Hepatitis bei Kindern (Foto: IMAGO, imago)

Medizin

Neue Erkenntnisse zu mysteriöser Hepatitis bei Kindern

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Ulrike Till
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Ralf Kölbel

Im April 2022 wurde in den Medien über das gehäufte Auftreten von Hepatitis bei Kindern berichtet. Jetzt gibt es neue Erkenntnisse zur möglichen Ursache. Die ist komplexer als bisher gedacht.

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Hepatitis bei Kindern ist normalerweise extrem selten – im April aber schlugen Ärzte in England und Schottland Alarm: Bei ihnen waren plötzlich vermehrt Leberentzündungen bei Kindern aufgetreten – und zwar solche, bei denen alle üblichen Tests negativ blieben. Keine Hepatitisviren, keine Anzeichen von Vergiftung. Inzwischen wurden der Weltgesundheitsorganisation rund 1.000 Fälle dieser mysteriösen Hepatitis gemeldet, vor allem bei Kindern unter fünf Jahren. Die meisten haben sich wieder erholt, einige aber brauchten eine Spenderleber, 22 Kinder sind gestorben. In Deutschland wurden bisher keine Fälle gemeldet. Jetzt gibt es wichtige neue Erkenntnisse:

Komplexe Ursachen der neuartigen Leberentzündung

Als die ersten Fälle der mysteriösen Hepatitis bei Kindern bekannt wurden, ging das Rätselraten los – und schnell schien ein Hauptverdächtiger gefunden: das Adenovirus F41 galt bis vor Kurzem als wahrscheinlichster Auslöser. Einige Forschende vermuteten auch einen Zusammenhang mit Covid-19. Allerdings gab es bei allen bisherigen Theorien größere Ungereimtheiten. Jetzt zeichnet sich ab, weshalb: Die Ursachen der neuartigen Leberentzündung sind noch viel komplexer als vermutet.

Hepatitis ist bei Kindern im Normalfall eine eher seltene Erkrankung. (Foto: IMAGO,  imago images / ZUMA Press)
Hepatitis ist bei Kindern im Normalfall eine eher seltene Erkrankung. imago images / ZUMA Press

Doppelte Virusinfektion und Genmutation

Wahrscheinlich müssen nämlich gleich drei Faktoren zusammenkommen: Eine doppelte Virusinfektion und eine Genmutation. Das zeigen jetzt zwei noch unveröffentlichte Studien aus Glasgow und London. Die Ergebnisse sind noch nicht von unabhängigen Experten begutachtet; aber die „Preprints“ werden in der Fachwelt schon intensiv diskutiert.

Eine Schlüsselrolle spielt dabei das Adenovirus AAV2. Genmaterial dieses eigentlich harmlosen Erregers haben die Forscherteams in den Lebern aller erkrankten Kinder entdeckt; auch im Blutplasma war fast immer Erbgut des Erregers zu finden. Bei den Kindern in der Vergleichsgruppe dagegen gab es kaum Hinweise auf AAV2. Das Virus ist sehr verbreitet, rund 80 Prozent der Erwachsenen sind schon mal damit in Berührung gekommen, meist in der Kindheit.

Adenoviren (Aufnahme mit dem Elektronenmikroskop) (Foto: IMAGO,  IMAGO/CAVALLINI JAMES / BSIP)
Adenoviren (hier eine Aufnahme mit dem Elektronenmikroskop) sind hochansteckend und können eine Erkältung bzw. manchmal auch eine Bronchitis hervorrufen. Doch auch bei den vermehrten Fällen von Hepatitis bei Kindern scheinen Adenoviren eine Rolle zu spielen. IMAGO/CAVALLINI JAMES / BSIP

Adenovirus AAV2 braucht andere Viren zur Vermehrung

Das Besondere an AAV2: Der Erreger kann sich nur mit Hilfe anderer Viren vermehren. Eine gleichzeitige Infektion mit einem bestimmten Typ von Herpes oder mit einem anderen Adenovirus kann die Vermehrung anstoßen. Und siehe da: Genau diese Erreger haben die Forscherteams bei den Kindern mit mysteriöser Leberentzündung gefunden.

Herpes kam dabei eher selten vor. Ziemlich häufig war dagegen das Adenovirus F41 – genau jener Erreger also, der zunächst als Hauptverdächtiger galt. Das Virus könnte AAV2 aktiviert haben – und so indirekt zu der Entzündung in der Leber beitragen. Soweit so kompliziert. Die schottische Studie liefert nun noch ein weiteres Puzzlestückchen: Vermutlich hat die Doppelinfektion mit AAV2 und einem weiteren Virus nur bei Kindern mit einer bestimmten Genmutation gefährliche Folgen.

Lockdowns verändern normalen Rhythmus von Infektionswellen

Das schottische Team stellte bei acht der neun kleinen Patienten eine Genveränderung fest, die das Immunsystem beeinflusst. In der normalen Bevölkerung Schottlands ist diese Mutation sehr viel seltener, sie findet sich nur bei rund 16 Prozent. Wie häufig die Genvariante in Deutschland vorkommt, konnte das Robert Koch-Institut auf Nachfrage nicht beantworten.

Warum die weltweiten Fälle im Frühjahr plötzlich hochgingen und nun wieder sinken, ist noch offen. Es könnte aber an der Pandemie liegen: Die Lockdowns haben den normalen Rhythmus von Infektionswellen verändert. So könnte es häufiger als sonst zur doppelten Ansteckung gekommen sein – mit schweren Folgen bei Kindern mit genetischer Vorbelastung.

Weniger Bewegung, mehr ungesundes Essen, die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Maßnahmen haben bei vielen Kindern zu einem ungesünderem Lebensstil beigetragen.  (Foto: IMAGO, imago images/Rolf Poss)
Durch die Lockdowns im Zuge der Corona-Pandemie wurden normale Infektionszyklen unterbrochen. Das könnte dazu führen, dass Kinder vielleicht nicht mehr so gut mit neuen Infektionen umgehen können, weil ihr Immunsystem weniger trainiert ist. imago images/Rolf Poss

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