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Nahrungsergänzungsmittel für Kinder – Sinnvoll oder schädlich?

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Marie Eickhoff
Marius Penzel
ONLINEFASSUNG
Ulrike Barwanietz
Candy Sauer

Auch wenn Eltern ihre Kinder gesund ernähren wollen: Nahrungsergänzungsmittel gehören nicht auf den Speisezettel. Es sei denn, es liegt eine Mangelernährung vor, etwa in ärmeren Ländern.

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Nahrungsergänzungsmittel boomen

Der Markt für Nahrungsergänzungsmittel boomt. Der Umsatz betrug in Deutschland 2022 knapp drei Milliarden Euro. Hauptsächlich Erwachsene nehmen Nahrungsergänzungsmittel, aber auch immer mehr Kinder. Studien zeigen: Bis zu sieben Prozent der Kinder bis 6 Jahren erhalten Nahrungsergänzungsmittel, von den 6- bis 17-Jährigen sind es schon etwa 15 Prozent.

Großteil der Kinderprodukte ist zu hoch dosiert

Nicht nur in Apotheken, sondern auch in Supermärkten und Drogerien gibt es Nahrungsergänzungsmittel für Kinder zu kaufen. Die Verbraucherzentrale hat 33 Nahrungsergänzungsmittel für Kinder analysiert und festgestellt: Drei Viertel der Produkte waren zu hoch dosiert. Denn die empfohlenen Höchstmengen sind für die Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln nicht verpflichtend.

Bei einer akuten Vitamin A-Überdosierung treten Übelkeit und Erbrechen auf, bei Vitamin D kommen Müdigkeit und Kopfschmerzen hinzu. Multivitaminpräparate stehen zudem öfter in der Kritik, weil sie nicht gezielt helfen, sondern viele Vitamine nach dem "Gießkannenprinzip" kombinieren. Aus medizinischer Sicht wenig sinnvoll.

Welche Gabe von Nahrungsergänzungen ist sinnvoll für Kinder?

Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt die Gabe von Vitamin D an Säuglinge, die noch nicht in die Sonne dürfen
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt die Gabe von Vitamin D für Säuglinge, die noch nicht in die Sonne dürfen

Für Säuglinge ist Vitamin D sinnvoll. Das empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung: 10 bis 12,5 Mikrogramm Vitamin D täglich, bis die Kinder ihren zweiten Frühsommer erleben. Ab dann können sie in die Sonne und selbst Vitamin D produzieren. Ihnen mehr Vitamin D zu geben, ist nur nach ärztlichem Rat sinnvoll.

Ganz klar zu empfehlen ist auch die Fluoridprophylaxe im Säuglingsalter. Im ersten Halbjahr bzw. bis zum Zahndurchbruch ist sie klar zu empfehlen.

Sobald die Zähne mit fluoridierter Zahnpasta geputzt werden, brauchen die Kinder kein Extra-Fluorid mehr. Bei den ersten Vorsorgeuntersuchungen im Säuglings- und Kleinkindalter geben Kinderärzte auch noch Vitamin K für die Blutgerinnung und den Knochenaufbau. Auch das ist danach aber nicht mehr nötig.

Eine andere Ausnahme: zum Teil Eisen bei Mädchen. Was wir aber nicht allgemein supplementieren sollten bei Kindern, sondern wirklich nach gezielter Diagnose. Dann kann es sinnvoll sein.

Anke Weißenborns Aufgabe ist es, die Gefahren von Nahrungsergänzungsmitteln einzuschätzen. Das ist herausfordernd, weil der Markt an Nahrungsergänzungsmitteln sehr schnell wächst. Sie stellt klar:

Ansonsten ist jede Supplementierung mit Vitaminen oder Mineralstoffen, die über das normale Maß hinausgeht, nicht von Nutzen, sondern erhöht das Risiko für schädigende gesundheitsschädigende Wirkung und sollte daher möglichst vermieden werden.

Nahrungsergänzungsmittel enthalten Zusatzstoffe, die nicht in Kinderprodukten sein dürfen

Das Chemische- und Veterinäruntersuchungsamt Karlsruhe hat in den Jahren 2020 bis 2022 insgesamt 31 Nahrungsergänzungsmittel untersucht, die speziell für Kleinkinder und Säuglinge sind, und rät Eltern ausdrücklich davon ab. Diese Produkte sollen zum Teil mit kleinen Plastikspritzen den Säuglingen direkt in den Mund gespritzt werden.

