SWR2 Wissen | Porträt zum 150. Geburtstag

Heinrich Vogeler – Worpsweder Jugendstil-Künstler und politischer Aktivist

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AUTOR/IN
Berit Hempel
ONLINEFASSUNG
Ulrike Barwanietz / Candy Sauer

Heinrich Vogeler, erfolgreicher Künstler und Designer in Worpswede, wollte die Welt verbessern, entwickelte sich zum Kommunisten und starb verarmt in Kasachstan. Vor 150 Jahren, am 12. Dezember 1872, wurde er geboren.

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Worpswede: Heinrich Vogeler begegnet Martha

1894 reist der 21-jährige Heinrich Vogeler, der an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert, in seine Geburtsstadt Bremen. Er möchte seinen Studienkollegen Fritz Overbeck besuchen. Doch der hatte sich gerade in dem kleinen Dörfchen Worpswede eingemietet, um dort zu malen. Worpswede ist ein beschauliches Dorf vor den Toren Bremens. Hier zog es Künstler hin, die raus wollten aus dem akademischen Kunstbetrieb. Heinrich reist Fritz Overbeck nach.

Als Vogeler zusammen mit seinen Malerkollegen Fritz Mackensen, Hans am Ende, Fritz Overbeck und Otto Modersohn auf der flachen Kuppe des Weyerbergs sitzt und Overbeck Gedichte rezitiert, kommt ein Mädchen vorbei – Martha.

Martha von Hembarg (Mädchenkopf), 1894, Martha Schröder, Vogelers spätere Ehefrau (Öl auf Leinwand, 45,7 × 31,5 cm, Privatbesitz)
Martha von Hembarg (Mädchenkopf), 1894, Martha Schröder, Heinrich Vogelers spätere Ehefrau, Öl auf Leinwand, 45,7 × 31,5 cm, Privatbesitz

"Der Eindruck dieser jungen elastischen Mädchengestalt wirkte auf mich wie etwas tief in mein Leben Eingreifendes. Ein ganz junges Menschenkind. Ohne Bedürfnis, irgendwie wirken zu wollen, interessiert an allem, was geschieht, nirgends eine Hemmung, eine konventionelle Einschränkung!"

Martha Schröder ist die Tochter einer alleinerziehenden Lehrerin aus Worpswede. Sie wird später seine Frau und liebstes Motiv.

Erster Sommer”, 1902, Die Frau des Künstlers, Martha, mit der im Dezember 1901 geborenen Tochter Marieluise, Öl auf Leinwand, 160,5 × 132 cm. Bremen, Kunsthalle
“Erster Sommer”, 1902, Die Frau des Künstlers, Martha, mit der im Dezember 1901 geborenen Tochter Marieluise, Öl auf Leinwand, 160,5 × 132 cm. Bremen, Kunsthalle

Heinrich Vogeler gestaltet den Barkenhoff in schnörkelhaftem Design

Heinrich Vogeler kauft mit dem Erbe seines Vaters einen kleinen Bauernhof in Worpswede, den er mit viel eigener Arbeit zum Barkenhoff umgestaltet. Der Jugendstil-Künstler überlässt bei der Gestaltung des alten Bauernhofes nichts dem Zufall, er entwirft selbst die Türgriffe, Tapeten, Gläser und Besteck, Möbel und Kleider für seine Frau. Vogeler legt hier schon den Grundstein für seine große Karriere mit dem schnörkelhaften Design.

Diele aus meinem Haus  Barkenhoffdiele,” 1906, Heinrich Vogeler
Diele aus meinem Haus / Barkenhoffdiele,” 1906 Öl auf Leinwand, 70,7 × 70,5 cm. Privatbesitz

Der Künstler inszeniert sich selbst als eine Art Märchenprinz: Heinrich Vogeler trägt Gamaschen, Hemden mit engem Vatermörder-Kragen, Frack und Gehstock. Leben und Kunst sind für ihn eins. Als Jugendstilkünstler verdient er viel Geld mit freien Grafiken.

Die sieben Raben, 1897, Heinrich Vogeler, 10,2 x 15 cm
Die sieben Raben, 1897, Heinrich Vogeler, 10,2 x 15 cm

In Vogelers Barkenhoff ist dieser Reichtum durchaus sichtbar: an den weißen Stühlen mit hoher Lehne, in die der Künstler Tulpen hineinschnitzt, an dem feinen Porzellan, das mit Rosen verziert ist und an dem edlen Silberbesteck mit geschwungenem Griff.

Worpswede als "Wunderland"

Heinrich Vogeler macht seinen Hof zum Treffpunkt der Künstlerkolonie Worpswede. Die junge Malerin Paula Becker, später Paula Modersohn-Becker, schwärmt:

"Worpswede, Worpswede, Worpswede … es ist ein Wunderland, ein Götterland.
Worpswede, Worpswede, Worpswede, Du liegst mir im Sinn.
Das war Stimmung bis in die kleinste Fingerspitze. Leben! Leben! Leben!"

