Ein Wal vor einem Frequenzband. (Foto: Imago, imago images/Science Photo Library)

Umwelt

So schädigt Unterwasserlärm die Gesundheit vieler Tierarten

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In unseren Meeren ist es laut. Das sagen zumindest 25 Forscher:innen, die jetzt in einer Studie Erkenntnisse zu Ursachen und Folgen der Lärmverschmutzung unserer Ozeane gesammelt haben.

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Menschengemachte Geräusche unter Wasser

Jana Winderen gehört zu den 25 Autorinnen und Autoren einer Anfang Februar im Wissenschaftsmagazin Science erschienenen Überblicksstudie zur Lärmverschmutzung der Ozeane. Sie heißt "Die Geräuschkulisse des anthropozänen Ozeans". Dafür hat Winderen Aufnahmen unter Wasser gemacht:

Ich habe vor 15 Jahren mit den Unterwasseraufnahmen begonnen. (...) Es ist wirklich ziemlich schwer, menschengemachte Geräusche unter Wasser zu vermeiden – nicht anders als über dem Wasser. Wir Menschen haben mit unseren Geräuschen einfach alles kolonisiert.

Schiffsverkehr, Bau und Betrieb von Offshore-Windparks, Öl- und Gasplattformen, seismische Untersuchungen oder die Sprengung von Blindgängern aus dem Zweiten Weltkrieg: Menschengemachter Lärm überlagert in vielen Meeresgebieten die natürliche Geräuschkulisse.

Schaulustige beobachten eine Sprengung einer Fliegerbombe aus dem 2. Weltkrieg in der Ostsee. (Foto: Imago, IMAGO / Jens Koehler)
Die Sprengung einer Fliegerbombe, wie hier in der Ostsee, beeinflusst und schädigt die Hörorgane der Meeresbewohner erheblich. Imago IMAGO / Jens Koehler

Lärm stört das Ökosystem

Auch die Bremerhavener Biologin Ilse van Opzeeland ist eine der Science-Autorinnen.

Was diese Studie zum ersten Mal wirklich ganz klar zeigt, ist die ökologische Breite, also dass auch mögliche Beutetiere beeinflusst werden und ganze Gemeinschaften von Unterwassertieren nicht mehr richtig funktionieren können, wenn Lärm da ist.

Auch wirbellose Tiere betroffen

Betroffen sind nicht nur Fische oder Meeressäuger, wie Grindwale, die Jana Winderen vor Madeira aufgenommen hat. Auch Krebse und wirbellose Tiere leiden unter der Lärmverschmutzung. "Es war schon länger bekannt, dass Quallen und auch Muscheltiere primitive Hörorgane haben. Die werden von den Tieren benutzt, um Schwerkraft wahrzunehmen, sich zu orientieren, balancieren in der Wassersäule. Was natürlich Konsequenzen für die Nahrungsaufnahme hat", sagt Ilse Opzeland.

Das Wissenschaftsteam hat tausende Datensätze aus über 500 Einzelstudien der vergangenen sechzig Jahre ausgewertet. Dabei zeigt sich vor allem, wie vielfältig die Rollen sind, die der Schall für das Leben unter Wasser spielt.

Orcawale schwimmend im Meer. (Foto: Imago, imago images/blickwinkel)
Das Sonar eines Militär-U-Bootes hat Ähnlichkeiten mit den Lauten eines Orcawales. Imago imago images/blickwinkel

Tiere reagieren unterschiedlich auf Lärm

Bestimmte Tiergruppen seien empfindlich für hochfrequente Geräusche, andere für tieffrequente. Es sei außerdem vom Verhaltenskontext abhängig, ob ein Tier ein Geräusch als störend empfinde oder eben nicht. Auch Alter und Erfahrung mit Unterwasserschall sei entscheidend, so Opzeeland.

Im Extremfall kann Lärm sogar töten. Zum Beispiel wenn Schnabelwale das Sonar eines Militär-U-Boots hören. Dessen Frequenz und Lautstärke ähnelt den Rufen von Orcas. Und Orcas fressen Schnabelwale.

Sobald diese Sonare klingen, schießen diese Schnabelwalarten in eine Fluchtreaktion. Und das kann dazu führen, dass die quasi zu schnell in wärmere Gewässer, die flacher sind, gelangen und überhitzen. Und das verursacht interne Verletzungen und Desorientierung und deswegen stranden dann die Tiere mit diesen Organverletzungen.

