Illustration eines Mannes an einer Bar, der zu einer Frau schaut, die betrunken ihren Drink fallen lässt. (Foto: IMAGO, IMAGO / Ikon Images)

Schutz vor Übergriffen

Wie zuverlässig sind Armbändchen zur Erkennung von K.-o.-Tropfen?

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Lorraine Ring
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Lilly Zerbst

Immer wieder werden Frauen durch K.-o.-Tropfen ausgeknockt und missbraucht. So lauten auch die Vorwürfe gegen Rammstein-Sänger Till Lindemann. Kann ein Testarmband davor schützen?

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Sommer, Sonne, Festivals und ungewollter Sex. Die Temperaturen steigen und damit auch das Risiko für junge Frauen bei Konzerten und Partys mit K.-o.-Tropfen ausgeknockt und dann missbraucht zu werden. Ein Testarmband soll Drogen im Drink erkennen. Taugt sowas in der Praxis?

Substanzmissbrauch: K.-o.-Tropfen sollen gefügig machen

Der Name erinnert an den Chemie-Unterricht: Gamma Hydroxy-Buttersäure, kurz: GHB. Es ist die Hauptzutat für "klassische" K.-o.-Tropfen. Aber auch Vorläufer dieser Substanz oder andere Stoffklassen werden als Knockout-Mittel missbraucht. Teils sind die Substanzen legal zu erhalten, teils illegal – der Zweck ist der gleiche: Männer benutzen sie, um junge Frauen gefügig zu machen.

Wer sich unter dem Einfluss von K.-o.-Tropfen befindet, leidet häufig an Erinnerungslücken ab dem Zeitpunkt der mutmaßlichen Einnahme und in der darauf folgenden Zeitphase, erklärt der Toxikologe Florian Eyer von der Technischen Universität München:

Die Patienten fühlen sich zunächst wie benebelt. Bei höherer Dosis kommt es dann tatsächlich zur Hypnose oder zum Bewusstseinsverlust.

Kein universeller Indikator für K.o.-Mittel

Es gibt viele verschiedene K.-o.-Mittel und viele verschiedene Drinks. Deshalb kann es schwierig werden, ein präpariertes Getränk zu erkennen – selbst mit den dafür vorgesehenen Tests. Solche Tests gibt es zwar schon, aber die Anwendung ist unsicher, sagt Florian Eyer.

Zum Beispiel gibt es Armbänder, auf die man einen Tropfen des Getränks träufeln kann. Bei Kontakt mit dem K.-o.-Mittel GHB färbt es sich blau. Aber bei Kontakt mit zu stark färbenden Getränken wie Rotwein, lässt sich das nicht mehr genau erkennen.

Eine Frau nimmt einen Tropfen ihres Getränks, um es an einem Warnarmband auf K.-o.-Tropfen zu testen. (Foto: IMAGO, IMAGO / Rolf Kremming)
Die Warnarmbänder haben eine Teststelle, die sich bei Kontakt mit K.-o.-Tropfen verfärben soll. Bei stark gefärbten Getränken wie Rotwein kann es allerdings schwer sein, den positiven Test zu identifizieren.

Test kann Schutzmaßnahmen nicht ersetzen

Generell rät Florian Eyer davon ab, sich ausschließlich auf solche Tests zu verlassen. Diese haben meist keine Prüfverfahren durchlaufen und sind nicht als Medizinprodukte zugelassen.

„Die Empfehlung heißt nach wie vor: Seine Augen auf ein Getränk gerichtet halten und das Getränk nicht unbeaufsichtigt stehen lassen, wenn man sich in solchen Umgebungen bewegt.“

Im Internet oder in Drogerien findet man ohnehin oft nur die Testarmbändchen. Andere Tests, die teilweise sogar viele verschiedene Drogen im Getränk erkennen sollen, sind schwer zu finden und teuer. Abgesehen davon lässt sich nicht sagen, wie seriös diese sind.

Nach der Pandemie: Nachholeffekt befürchtet

Es gibt kaum Kundinnen, die in der Apotheke nach solchen Tests fragen. Betroffene, die befürchten, dass sie Opfer einer K.-o.-Tropfen-Attacke wurden, kommen dagegen häufiger. In einer Stuttgarter Apotheke passiert das etwa zwei bis drei Mal pro Woche.

Meist sind es Frauen – seltener auch Männer – die nach einem Drogennachweis in Blut oder Urin bitten. Der Grund: Nach der Pandemie gibt es wieder mehr Partys. Dadurch bieten sich mehr Gelegenheiten für Täter. Florian Eyer vermutet einen „Nachholeffekt“.

Eine einheitliche Methode, die Verdachtsfälle bundesweit zu registrieren, gibt es nicht. Zudem ist es oft schwierig, einen K.-o.-Angriff zu beweisen, da die K.-o.-Tropfen nur für einen relativ kurzen Zeitraum im Körper nachweisbar sind.

Armbänder sorgen für Aufmerksamkeit

Vorbeugenden Schutz gegen K.-o.-Tropfen-Attacken gibt es wenig. Auch die Armbänder sind als Drogennachweis zu unsicher. Aber: Eines zu tragen kann dennoch helfen. Denn auf mögliche Täter hat es eine abschreckende Wirkung. Und die Trägerinnen selbst werden immer wieder daran erinnert, aufzupassen.

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