Heinrich Vogeler: Sommerabend, 1905
Sommerabend, 1905 V. l. n. r.: Paula Becker, Agnes Wulff, Otto Modersohn, Clara Westhoff, Martha Vogeler, ihr Bruder Martin Schröder, Franz Vogeler und Heinrich Vogeler vor dem Barkenhoff in Worpswede Öl auf Leinwand, 175 × 310 cm, Worpswede

Doch der Jugendstil wird abgelöst vom Expressionismus mit seinen starken Farben und dem Kubismus mit den aufgebrochenen Formen. Heinrich Vogeler sieht seine Märchenwelt in Trümmern, die Künstlerkolonie Worpswede zerfällt. Privat entfremdet Vogeler sich von seiner Frau Martha, beruflich fehlen ihm künstlerische Perspektiven.

Vogeler übt 1918 in einem Friedensappell Kritik an Kaiser Wilhelm II.

Das Ergebnis der privaten und künstlerischen Krise: Heinrich Vogeler meldet sich freiwillig zum Militärdienst, als 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht. Doch Vogeler wendet sich bald ab vom Krieg und schreibt 1918 einen Brief an die höchste deutsche Instanz, an Kaiser Wilhelm II. Vogelers Friedensappell mit dem Titel "Das Märchen vom lieben Gott" beendet er mit den Worten:

"Sei Friedensfürst, setze an die Stelle des Wortes die Tat, Demut an die Stelle der Siegereitelkeit, Wahrheit anstatt Lüge, Aufbau anstatt Zerstörung."

Vogeler lebt antikapitalistisch. Er träumt vom neuen Menschen in einer neuen klassenlosen Gesellschaft mit gleichen Chancen für alle. Einem Menschen, der seinen Sinn im Leben nicht in dem Streben nach Profit sieht. Die Kommune, die Vogeler auf dem Barkenhoff gründet, scheitert an ideologischen und privaten Auseinandersetzungen. Vogeler zieht sich vom Barkenhoff zurück und schenkt ihn schließlich 1924 der Roten Hilfe, einer Organisation zur Unterstützung linker politisch Verfolgter. Die machen aus dem ehemaligen Künstlertreff ein umstrittenes Kinderheim.

Heinrich Vogeler reist in die Sowjetunion

Mit seiner Geliebten Sonja Marchlewska, Tochter eines Kommunisten und Begründers der Internationalen Roten Hilfe, reist Vogeler 1923 in die Sowjetunion. Immer wieder kehrt er aber nach Worpswede zurück, um Fresken in der großen Diele weiter zu malen, die er 1920 begonnen hat – Bilder von der Geburt eines neuen Menschen, vom Krieg, Kriegsgefangenen, vom politischen Kampf.

Als die Wandbilder im Barkenhoff zerstört werden sollten, kam es zu einem Riesenprotest;: Die Familie der Manns, Max Reinhardt und Käthe Kollwitz setzten sich für den Erhalt der Bilder ein. Heute gibt es nur noch Teilstücke der Wandbilder; der Barkenhoff ist heute ein Museum
Als die Wandbilder im Barkenhoff zerstört werden sollten, kam es zu einem Riesenprotest;: Die Familie der Manns, Max Reinhardt und Käthe Kollwitz setzten sich für den Erhalt der Bilder ein. Heute gibt es nur noch Teilstücke der Wandbilder; der Barkenhoff ist heute ein Museum

Heinrich Vogeler sieht für sich und seine Ideale in Deutschland keine Zukunft mehr und zieht 1931 nach Moskau. In der neuen Sowjetunion hofft der Künstler, seinen Traum eines neuen Menschen verwirklichen zu können. An seinen großen Erfolg als Jugendstilkünstler kann er damit aber nicht anknüpfen.

Als die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion angreift, tritt Heinrich Vogeler in die Propagandaarmee der Roten Armee ein
Als die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion angreift, tritt Heinrich Vogeler in die Propagandaarmee der Roten Armee ein

SS setzt Vogeler auf Fahndungsliste

In Nazi-Deutschland wird Heinrich Vogeler jetzt als Feind angesehen. Die SS setzt den Künstler auf die Fahndungsliste. Als die deutsche Wehrmacht seine neue Heimat angreift, tritt Vogeler in die Propagandaarmee der Roten Armee ein.

Aufgrund der Evakuierung Moskaus wird Heinrich Vogeler mit dem Zug nach Kasachstan geschickt. Der Künstler haust in der Ecke einer Bauernhütte, zusammen mit einer anderen Familie. Die Brille, die er zum Sehen braucht, ist auf der Fahrt zerbrochen – er hat keine warme Kleidung und kaum Nahrung, denn seine Rente aus Moskau erreicht ihn nicht.

Heinrich Vogeler stirbt an Krankheit und Hunger am 14. Juni 1942 in Kasachstan. Das genaue Grab ist unbekannt.

Das Erbe von Heinrich Vogeler

Was bleibt von dem Mann, der nach dem Zweiten Weltkrieg in der DDR für seine politischen Arbeiten und im Westen für seine Rolle als Märchenmaler, als Jugendstilkünstler verehrt wurde?

