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Jakob Guanzon – Überfluss

Stand
AUTOR/IN
Claudia Fuchs

Arm zu sein in einem reichen Land hat nachhaltige psychische und gesundheitliche Folgen. In seinem Debütroman "Überfluss" zeigt der amerikanische Autor Jakob Guanzon am Beispiel eines jungen Vaters und dessen Sohn, wie Kaufkraft und Menschenwürde zusammenhängen.

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Was ist das Leben eines Menschen wert? Vielleicht 8.722 Dollar und 4 Cents. Oder 7 Dollar und 55 Cents. Jede der über dreißig Kapitelüberschriften in Jakob Guanzons Debütroman "Überfluss" entspricht einem Dollarbetrag. Es ist das Geld, das Henry, alleinerziehender Vater und Gelegenheitsarbeiter, im Alter von sechzehn bis Ende Zwanzig jeweils in bar zur Verfügung hat.    

Der 34-jährige Amerikaner Jakob Guanzon hat einen beeindruckenden Roman über den Wert eines Menschen und dessen Kaufkraft geschrieben.

Der Roman wechselt zwischen Gegenwart und Vergangenheit des jungen Vaters Henry und seines Sohnes Junior. Guanzon verbindet in diesen beiden Erzählsträngen Henrys Perspektive mit der seines kleinen Sohnes, der die Härte des Überlebenskampfes schon früh am eigenen Leib erfährt. Juniors Mutter, tablettenabhängig und überfordert, hat die kleine Familie nach einem heftigen Streit verlassen.

An Juniors achtem Geburtstag sind Vater und Sohn bereits seit einem halben Jahr obdachlos und leben in einem Pick-up. Zur Feier des Tages spendiert Henry seinem Sohn ein Essen bei McDonalds und bucht eine Übernachtung in einem Billig-Hotel. Ein Bett mit Badezimmer – das ist Luxus für die beiden, die von Henrys wechselnden Hilfsarbeiter-Jobs auf Baustellen leben. Fast minutiös schildert Guanzon 24 Stunden im Leben des jungen Vaters, der versucht, der Spirale aus Arbeitslosigkeit, Sucht und Armut zu entkommen und eine Zukunft für seinen Sohn aufzubauen.

Einen zarten Lichtschimmer am Horizont gibt es auch: Henry, vorbestraft wegen Drogenhandels, hat am nächsten Tag einen Vorstellungstermin, der die Wende bringen könnte. Raus aus den Schulden und damit die Hoffnung auf eine Rückkehr in den Trailer-Park, der zumindest einen festen Wohnsitz garantieren würde. Doch eine Erkrankung seines Sohnes stellt ihn vor neue Probleme.

Jakob Guanzon nutzt über weite Strecken die Perspektive des "free indirect style" in seinem Roman. Dies ermöglicht, die Dinge sowohl mit den Augen und in der Sprache des Protagonisten zu sehen, als auch aus der Perspektive des Erzählers. Henrys Vorbereitung auf das Vorstellungsgespräch macht diese Zusammenführung beider Perspektiven deutlich:

"Was die Arbeitserfahrung betrifft, plant er zu erzählen, dass er nach der Highschool auf Baustellen gejobbt hat und derzeit selbstständiger Hand­werker ist – ein eleganter Euphemismus, der besser klingt als verzweifelter Arbeitsloser."

Als Leser*in ist man herausgefordert, zu Henrys Überlegung Stellung zu beziehen. Henrys gehetztes Gedankenkarussell, der nagende Hunger und seine Dauersorgen um Geld und den erkrankten Sohn rücken so nah, dass sie geradezu von einem selbst Besitz ergreifen.

Unwillkürlich entsteht der Impuls, den abwärts rasenden Schlingerkurs eines Lebens zu stoppen, der ein hilfloses Grundschulkind erbarmungslos mitreißt. Die Rückblicke in Henrys Vergangenheit zeigen eine Folge von Fehlentscheidungen, die sich mit den Jahren zu einer erschreckenden Summe anhäufen.

Ein Drogendeal bringt zwar vorübergehenden Geldsegen, endet aber mit einer längeren Ge­fängnisstrafe. Als Ex-Häftling hat Henry damit alle Ansprüche auf staatliche Unterstützung verloren. Henrys Vater, ein Immigrant von den Philippinen, bleibt trotz seines Universitätsabschlusses Bauarbeiter, weil er nach einem Fehler als Vertretungslehrer keinen Zugang mehr zum Schuldienst bekommt.

Der studierte Soziologe Jakob Guanzon, der selbst einen philippinischen Vater hat, klagt in seinem Debütroman ein Land an, das zwar jedem eine zweite Chance verspricht, sie aber nicht allen gewährt. Natürlich sind nicht nur Institutionen für mangelnde Aufstiegschancen und prekäre Lebensverhältnisse verantwortlich. Henry selbst hat sich mit den falschen Freunden eingelassen und betäubt den Schmerz über den frühen Tod der Mutter mit Alkohol und Drogen.

Auch einkaufen zu können kann tröstlich sein. Es braucht psychische Kraft, um dem überwältigenden Warenangebot in einem Supermarkt zu widerstehen, das ein kleines Glück im auszehrenden Alltagskampf verheißt. Kaufkraft bedeutet Freiheit, Respekt und Dazu-Gehören im kapitalistischen System. Wie fragwürdig und menschenverachtend diese Verbindung ist, macht Guanzons sehr empfehlenswerter Debütroman auf erschreckende Weise klar.

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Claudia Fuchs