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Marshall Sahlins – Neue Wissenschaft des verwunschenen Universums. Eine Anthropologie fast der gesamten Menschheit

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Clemens Klünemann

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Verstand sich die Ethnologie lange als Erforschung fremder Kulturen, so wird sie zunehmend zu einer Wissenschaft, die den eigenen – d.h. den westlichen – Blick auf andere Kulturen in den Blick nimmt und dabei erkennt, dass die westliche Sicht auf die Welt eine unter vielen ist. Der vor zwei Jahren verstorbene US-amerikanische Ethnologe Marshall Sahlins plädiert in seinem letzten Buch, das jüngst unter dem Titel „Neue Wissenschaft des verwunschenen Universums" auf Deutsch erschien, für eine multiperspektivische Sicht auf die Welt.

Was haben Zaubersprüche aus dem Hochland von Neuguinea, der Schamanismus nordamerikanischer Indigener und die hebräische Bibel gemeinsam? Der vor knapp zwei Jahren verstorbene Ethnologe Marshall Sahlins pointiert mit diesem Vergleich seine fundamentale Kritik der in der westlichen Welt herrschenden Rationalität, die auf einer strikten Trennung zwischen Natur und Kultur und zwischen Immanenz und Transzendenz besteht. Diese Trennung gehe auf die von Karl Jaspers so genannte Achsenzeit zurück, als nämlich vor etwa zweieinhalb Jahrtausenden eine kulturelle Revolution stattgefunden habe: „Die wesentliche Veränderung“, schreibt Sahlins, „bestand in der Verschiebung des Göttlichen von einer dem menschlichen Handeln immanenten Präsenz in eine transzendentale »andere Welt« mit einer ganz eigenen Realität: Die Erde ist daraufhin dem Menschen allein überlassen.“ Und man könnte hinzufügen: Was das für Folgen hatte und hat, sieht man jeden Tag – und erschrickt darüber.

 Selbstherrlichkeit des rational denkenden Menschen

Es ist offenbar dieses Erschrecken über die Selbstherrlichkeit des Menschen, das den Ethnologen Sahlins zu seiner grundsätzlichen Betrachtung über das dominierende Menschenbild führt: Mit seinem letzten Buch über eine Neue Wissenschaft des verwunschenen Universums antwortet er auf Max Webers Charakterisierung jeder Aufklärung als ‚Entzauberung der Welt‘ – in der weder für schamanische Zaubersprüche noch für die göttliche Präsenz in Form einer Wolke oder eines Dornenbuschs und erst recht nicht in Gestalt eines Menschen Platz ist. Letzteres werde im westlichen Denken als animistische Magie betrachtet, die ein vom Fortschritt längst überholtes Stadium menschlicher Kultur darstelle.

 Entwurf einer selbstkritischen Ethnologie

Sicherlich geht es Sahlins nicht darum, erneut in die Götter- und Geisterwelt eines strikten immanentistischen Denkens einzutauchen; und natürlich ist ihm klar, dass die Selbstermächtigung des rational und zielgerichtet handelnden Menschen nicht einfach rückgängig gemacht werden kann – wie denn auch und vor allem: von wem? Sahlins‘ Anliegen ist ein ganz anderes, und es ist das Anliegen einer kritischen und vor allem selbstkritischen Ethnologie – nämlich darüber nachzudenken, ob alles, was sich dem menschlichen Verstehen und der menschlichen Kontrolle entzieht, als Magie abgetan werden kann. Er zeigt dies am Beispiel der Begründung politischer Macht: „Der aktuellen Wissenschaft zufolge“, schreibt Sahlins, „steigt die Macht von der Erde zum Himmel auf: Das Göttliche ist die himmlische Repräsentation der realpolitischen Macht von Menschen“.

Göttliche Macht, so könnte man mit Ludwig Feuerbach hinzufügen, ist eben nichts anderes als menschliche Projektion. „In immanentistischen Kulturen hingegen“, setzt Sahlins fort, „steigt die Macht vom Himmel zur Erde herab: die realpolitische Autorität von Menschen ist die irdische Vergegenwärtigung des Göttlichen.“ Natürlich sieht Sahlins die Gefahr des politischen Scharlatans, ja des Diktators, der seine konkrete Macht mit dem Mäntelchen des Göttlichen legitimiert – weshalb er hinzufügt: „Politische Macht von Menschen ist im Kern immer Hybris: Aneignung von Göttlichkeit.“

 Ethnologisches Manifest für die Demut gegenüber dem Unerklärlichen

Diese Analyse menschlicher Selbstherrlichkeit wäre noch überzeugender, wenn sie den Aspekt einer Politischen Theologie berücksichtigte, wie sie sich im Denken Carl Schmitts und – ganz anders – in den Theorien Jan Assmanns zeigt, der in seinem Buch über den Zusammenhang von Herrschaft und Heil lakonisch feststellte: „Was in der Neuzeit vom Himmel auf die Erde heruntergeholt wird, war in früheren Zeitaltern von der Erde in den Himmel versetzt worden.“ Aber womöglich ging es Marshall Sahlins weniger um den wissenschaftlichen Dialog, als vielmehr darum, die Metaebene dieses Dialogs zu betonen, auf der der Mensch sich als Teil des Universums erkennt und nicht als dessen Herr: „Die Menschen haben sich die Götter nicht ausgedacht“, schreibt Marshall Sahlins gegen Ende seines letzten Buchs, „sie haben lediglich die außermenschlichen Kräfte, von denen ihr Leben und Sterben abhängt, objektiviert oder genauer gesagt, subjektiviert.“ Die Neue Wissenschaft des verwunschenen Universums ist letztlich Marshall Sahlins ethnologisches Manifest für die Demut gegenüber dem anderen, das nicht deshalb, weil es anders ist als die eigene rationale Selbstgewissheit, dieser unterlegen ist.

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