Mit seinem Jugendstil-Design hat Heinrich Vogeler die Kunst geprägt, mit seinem umfassenden Lebenskonzept die Künstlerkolonie Worpswede und den Mythos. Doch Vogeler wollte mehr: Die Welt zu einem besseren Ort machen, das war sein Ziel, zuerst durch Kunst und als die ihm nicht mehr reichte auch durch politisches Engagement.

Mit dem Barkenhoff zumindest ist es Vogeler gelungen, einen Ort zu schaffen, der – auch zu seinem 150. Geburtstag – viele Menschen anzieht und ein wichtiges Zentrum der Künstlerkolonie Worpswede bleibt.

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Was geht - was bleibt? Zeitgeist. Debatten. Kultur. Science Fiction und Design: Wie sieht unsere Zukunft aus?

Der Weltraum hat vor allem die Zukunftsvorstellung in den 60er- und 70er-Jahren geprägt. Schriftsteller*rinnen und Filmemacher*innen begannen damals, Science-Fiction-Szenarien zu entwerfen; die vielleicht bekanntesten, darunter natürlich die verschiedenen Star Trek-Serien. Darin entstand ein ganzes Design-Universum mit Innenausstattungen, die heute Klassiker sind. Irgendwo zwischen pragmatischer Form und bunter Fantasiewelt. Was ist vom utopischen Gehalt dieser Zukunftsdesigns damals geblieben und welche Ideen haben und brauchen wir heute als Gesellschaft?

„Die Neugierde für das Unbekannte, für neue Technologien bleibt heute noch aus dieser Zeit“, meint Susanne Graner, die die Ausstellung „Science Fiction Design“ vom Vitra Design Museum mit kuratiert hat. Auch im Design zeige sich diese Neugierde in einer immer wiederkehrenden Lust, mit neuen Materialien zu arbeiten und Formen auszuprobieren.

Allerdings war damals das Zukunftsbild sehr positiv konnotiert, sagt sie. Es wurden Utopien geschaffen. Heute hingegen gehe es mehr um zukünftige Dystopien, erklärt Friedrich von Borries, Professor für Designtheorie und kuratorische Praxis an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. „Die Szenarien, die wir heute haben, sind beklemmender und weniger begeisternd“, sagt er.

Statt um die Entdeckung fremder Planeten geht es heute um die Eroberung einer virtuellen Welt: Das Metaverse. Eine tolle Möglichkeit für Gesellschaftsentwürfe, sagt Susanne Graner. Das, was das Metaverse gerade anbiete, sei „echt nicht aufregendes“, kontert Friedrich von Borries. Denn es gebe reelle Räume, wie zum Beispiel historische Orte und Gebäuden, die „aufregendere und abgefahrene Räume als das Metaverse erzeugen“.

Wie schaut für euch die Zukunft aus? Habt ihr bereits tolle Möbelstücke aus der Zukunft? Schickt uns eure Meinungen per E-Mail an kulturpodcast@swr.de.

Host: Christian Batzlen, Pia Masurczak
Showrunner: Giordana Marsilio

Links:
Fan-Seiten mit Design-Klassikern aus Star Trek gibt es viele, Star Trek + Design ist eine besonders schön aufbereitete: https://star-trek.design/
Ausstellung „Science Fiction Design: Vom Space Age zum Metaverse”: http://www.design-museum.de/de/ausstellungen/detailseiten/science-fiction-design.html
Friedrich von Borries – „Stadt der Zukunft“ https://www.fischerverlage.de/buch/friedrich-von-borries-benjamin-kasten-stadt-der-zukunft-wege-in-die-globalopolis-9783596704323

Mainz

Hausbesuch Putzen wird politisch – Die Designprofessorin Isabel Naegele von der Hochschule Mainz

Was erzählt uns ein Putzschwamm? Darüber macht sich die Design-Professorin Isabel Naegele Gedanken – sie sammelt die bunten Utensilien, die sie selbst schon mal als „verführerisch wie bunte Drops“ bezeichnet. Doch darin liegt auch etwas Tückisches – bald nach Gebrauch sehen sie alles andere als schön aus. Die studierte Ärztin und Designerin hat Hunderte von ihnen gesammelt, fotografiert und katalogisiert, nach Ländern, Funktion und Historie betrachtet.
Isabel Naegele findet, dass sie vor allem gemacht sind, um Frauen zu „becircen“. Und das Putzen an sich liege überhaupt noch überwiegend in Frauenhand, seit Corona mehr denn je. Denn im Home-Office verschwänden die Frauen oft zwischen Wäschebergen und Putzeimern, seien noch weniger sichtbar als vorher. Das möchte Isabel Naegele ändern, für mehr Sichtbarkeit von Frauen vor allem im Wissenschaftsbetrieb sorgen. Ihr neuestes Forschungsprojekt, das sie gemeinsam mit anderen Wissenschaftlerinnen weltweit angeht, heißt deswegen „unseen“ – ungesehen. Es kümmert sich um Design-Errungenschaften von Frauen seit dem 19. Jahrhundert, die bis heute ohne Namen sind.

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Berit Hempel
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