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Wie sinnvoll ist eine Corona-Auffrischungsimpfung?

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Immer mehr Menschen sind geimpft. Aber auch immer mehr stellt sich die Frage: Wie lange hält die Impfung eigentlich? Muss ich sie irgendwann auffrischen lassen? Moderna hat jetzt eine Studie vorgelegt.

Mit Blick auf die Mutanten aber auch weil der Immunschutz nach einer Impfung abnehmen könnte, werden Auffrischungsimpfungen immer wahrscheinlicher. Erste Hersteller testen schon aktualisierte Impfstoffe und bisher ist nur sicher, dass die Impfstoffe ein halbes Jahr ausreichend schützen - beispielsweise auch Biontech spricht von sechs Monaten. Längere Zeiträume können wegen fehlender Daten noch nicht eingeschätzt werden. Gegen die unter Beobachtung stehenden Mutanten sollen die zugelassenen Impfstoffe noch relativ gut schützen - zu der in Brasilien entdeckten Variante P.1 gibt es allerdings bisher nur wenige Daten.

Wie oft und wie lange müssen die Impfstoffe angepasst werden?

"Ich würde tippen, aber das ist wirklich nur Spekulation, dass wir noch ein paar Jahre ganz schön auf die Impfstoffe achten werden müssen”, sagt Virologe Prof. Jan Felix Drexler von der Charité in Berlin - vor allem mit Blick auf die Mutationen. Pfizer-Chef Albert Bourla wird im Interview mit dem US-Sender CNBC konkreter: "Ein wahrscheinliches Szenario ist, dass es die Notwendigkeit einer dritten Dosis geben wird, irgendwo zwischen sechs und zwölf Monaten, und danach eine jährliche Neu-Impfung, aber all das muss noch bestätigt werden."

Großbritannien möchte im September den Über-70-jährigen eine dritte Impfung zum Auffrischen anbieten. Ist schon dieses Jahr eine Auffrischungsimpfung sinnvoll? Aus der Sicht des Virologen Prof. Hartmut Hengel von Uniklinkum Freiburg ist das eine gerechtfertigte Überlegung - insbesondere in der älteren Generation. Doch er hält die Datenlage noch für zu dünn, um abzuschätzen, ob eine erneute Impfung bereits in diesem Herbst notwendig ist.

Über 70-Jährige sollen in Großbritannien bereits in diesem Herbst eine Covid-19-Impfung zum Auffrischen erhalten. (Foto: imago images, imago images/Lagencia)
Über 70-Jährige sollen in Großbritannien bereits in diesem Herbst eine Covid-19-Impfung zum Auffrischen erhalten. imago images/Lagencia

Mutanten können zur Herausforderung beim Impfschutz werden

Allerdings sei klar: Coronaviren mutieren schnell genug, dass auch in Zukunft immer neue Viren-Varianten entstehen könnten. Ein Berliner Forschungsteam hat analysiert, wie schnell Corona- und Grippeviren mutieren, also sich ihr Erbgut verändert. Ihre Studie ist im Fachmagazin "Virus Evolution" erschienen. Bei den Grippeviren gibt es bei 10.000 Erbgut-Bausteinen 25 Mutationen innerhalb von einem Jahr. Bei SARS-Cov2 sind es geschätzt etwa halb so viele; 10 Mutationen pro 10.000 Bausteinen. Diese hohe Evolutionsrate ist für Coronaviren ungewöhnlich. Dass die Evolutionsrate so hoch ist, liegt auch am starken Infektionsgeschehen und der weltweit geringen Immunität gegen SARS-CoV-2. Bei normalen Coronaviren kommt es pro 10.000 Erbgut-Bausteinen nur zu 6 Mutationen. Für das Berliner Forschungsteam und dem Leiter der Studie, Prof. Jan Felix Drexler, ist das eine gute Nachricht: "Auf Grundlage der Evolutionsrate der harmlosen Corona-Erkältungsviren gehen wir davon auf, dass auch die Geschwindigkeit bei dem SARS-CoV-2 abnimmt - wenn das Infektionsgeschehen deutlich zurück geht."

Voraussichtlich schnelle Anpassung der mRNA-Impfstoffe möglich

Falls notwendig, können die mRNA-Impfstoffe schnell angepasst werden – vor allem wenn sich das Coronavirus an seinen "Stacheln" weiter verändert. Denn um diese Veränderungen zu kompensieren, müssten die Impfstoffe nur an wenigen Stellen verändert werden.

Impfstoffentwicklung in Peking (Foto: imago images, imago images/ZUMA Wire)
Die mRNA-Impfstoffe könnten relativ schnell an Coronavirus-Mutationen angepasst werden, sollte das nötig sein. imago images/ZUMA Wire

Ein neuer Zulassungsantrag wäre dann wahrscheinlich nicht notwendig. Der angepasste Impfstoff wird im Vergleich zu den großen Studien bei der Erstzulassung nur an wenigen Menschen getestet. Vor allem das Blut der Geimpften wird auf Antikörper untersucht. Wenn die Antikörper im Labor die mutierte Virus-Variante besser neutralisieren, kann der neue Impfstoff sehr schnell eingesetzt werden. Bisher hat sich das Virus immer an ähnlichen Stellen verändert, das macht die Anpassung der Impfstoffe vergleichsweise leicht. “Das Gute dabei ist, wenn das immer nur ein paar Mutationen sind und nicht zufällig in einem Genom mit unklaren Auswirkungen passiert – dann ist das dann auch für uns mit Blick auf die Impfstoffe kontrollierbarer. Das ist eigentlich eine gute Nachricht”, sagt Prof. Jan Felix Drexler, Virologe von der Charité in Berlin.

Die Hersteller testen schon jetzt angepasste Impfstoffe, die gegen aktuelle Coronavirus-Varianten noch besser schützen sollen. Biontech und Pfizer haben bereits Ende Februar eine klinische Studie in den USA gestartet, in der 144 Probanden aus der ersten großen Zulassungsstudie mit einem aktualisierten Impfstoff ein drittes Mal geimpft werden. Die Ergebnisse bezüglich der gebildeten Antikörper und der notwendigen Neutralisationstests (gegen die Mutanten) sind aber bisher nicht veröffentlicht worden. Auch Moderna testet bereits einen angepassten Impfstoff. Erste Ergebnisse deuten auf einen guten Schutz nach einer Auffrischung mit dem neuen Impfstoff hin – sowohl gegen das ursprüngliche Virus, als auch gegen Varianten. Der Impfstoff von Curevac wird im rollierenden Zullassungsverfahren bereits im Hinblick auf seine Wirksamkeit gegen die unter Beobachtung stehenden Mutanten bewertet.

Das Paul-Ehrlich-Institut schätzt, dass im Optimalfall die Impfstoffe innerhalb von sechs Wochen an eine Mutante angepasst werden können. Nach zwölf Wochen könnten dann erste größere Mengen des angepassten Impfstoffs herstellt werden. Theoretisch stehen überarbeitete Impfstoffe also sehr schnell zur Verfügung – vorausgesetzt, sie werden auch schnell in großen Mengen produziert.

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