Lebensmittelchemikerin Verena Bock hat die Produkte mit einer Kollegin analysiert. Das erschreckende Ergebnis: Fast keines der Produkte dürfte überhaupt verkauft werden, weil sie fast alle Zusatzstoffe enthalten. Die aber dürfen rein rechtlich in Nahrungsergänzungsmitteln für Kinder unter drei Jahren nicht enthalten sein.

Zusatzstoffe sind zum Beispiel Süßstoffe, Geschmacksverstärker oder Konservierungsstoffe, die gerade in Supplementen für Kinder oft vorkommen. Die meisten Kinder-Nahrungsergänzungsmittel müssten in Deutschland wahrscheinlich verboten sein. Dass sie trotzdem auf den Markt gelangen, ist kaum aufzuhalten, weil sie nur über ein Online-Formular "angezeigt" werden müssen. Das bedeutet: Sie durchlaufen keine weiteren Kontrollen, bevor sie verkauft werden, erläutert Lebensmittelchemikerin Verena Bock.

Nahrungsergänzungsmittel und Lebensmittel kann ja jeder auf den Markt bringen. Die sind freiverkäuflich. Der Inverkehrbringer kann da in der Dosierung und Zusammensetzung völlig frei entscheiden, was er da reinpackt.

Falls Kleinkinder Nährstoffe brauchen, empfiehlt die Lebensmittelchemikerin deshalb, lieber auf geprüfte Arzneimittel zurückzugreifen. Und sie nennt noch ein abschreckendes Beispiel:

Das krasseste Produkt [...] war eine Dosier-Spritze, die die Mutter auf die Brustwarze träufeln sollte, also die Flüssigkeit, und das Kind dann gestillt werden sollte, dass das das über das Stillen dann aufnimmt.

Falls Kleinkinder Nährstoffe brauchen, empfiehlt die Lebensmittelchemikerin deshalb, lieber auf geprüfte Arzneimittel zurückzugreifen.

Zusatzstoffe müssen nur über ein Online-Formular "angezeigt" werden und durchlaufen keine weiteren Kontrollen
Zusatzstoffe müssen nur über ein Online-Formular "angezeigt" werden und durchlaufen keine weiteren Kontrollen

Nahrungsergänzung: hilfreich bei Mangelernährung in ärmeren Ländern

Der US-amerikanische Ernährungswissenschaftler Shawn Baker arbeitet für Helen Keller Intl. Laut der Non-Profit-Organisation bekommen weltweit weniger als 30 Prozent der Kinder zwischen sechs und 23 Monaten eine Ernährung, mit der ihr minimaler Nährstoffbedarf gedeckt ist. Shawn Baker versucht, etwas dagegen zu tun. Der wirksamste Ansatz sei ein Nahrungsergänzungsmittel, das speziell für Kinder zwischen sechs und 23 Monaten konzipiert ist. Das sei die Lebensspanne, bei der sie zusätzlich zur Muttermilch nährstoffreiche Kost brauchen, erzählt Baker.

Bei dem Nahrungsergänzungsmittel handelt sich um eine Kombination aus 22 essentiellen Vitaminen und Mineralstoffen, darunter Eisen, Zink, Folsäure, zwei essentiellen Fettsäuren und so weiter. Es ist nur eine Ergänzung. Das bedeutet also nicht, dass es den Magen füllt. Wie das Nahrungsergänzungsmittel wirkt, wurde durch Studien untersucht. Das Auszehrungs- oder Wasting-Syndrom konnte mit dem Nahrungsergänzungsmittel um 31 Prozent reduziert werden. Es ist die gefährlichste Folge von Unterernährung bei Kindern.

Schwere Wachstumsverzögerung, sodass die Kinder nicht ausreichend wachsen, sank um 17 Prozent, Und Entwicklungsverzögerung, also der kognitiven Funktion, nahm zwischen 16 und 19 Prozent ab. Bei dem Ergebnis habe ich wirklich angefangen, vor Freude auf und ab zu hüpfen: Die Sterblichkeit sank um 27 Prozent.

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