Buchkritik

Hari Kunzru – Blue Ruin

Stand
Autor/in
Cornelia Zetzsche

Eine zerstörerische Liebe, eine korrupte Kunstszene und das brisante Porträt der US-amerikanischen Demokratie. Der neue Roman des Erfolgsautors Hari Kunzru aus New York hat wieder alle Zutaten zu einem spannenden, gesellschaftspolitischen Szenario von psychologischer Tiefe und grotesker Komik.

Ein Gesellschaftsroman in der Pandemie

Vor 20 Jahren hatte Jay in London eine große Künstlerkarriere vor sich, jetzt wohnt er in den USA, ist desilluioniert, ein Wrack, Treibgut des Lebens, von seelischen Narben gezeichnet und von Covid geschwächt. Ohne Wohnung, lebt er in seinem Auto, verdient ein paar Dollar und liefert Lebensmittel in ein hochgesichertes Anwesen im Wald Upstate New York. Plötzlich steht Alice vor ihm, seine große Liebe, die ihn damals mit seinem besten Freund Rob verließ und nun in der Luxusvilla wohnt. Die Reiche und der Lieferant, ein unangenehmes Zufallstreffen.

Ich ging zurück zum Auto und versuchte, mir im Klaren darüber zu werden, was los war, wie diese Frau sich plötzlich wie eine Jalousie vor meine Erinnerung legen konnte. Zwanzig Jahre später war aus der dürren Kettenraucherin von früher die Herrin eines Märchenreichs geworden. - Jay? Ich wollte nur noch, dass der Moment vorbeiging. Einfach wegfahren und nicht mehr an sie denken.

Mit seinem filmischen Erzählen, versetzt Hari Kunzru im Nu in die klaustrophobische dunkle Szenerie im Wald, fern von New York, wo Pandemie und Panik herrschen und Polizeihub-schrauber die Demonstranten überwachen, wie es Hari Kunzru selbst im Lockdown erlebte.

New York mit all den Protesten in der Nachbarschaft fühlte sich an wie eine belagerte Stadt, das Land wurde zum Überwachungsstaat. Das Leben in den Wäldern von Up State New York, ohne Masken, schien dagegen wie unwirklich.

Käuflichkeit als Symptom der Zeit

Alice, Rob und zwei Künstlerfreunde begegnen sich wie in Shakespeares Zauberwald; eine geschlossene Gesellschaft, die sich den Sommernachtstraum in der Natur leisten kann; Reiche, die in ihrer Blase leben und nicht sehen, was draußen geschieht. Kontrovers diskutieren sie nun mit Jay: Was ist ein Kunstwerk? Wem gehört eine Idee? Wer oder was ist käuflich?

„Er selbst habe sich für eine leicht zugängliches Schreibweise entschieden, nicht für Avantgarde, sondern für eine große Leserschaft“, sagt Hari Kunzru. Als ehemaliger Londoner Kunstkritiker skizziert er mit leichter Hand die Kunstszene der 90er Jahre. Politische Zeitzeugenschaft ist ihm wichtig. Er erzähle Geschichten, um die Welt zu verstehen, sagt Hari Kunzru. „Jeder sei zu sehr mit sich, seinen romantischen oder finanziellen Nöten beschäftigt, sagt Kunzru, auch dieses Buch handle von Leuten, die die Welt ignorierten“.

Der Autor als Zeitzeuge

„Blue Ruin“ ist vor allem die Geschichte der zerstörerischen Liebe von Jay und Alice und die Rückschau auf ein Künstlerleben. Aber hinter Jay‘s persönlicher Krise liegen die Probleme von heute: Rassismus, Migration und Polizeigewalt, die Kluft zwischen Arm und Reich, Kontrollwahn, Verschwörungstheorien und eine Demokratie in Gefahr.

Kunzru, der Brite in New York, ist ein scharfer Beobachter, und „Blue Ruin“ Teil 3 und Abschluß einer Trilogie. „White Tears“ handelte vom Musikgeschäft, „Red Pill“ von einem Schriftsteller, „Blue Ruin“ nun spielt in der Welt der Kunst, und nicht zufällig sind Weiß, Rot, Blau die Farben der US-Flagge, ist die Trilogie ein Spiegel der gespaltenen US-amerikanischen Gesellschaft mit der Tendenz zum Überwachungsstaat. Während Trump sein Comeback plant, akzeptiert die liberale Elite ein Zwei-Klassen-Denken, demokratische Werte gelten nur für Privilegierte, und studentische Israel-Proteste dieser Tage werden niedergeprügelt.

Die Demokratie in Gefahr

Die USA seien in vielerlei Hinsicht zum Polizeistaat geworden. Die Demokratie sei ein Chaos mit häßlichen Auswüchsen, aber die Alternative umso schrecklicher.

Seine Romanfiguren im Wald, Vertreter der Reichen in der Pandemie, ficht das alles nicht an. Sie sind egoman verstrickt in ihrem Kokon bis zum westernähnlichen, parodistischen Showdown. „Blue Ruin“, blue wie der Gin und ruinös wie die Gesellschaft, ist keine Apokalypse wie „Red Pill“, eher ein Beziehungsdrama von psychologischer Tiefe und grotesker Komik, mit versöhnlichem Ende; das szenisch erzählte, ungemein facettenreiche und fesselnde Psychogramm eines Mannes und einer gefährdeten Demokratie wie den USA, die der Roman schemenhaft spiegelt. „Was, wenn der Überwachungsapparat in die Hände von Diktatoren fällt“, fragt Hari Kunzru besorgt. „Wir, die Demokratie weltweit, befinden uns in einem gefährlichen politischen Moment“.

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