gezogen." Und er fügt in seiner unaufgeregten Art hinzu: "Die Gespräche mit Professor Holsboer haben mir geholfen und die Medikamente, die ich von ihm bekam." In diese schwere Zeit sei auch eine Anfrage von Real Madrid gefallen. Ein Verein, den er immer bewundert habe. Aber er habe die Trainerstelle abgelehnt, was im Nachhinein betrachtet, gut gewesen sei.

Porträt Ottmar Hitzfeld - er will anderen helfen, indem er offen über seine Erkrankung spricht
Ottmar Hitzfeld will anderen helfen, indem er offen über seine Erkrankung spricht.

Das Publikum folgt den Erzählungen des Lörracher Ex-Trainers aufmerksam. Zu Fragen bezüglich der Fußball-Europameisterschaft, die bald in Deutschland beginnt, nimmt er keine Stellung. Auf die Frage aber, warum er am Tag der Offenen Tür einer Tagesklinik über seine Depression spricht, sagt er: "Ich bin hierhergekommen, weil ich auch aus Erfahrung sprechen kann, nicht als Psychologe, sondern als Fußballtrainer, der selbst Burnout und eine schwere Zeit hatte. Mit meinen Worten kann ich vielleicht dem einen oder anderen auch damit helfen."

Ottmar Hitzfeld ist froh, dass das Thema Depression heute bekannter ist und nicht mehr so stark tabuisiert wird. Als er vor Jahren selbst daran erkrankte, sei das noch anders gewesen. Außerdem begrüßt er, dass mittlerweile Sportpsychologen in der Bundesliga tätig sind. Das helfe auch den Trainern.

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