Buchkritik

Fabio Stassi – Die Seele aller Zufälle

Stand
Autor/in
Sonja Hartl

Der Gelegenheitsdetektiv und Bibliotherapeut Vince Corso macht sich in Rom auf die Suche nach einem geheimnisvollen Buch – und entdeckt den Weg zu einem Safe, in dem Millionen versteckt sein könnten. Fabio Stassis „Die Seele aller Zufälle“ ist ein unwiderstehlich melancholischer Kriminalroman voller Liebe zur Literatur.

Von Anfang an durchzieht Fabio Stassis raffiniert konstruierten Roman „Die Seele aller Zufälle“ jene melancholische Einsamkeit, die guten Detektivromanen so eigen ist: Seit einer Woche geht Vince Corso jeden Abend in eine kleine Bier-Bar in Rom, setzt sich an denselben Tisch und wartet auf jemanden.  

Ein bisschen Angst habe ich schon, um ehrlich zu sein. Ich habe Angst, dass es gar keine Aufgabe gibt, die ausgeführt werden muss. Und dass dieser Tisch ewig leer bleiben wird.“

Es wäre eine lange Geschichte, wenn ich erklären wollte, wie es so weit gekommen ist, dass ich auf ein Gespenst warte. Aber hier schaut nie jemand vorbei. Also erzähle ich mir diese Geschichte immer aufs Neue selbst, um mir einzureden, dass sie ein Ende haben wird. 

Bibliotherapeut hilft Mann mit Alzheimer 

Von Beruf ist der 45-jährige Ex-Vertretungslehrer nämlich Bibliotherapeut: Er hilft Menschen, indem er ihnen nach einem Gespräch ein Buch verschreibt, das ihre Probleme lösen, gewissermaßen ihre Seele wieder ins Gleichgewicht bringen soll. Eines Tages wendet sich Giovanna Baldini an ihn: Ihr Bruder – ein Bibliophiler – hat Alzheimer und wiederholt ständig eine scheinbar willkürliche Abfolge von Sätzen. Sie ist überzeugt, dass sie aus einem Buch stammen und es ihrem Bruder helfen würde, wenn sie ihm daraus vorläse. Ihre eigene Suche war erfolglos, also soll Corso gegen ein großzügiges Honorar das Buch für sie finden. Widerstrebend begibt er sich auf die Suche – er braucht das Geld – und ahnt schon bald, dass Giovanna Baldini eigentlich den Safe ihres Bruders finden will, in dem Millionen sein könnten. 

Ein Kriminalroman ohne Mord, ohne Leiche, ohne Polizei – dennoch ungemein spannend und voller Rätsel, literarischer und detektivischer. „Die Seele aller Zufälle“ steht in der Tradition des argentinischen Autors Jorge Luis Borges: Das Ermitteln ist ein kreatives, intellektuelles Suchspiel. Stassis Vince Corso entdeckt Hinweise in Büchern und einem Tango von Carlos Gardel, er interpretiert Indizien, die er in Gesprächen und auf Spaziergängen mit seinem Hund Django findet. 

Rom als anspielungsreicher Handlungsort 

Das regennasse Rom ist der perfekte Handlungsort dieses Kriminalromans, in dem nichts zufällig, sondern alles zwingend ist. Jedes Gespräch, jeder Verweis, jede literarische Anspielung hat eine Bedeutung: Sie geben Hinweise auf das Buch von Giovannas Bruder, aber nicht nur: Sie sorgen bei den Lesenden für Rätselspaß und verankern den Roman in literatur- und kulturgeschichtlichen Kontexten. Ein Beispiel: Die Straße, in der Corso wohnt, ist die Via Merulana. Sie verweist auf Carlo Emilio Gaddas italienischen Krimi-Klassiker „Die gräßliche Bescherung in der Via Merulana“ aus dem Jahr 1947. Gaddas Roman ist eine Anklage gegen den italienischen Faschismus der 1920er Jahre. Es bleibt aber nicht bei dieser bloßen Referenz, die Krimi-Kenner vergnügt entdecken können: In der Gegenwart bekommt Corso Besuch von dem Vertreter einer Nachbarschaftswache, die gegen Geflüchtete vorgehen will, und gerät auf seinem Spaziergang in eine Demonstration von Immigranten, die von der Polizei brutal beendet wird. Diese Einbrüche der Realität sorgen zudem dafür, dass „Die Seele aller Zufälle“ mehr ist ein genussvoller intellektueller Rätselspaß.  

Diese Lektüre macht Lust auf mehr!

Man muss nicht jede Anspielung erkennen, um sich von diesem Roman betören zu lassen. Ihn zeichnet die tiefe Überzeugung aus, dass Literatur etwas bedeutet: Sie ist Seelentröster und Hinweisgeber. 

„Sie ist der große Saboteur jeder gesetzlich vorgeschriebenen Ordnung. Kein Diktator, der sie nicht gefürchtet hätte. Denn die Literatur stellt alles in Frage, beginnend bei dem, der schreibt, und dem, der liest. Was mich betrifft, so habe ich immer die Autoren geliebt, die auf das Chaos mit Chaos, auf Ungerechtigkeit mit Wahnsinn geantwortet haben. Das fängt bei Cervantes an, Don Quijote wird uns immer und ewig daran erinnern, dass das Lesen eine subversive Tat ist, ein permanenter Protest gegen Unglück und Ungerechtigkeit.“

Und so ist Fabio Stassis hinreißend-origineller Kriminalroman auch ein Plädoyer für das Lesen.  

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