50 Jahre Grenzen des Wachstums

50 Jahre Grenzen des Wachstums – alles beim Alten?

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Schon vor 50 Jahren prognostizierte ein Forscher*innen Team aus Amerika in einem Bericht an den Club of Rome, vor welchen komplexen Problemen die Welt steht oder stehen wird, wenn Wirtschaftswachstum und Bevölkerungsentwicklung ungebremst weiter gehen würden.

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Der Ökonom Dennis Meadows und sein internationales 17-köpfiges Team berechneten mit Hilfe damals modernster Computertechnik, wie sich die Erde entwickeln könnte, wenn die Menschheit nichts an ihrem Verhalten ändern würde. Am 2. März 1972 stellten sie ihren Bericht vor. Fünf Haupttrends hatten die Wissenschaftler*innen in ihren Wechselwirkungen berechnet und in zehn Szenarien modelliert, wie sie sich entwickeln könnten: Industrialisierung, Bevölkerungswachstum, Unterernährung, Rohstoffvorräte und Umweltschäden.

Viele Annahmen von damals scheinen auch heute noch aktuell, sagt Andreas Huber, Geschäftsführer des deutschen Club of Rome.

Der US-amerikanische ֖konom Dennis L. Meadows machte 1972 mit der Studie "Grenzen des Wachstums" weltweit Furore.  (Foto: dpa Bildfunk, dpa/picture-alliance/ © Mike Wolff)
Der US-amerikanische ֖konom Dennis L. Meadows machte 1972 mit der Studie "Grenzen des Wachstums" weltweit Furore. Die Studie wurdein 35 Sprachen übersetzt und machte den Auftraggeber "Club of Rome" berühmt. dpa/picture-alliance/ © Mike Wolff

Die grundsätzlichen Verhaltensweisen eines komplexen Gesamtsystems verstehen

Heute, 50 Jahre später, haben sich zwar einige Hochrechnungen bestätigt – zum Beispiel hat sich die Weltbevölkerung in den letzten 50 Jahren verdoppelt und der globale Konsum verzehnfacht – einige Entwicklungen sind aber anders verlaufen. So reichen beispielsweise die weltweiten Ölreserven noch immer aus und sind bis heute nicht aufgebraucht, nicht zuletzt wegen neuer Fördermethoden bei der Rohölgewinnung.

Für den Geschäftsführer des deutschen Club of Rome, Andreas Huber, ist es aber zweitrangig, ob einzelne Berechnungen genau eingetroffen sind oder nicht.

„Man wollte gar keine Vorhersagen treffen, wo man aufs Jahr genau oder aufs Jahrzehnt genau sagen konnte, wann was passiert. Sondern man wollte die grundsätzlichen Verhaltensweisen eines Systems verstehen. (…) Das Verstehen der Dynamik, was durch exponentielles Wachstum entsteht. Der Risiken, die durch Verzögerungseffekte in so einem System entstehen können – also wir machen heute was und sehen erst in einigen Wochen das Ergebnis, Stichwort Pandemie.“ 

Aber, und das betont Andreas Huber, die Forscher*innen wollten damals auch ein grundsätzliches Verständnis dafür schaffen, dass auf einem begrenzenden Planeten kein unbegrenztes Wachstum möglich ist.

Das Szenario des „Weiter so“

Konkret wollten die Forscher*innen vermitteln, was vor allem ein Szenario „Weiter so wie bisher“ für Folgen haben würde: Ändert sich nichts, ist irgendwann ein Kipp-Punkt erreicht, an dem beispielsweise Rohstoffvorräte erschöpft sind oder ihre Förderung so kostspielig wird, dass sich der Abbau nicht mehr lohnt. Die zuvor noch stark wachsende Industrie bricht dann ein und Umweltverschmutzung beschleunigt diesen Zusammenbruch noch. Das Weltmodell bricht schlussendlich zusammen.

Ein solches Szenario kann dann auch nicht mehr durch technischen Fortschritt aufgehalten werden, warnt der Club of Rome. Technik kann nur etwas mehr Zeit verschaffen, aber nicht grundsätzlich die Entwicklung stoppen. Auch heute noch gibt es Untersuchungen, die belegen, dass Szenarien wie das zerstörerische „Weiter so wie bisher“ trotz der gegenüber 1972 fortgeschrittenen technischen Entwicklung erschreckend nahe an der aktuellen Realität dran sind, sagt Andreas Huber vom Club of Rome Deutschland.

Eine einfache Lösung für alle globalen Probleme gibt es nicht. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / Zoonar)
Eine einfache Lösung für alle globalen Probleme gibt es nicht. picture alliance / Zoonar

Setzen wir Lösungen auch um?

Klimawandel, Artensterben, Umweltverschmutzung – die globalen Probleme erscheinen heute noch dringlicher als vor 50 Jahren. Doch DIE einfache Gesamtlösung für alles kann es nicht geben, meint Huber. Er stellt sich die Frage:

„Wenn jetzt einer mit einer Lösung um die Ecke käme, also wirklich eine globale Lösung hätte, einen Plan, glauben wir dann, dass diese eine Lösung von dieser Person umgesetzt würde, weltweit? Oder glauben wir viel mehr, dass die gesellschaftliche Spaltung zunimmt, dass es stärkere, radikalere Gegenstimmen gibt und dass wir nicht vorankommen.“

Um eine Lösung zu finden, brauche es viel mehr Veränderungen in einem Bereich, den die Forscher*innen damals nicht mit einkalkuliert hatten: das menschliche Verhalten, eine wenig vorhersehbare Variable.

Mehr Empathie und Teilhabe

Mehr Mitgefühl für andere und mehr Möglichkeiten der Teilhabe für alle fordert Andreas Huber, nur so kämen wir als globale Gesellschaft voran. Es brauche einen größeren Fokus weniger auf technische als auf nachhaltige gesellschaftliche Entwicklungen. Globale Probleme wie der Klimawandel gingen uns alle an, daher müsse man auch versuchen, alle mitzunehmen und jede*n mit in die Diskussion einzubeziehen wie wir leben wollen.

Der Geschäftsführer des deutschen Club of Rome plädiert dringend dafür, persönliche Wertvorstellungen und Ziele besser zu ergründen; das hatte der Club bereits vor 50 Jahren auf der letzten Seite des Berichts “Die Grenzen des Wachstums” gefordert. Das könne eine Regierung oder die Wissenschaft der Gesellschaft auch nicht abnehmen. Nur mit persönlichen wie sozialen Verhaltensänderungen kann sich das Gesamtsystem weg von gesellschaftlicher Spaltung und ökologischem Mangel hin zu einem Gleichgewichtszustand bewegen, ist sich Andreas Huber sicher.

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