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Psycholyse – Therapie oder Trip auf Krankenschein?

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Dorothea Brummerloh
Dorothea Brummerloh
ONLINEFASSUNG
Ulrike Barwanietz
Candy Sauer

Mit klassischer Psychotherapie haben die als Therapie getarnten Drogensitzungen nichts mehr gemein. Doch trotz Warnungen und Verboten breitet sich ein Netz von Psycholyse-Therapiegruppen in ganz Deutschland aus.

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Verbotene Drogen beeinflussen die Psyche

Die bei der Psycholyse eingesetzten psychotropen Substanzen werden in Deutschland nach dem Betäubungsmittelgesetz eingeteilt. LSD, Mescalin, Psilocybin und MDMA, also Ecstasy, gelten darin als nicht verkehrsfähig. Trotz des Verbots hat sich ein Netz von Pseudo-Therapiegruppen durch den gesamten deutschsprachigen Raum ausgebreitet – ausgehend von Samuel Widmer (1948 - 2017) und der Kirschblütengemeinschaft im schweizerischen Lüsslingen-Nennigkofen.

Widmer war Mitglied der Schweizer Ärztegesellschaft für Psycholytische Therapie, kurz SÄPT. Auch Torsten Passie ist Mitglied der SÄPT. Der in Hannover lebende Psychiater ist spezialisiert auf das Thema psycholytische Therapie, hat Studien u.a. zum Anästhetikum Ketamin sowie dem halluzinogenen Pilzwirkstoff Psilocybin verfasst. Die psycholytische Psychotherapie sei keine eigenständige Therapieform, sondern ein zusätzliches Angebot innerhalb der klassischen Psychotherapie, erklärt Passie.

Die in der Psycholyse eingesetzten Stoffe wie z.B. LSD verändern die Sinneswahrnehmung. Das kann in Halluzinationen gipfeln.
Die in der Psycholyse eingesetzten Stoffe wie z.B. LSD verändern die Sinneswahrnehmung. Das kann in Halluzinationen gipfeln.

Die in der Psycholyse eingesetzten Stoffe verändern jedoch die Sinneswahrnehmung: Reize aus der Umwelt können verstärkt und verzerrt wahrgenommen werden, was in Halluzinationen gipfeln kann. Ähnliches erleben auch schizophrene Menschen. Das wollte man sich schon in den 1960er-Jahren nutzbar machen, in dem man genau diese Stoffe bei Gesunden einsetzte und sogenannte "Modellpsychosen" erzeugte, erklärt Psychiater Arno Deister, Mitglied im Bundesvorstand der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde.

Todesfälle bei Psycholyse-Sitzungen

Heutige Verfechter der Psycholyse wie Torsten Passie betonen: Die Drogen, die sie als Stoffe, Substanzen oder – in esoterisch geprägten Kreisen – als "Heilmittel" bezeichnen, seien nicht gesundheitsschädlich. 2009 bezahlten jedoch bei einer Psycholyse-Sitzung in Berlin zwei Menschen den Leichtsinn des Therapeuten mit ihrem Leben. Sie starben an einer Überdosis Ecstasy. Der Therapeut war Garri Rober, ein "Meisterschüler" von Samuel Widmer.

Etwas glimpflicher lief es 2015 im niedersächsischen Handeloh ab, wo eine Psycholyse-Sitzung zu einem "Massenanfall an Verletzten" führte. Sitzungsleiter Stefan Scholz, ebenfalls bei Widmer ausgebildet, hatte den Teilnehmern u.a. 2C-E verabreicht, das in Szenenkreisen als "Aquarust" bekannt und seit 2014 verboten ist. Mehr als 160 Rettungskräfte rückten an, um die 29 Drogenopfer zu versorgen. Sie litten unter Wahnvorstellungen, Krampfanfällen, Atemnot, Herzrasen und waren teilweise kaum ansprechbar.

Es geht um Drogen, Abhängigkeit und Macht

Die Anwerbung neuer Klienten für Psycholyse läuft immer nach dem gleichen Muster: Entweder ist es ein Arzt oder Psychotherapeut. Oder eine beste Freundin oder andere Vertrauensperson. Auserwählte, Eingeweihte, Geheimnisse – ein perfider Mechanismus, sagt der Sektenexperte Hugo Stamm. Der Schweizer Journalist beschäftigt sich seit den 1970er-Jahren mit Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanen – und auch mit der Psycholyse. Dabei gehe es nicht darum, mithilfe von Verhaltenstherapie oder tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie Erlebnisse zu verarbeiten und Besserung zu erzielen. Hier gehe es um Drogen, Abhängigkeit und Macht, meint Stamm.

Eine verletzte Person wird am 4.9.2015 in Handeloh  Niedersachsen von Sanitätern zu einem Rettungsfahrzeug gebracht. In dem Tagungszentrum war es zu einer Massenvergiftung gekommen.
Eine verletzte Person wird am 4.9.2015 in Handeloh / Niedersachsen von Sanitätern zu einem Rettungsfahrzeug gebracht. In dem Tagungszentrum war es zu einer Massenvergiftung gekommen.

Pseudo-Therapeuten fehlt professionelle Distanz

Hilfesuchende Menschen, die in die Fänge solcher Pseudo-Therapeuten geraten, "kleben" über Jahre oder Jahrzehnte dort fest, ohne den wahren Grund ihrer Probleme zu erkennen, geschweige denn, diese zu lösen, warnt der Psychiater Arno Deister. Den Psycholyse-Therapeuten fehlt oft jedwede professionelle Distanz ihrer Patienten gegenüber – eine grundlegende, ethische Regel in der Psychotherapie. Sie handeln damit ganz im Sinne Samuel Widmers. Der "Meister", der fast alle im Untergrund agierenden Therapeuten ausgebildet hat, überschritt dieses "No-Go" ebenfalls und setzte noch einen drauf: Therapeut und Klient dürfen sich sogar sexuell annähern. So hat er es in seiner "Kirschblütengemeinschaft" vorgelebt. Und so ist es im Internet nachzuhören oder in Widmers Buch "Inzest-Tabu" nachzulesen.

Behörden sollen nicht länger wegschauen

Seit Jahren ist über Medien und Aussteiger bekannt, dass es Therapeuten und Untergrundgruppen gibt, die sich schlicht und einfach über Gesetze hinwegsetzen. Laszlo Pota ist Ansprechpartner in Fragen "Psycholyse" beim Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen. Er sagt, dass es geschätzt fünf bis sieben Prozent "schwarzer Schafe" unter den Therapeuten gibt – eine Zahl, die das Statistische Bundesamt ermittelt hat.

Auf Anfrage für SWR2 Wissen bei der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) schreibt der wissenschaftliche Dienst der Fachgesellschaft lediglich, dass sich die DGPPN noch nicht offiziell positioniert hat. Man verweist auf eine Pressemitteilung aus dem Jahre 2009, die sich auf die Ereignisse aus Berlin bezieht und auf die bereits gegebenen Interviews.

Dabei geht es hier um einen Straftatbestand: Die Psycholyse mit illegalen Substanzen ist verboten – ganz abgesehen davon, dass die Drogen auch irgendwo herkommen müssen. Darum ist wichtig, dass sich die Opfer zu Wort melden, damit Behörden nicht mehr wegschauen können.

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