Eine Darstellung von Tourette. (Foto: IMAGO, IMAGO / Science Photo Library)

Hilfe bei Tourette

Tics entstehen in bestimmten Hirnregionen

STAND
INTERVIEW
Jochen Steiner mit Dr. med. Christos Ganos
ONLINEFASSUNG
Carla Vinetta Richter

Starkes Blinzeln, der Kopf schleudert zur Seite, Räuspern, Pfeifen oder das Tourette-Syndrom. Tics können den Alltag stark beeinträchtigen. Eine neue Therapie kann möglicherweise Abhilfe schaffen.

Tics sind kurze Bewegungen oder Lautäußerungen, die oft mehrmals hintereinander ausgeführt werden, die aber keinen Bezug zur jeweiligen Situation haben. Die Betroffenen werden wegen der Tics häufig ausgegrenzt. Vor allem Kinder sind von Tic-Störungen betroffen.

Audio herunterladen (6,7 MB | MP3)

Eine der wohl bekanntesten entsprechenden Erkrankungen ist das Tourette-Syndrom, bei dem verschiedene Tics gemeinsam auftreten. Forschende haben in letzter Zeit herausgefunden, welche Regionen im Gehirn die Tics auslösen könnten. Aber wie genau sie funktionieren, war noch unklar.

Neuronale Areale und ihre Funktion

Ein Forschungsteam der Charité in Berlin hat jetzt ein Netzwerk im Gehirn identifiziert, das für die Entstehung von Tic-Störungen verantwortlich ist. Dr. med. Christos Ganos arbeitet in der Ambulanz für Tic-Störungen der Charité in Berlin und hat das neuronale Netzwerk mit entdeckt.

Verschiedene Areale spielen eine Rolle bei der Manifestation von Tics. Dabei ist es schwierig zu sagen, welche bei der Entstehung von Tics mitwirken und welche dazu beitragen den Tic abzumildern oder zu unterdrücken. Mit ihrer Studie konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler herausfinden, welche Areale zu den Tics führen können.

Medizinische Aufnahmen von einem Gehirn. (Foto: IMAGO, Imago / Westend61)
Im Hirn sind bestimmte Areale für Tics verantwortlich. Imago / Westend61

Analysen von Nicht-Tourette Tics

Dafür wurden zunächst klassische neuropsychologische Analysen bei Menschen durchgeführt, die nicht Tourette haben, sondern durch zum Beispiel wegen eines Schlaganfalls Tics entwickelten.

Insgesamt 22 Fälle aus Frankreich, Deutschland und der Niederlande untersuchte das Team und erstellte eine Karte des Gehirns. Hier markierten sie die jeweiligen Gehirnläsionen (also Schädigungen), die durch Trauma oder eben Schlaganfälle entstanden sind. Dann konnten sie untersuchen, mit welchen Bereichen des Gehirns sie verbunden sind.

Der gemeinsame Nenner war, dieses Netzwerk, das wir identifiziert haben, was mehr als 85 Prozent aller Läsionen erklärte.

Man konnte also dieses Netzwerk als Ursache für die Entstehung der Tics bestimmen.

Das Netzwerk der Tics

In diesem Netzwerk stecken verschiedene Areale, die verschiedene Funktionen haben und unseren Körper steuern können. Zum Beispiel ist ein Areal für unsere Körperwahrnehmung verantwortlich, weitere produzieren und senden Reize und ein weiteres steuert unsere Feinmotorik.

Wenn in diesem Netzwerk oder den Arealen etwas nicht so abläuft wie bei gesunden Menschen, kann es zu Tics kommen. Die körperlichen Signale und ihre Relevanz sind bei Menschen mit Tic-Störungen anders als bei gesunden. Es gibt allerdings noch einige weitere Areale, die die Tics beeinflussen können.

Und das führt dazu, dass man dann ziemlich irrelevante Handlungen ausführt.

Hirnschrittmacher als Hilfe für das Tourette-Syndrom

Die Medizinerinnen und Mediziner haben dann dieses Netzwerk bei insgesamt 30 Patientinnen und Patienten mit Tourette-Syndrom mit einem Hirnschrittmacher stimuliert. Eine verhaltenstherapeutische oder medikamentöse Therapie hatte bei diesen Menschen zuvor nicht ausreichend gegen ihre Tics gewirkt.

So sieht eine Elektrode aus, die ins Hirn eingesetzt wird. (Foto: IMAGO, IMAGO / Eckehard Schulz)
Mittels im Hirn eingesetzter spezieller Elektroden im Hirn lassen sich Tics möglicherweise behandeln. IMAGO / Eckehard Schulz

Die Elektroden des Hirnschrittmachers wurden dann operativ genau an die Positionen des Netzwerks gesetzt, den die Forschenden herausgefunden haben. Der Hirnschrittmacher bewirkte eine tiefe Hirnstimulation, auch Neuro-Modulation genannt. Und tatsächlich verbesserte sich die Tic-Störung der behandelten Patientinnen und Patienten.

In der Zukunft sollte bei neuromodulatorischen Verfahren unbedingt dieses Netzwerk auch stimuliert werden.

Für eine solche Behandlung muss man aber in spezialisierte Zentren gehen, wo es bereits langjährige Erfahrung damit gibt. Und auch nicht jeder Tourette-Fall qualifiziert sich für diese Therapie. Das muss von Spezialisten wie Dr. med. Christos Ganos entschieden werden. Schließlich ist so ein Hirnschrittmacher ein invasives Verfahren, das auch mit gewissen Risiken verbunden ist.

Einer Frau wird ein Hirnschrittmacher eingesetzt. (Foto: IMAGO, IMAGO / ZUMA Press)
Ein Hirnschrittmacher kann in schweren Tourette-Fällen Abhilfe schaffen. IMAGO / ZUMA Press
STAND
INTERVIEW
Jochen Steiner mit Dr. med. Christos Ganos
ONLINEFASSUNG
Carla Vinetta Richter