Defline haben sich angepasst

Es gibt aber auch den umgekehrten Fall. Eine australische Delfinart hat sich darauf spezialisiert, Fischtrawler an typischen Geräuschen zu erkennen. Die Tiere schwimmen zu diesen Fischerbooten und laben sich an dem, was sie in den Netzen ergattern können oder was herausfällt.

Ein Grindwal und ein Junges. (Foto: Imago, imago images / Nature Picture Library)
Grindwale, aber auch wirbellose Tiere, wie Muscheln, leiden unter dem Lärm im Meer. Imago imago images / Nature Picture Library

Schädigung der Hörorgane

Tiere sind anpassungsfähig. Doch an manchen Stellen ist der Unterwasserlärm bereits so laut, dass er die Hörorgane der Tiere dauerhaft schädigen kann. Davon sind zum Beispiel Schweinswale bedroht, wenn in Nord- und Ostsee Offshore-Windparks errichtet werden. Um die Schweinswale von den lauten Rammarbeiten fern zu halten, werden sogenannte Vergrämer eingesetzt. Sie vertreiben die Tiere mit einem durchringenden hohen Ton. Zusätzlich kommen inzwischen auch Blasenschleier zum Einsatz.

Eine Wand aus Luftblasen (Foto: Imago, imago/Photocase)
Eine Wand aus Luftblasen reflektiert den Schall und senkt damit die Lautstärke. Imago imago/Photocase

Grenzwerte für Unterwasserlärm

Große Schläuche werden unter Wasser auf dem Grund ausgebracht. Dafür sind sehr sehr große Schiffe notwendig, die mit einem hohen Luftdruck Luft reinpusten. Und weil wir dann eben in der Wassersäule Luftblasen haben, wird der Schall da reflektiert und dadurch etwas reduziert.

Mit dieser Methode könne man diese Grenzwerte einhalten. Tobias Schaffeld war an der Festlegung dieser Grenzwerte beteiligt. Weltweit wurde dadurch der Unterwasserlärm zum ersten Mal gesetzlich beschränkt. Damit wird bestimmt, dass zum Beispiel Rammarbeiten unter Wasser in einem Umkreis von 750 Metern nicht lauter sein dürfen, als dieser Grenzwert. Damit sollen die Schweinswale vor Hörschädigungen geschützt werden. Das Schallschutzkonzept sei in Deutschland "ein ganz guter Weg", sagt Wildtierökologe Schaffeld.

Zwei Arbeiter säubern den Strand während im Hintergrund zahlreiche Schiffe am Horizont fahren. (Foto: Imago, imago images/Olaf Schuelke)
Lautstärkebegrenzung: Grenzwerte für Schiffe könnten helfen, das Meer vom Lärm zu säubern. Imago imago images/Olaf Schuelke

Grenzwerte auch für Schiffe?

Auch der Lärm, den der Schiffsverkehr unter Wasser erzeugt, könnte mit strengeren Vorschriften zum Einsatz leiserer Elektromotoren und Schiffsschrauben zumindest verringert werden. Für Ilse van Opzeeland ist das eine der wichtigsten Ergebnisse der Science-Studie. Schiffe sind produzieren kontinuierlich Lärm. Die Geräusche erstrecken sich über viele unterschiedliche Frequenzen. Das stört wiederum verschiedene Tierarten, denn Lärm verschleiert die Kommunikation der Tiere.

Wenn man realisiert, dass die Hälfte vom Schiffslärm im Ozean verursacht wird durch 15 Prozent der Schiffe, also wenn man da wirklich drauf setzt, diese 15 Prozent erstmal leiser zu machen, dann könnte man schon wirklich einen wichtigen ersten Schritt gehen.

Golf von Thailand bedroht

Jana Winderen versucht mit ihren Unterwasseraufnahmen zu dokumentieren, was durch die Lärmverschmutzung der Meere verloren zu gehen droht. Zum Beispiel die sphärischen Klänge des siamesischen Tigerbarschs oder andere Schwärme im Golf von Thailand. Die Multimediakünstlerin ist begeistert: "Ich war nachts draußen, um diese Aufnahme zu machen. Als ich mein Mikrofon ins Wasser gehängt hatte, kamen einige Fische näher heran, man hört sie lauter. Aber man hört auch ganze Fischschwärme. Einfach unglaublich. Nirgendwo hatte ich jemals zuvor solche Artenvielfalt gehört. So kann es sein."

Aber so wird es auch an dieser entlegenen Ecke des Golfs von Thailand nicht mehr lange bleiben. Denn bald wird dort ein Hafen gebaut. Und dann verschwindet der Meereschor unter Industrielärm.

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