Buchkritik

Esther Kinsky - Rombo

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AUTOR/IN
Carsten Otte

Esther Kinsky erzählt in „Rombo“ vom Erinnern an eine Naturkatastrophe, nämlich an jene zwei Erdbeben, die Nordostitalien im Jahre 1976 heimsuchten. Über sieben Lebensgeschichten, die eng verknüpft sind mit Landschafts- und Naturbeschreibungen, entsteht ein „Gedächtnis der Zerstörung“ und ein herausragendes literarisches Kunstwerk.

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Rombo bezeichnet das dunkel-grollende Geräusch, das einem starken Erdbeben vorausgeht

Schon mit dem lautmalerischen Titel zeigt Esther Kinsky, dass für die Ästhetik dieses Buchs audiovisuelle Sinneseindrücke eine wichtige Rolle spielen: „Rombo“ heißt der Roman, und dieses italienische Wort bezeichnet das unterirdische, dunkel-grollende Geräusch, das einem starken Erdbeben vorausgeht, wie es sich im Mai und im September 1976 im Friaul, im Nordosten Italiens ereignet hat.

Viele Orte der Region wurden zerstört, 45.000 Menschen verloren ihr Obdach, Kirchen und andere Baudenkmäler stürzten ein, fast 1000 Menschen starben, als sich die Afrikanische unter die Eurasische Erdplatte schob und die Alpen, wie die Geologen sagen, auffaltete.

Im Mittelpunkt des Textes stehen die Erinnerungen von sieben Einheimischen aus einem Bergdorf

Kinsky spürt in „Rombo“ nun den Bruchlinien dieser Katastrophe nach, sowohl in den Biografien der betroffenen Menschen als auch in der Kultur- und Naturlandschaft. Im Mittelpunkt des Textes stehen die Erinnerungen von sieben Einheimischen aus einem nicht näher benannten Bergdorf, wie der Friedhofsmitarbeiter Anselmo, der sich an die Vorboten der ersten Erdstöße noch Jahre später gut erinnert.  

„… es war fast dunkel und still wie noch nie, so eine ganz tiefe Stille auf einmal, und dann begann ein tiefes Summen, und da lief ein Grollen und Zittern und Knirschen durch alles, und ich sprang auf und sah noch im allerletzten Dämmerlicht aus dem Fenster den dunklen Schnee, der sich vom Canin löste.“
(Aus: Esther Kinsky: Rombo)

Der Monte Canino - ein langgezogener und massiver Gebirgszug mit zerfurchten Hochflächen und tiefen Schluchten, steht dort seit je drohend über den Menschen - erinnert an die Allgewalt der Natur. Präzise und kenntnisreich beschreibt Kinsky die Schroffheit der Felsen, die hier mehr sind als ein interessanter Landschaftsrahmen für die Erdbebenstory.

Sie sind nämlich Teil einer Topgraphie der Erinnerung, zu der die Veränderungen in der Natur, das Leid der Menschen, aber auch das der verstörten Tiere gehört. Dabei geht es weniger um das Archaische der Landschaft und das Heroische der Bevölkerung, sondern um die großen und kleinen Risse, die sich auch schon vor dem Erdbeben auftaten, und zwar in jeder Hinsicht, bis ins Eheleben der Protagonisten hinein.

Der Alltag der Kaninchenzüchterin Lina zum Beispiel war immer schon von Trennungen geprägt.  

„Meine Mann arbeitet im Ausland. Erst war er Jahre in der Schweiz im Straßenbau, jetzt ist er Kellner in Deutschland. Alle paar Monate kommt er nach Hause. Dann wird am Haus gebaut, repariert, Holz geschlagen. So ist das hier immer gewesen. Die Armut hat die Menschen fortgetrieben, die Sehnsucht hat sie wieder zurückgeführt.“
(Aus: Esther Kinsky: Rombo)

Die Erschütterungen des Erdbebens hinterlassen ihre Spuren bis hinein in die unterschiedlichen Sprachformen der Erinnerungen

Ein Erdbeben, heißt es an einer Stelle, „erschüttert alles und stellt alles auf den Kopf, auch die Gedanken im Kopf“. Das zeigt sich in „Rombo“ auch in der erstaunlich unterschiedlichen Sprachform der Erinnerungen. Manche sind in atemlosen Endlossätzen gehalten, die von einer Erschütterung berichten, die über Jahrzehnte nachwirkt.

Andere Figuren haben mit dem Geschehenen abgeschlossen, sprechen in abgebrüht wirkenden, jedenfalls kurzen Sätzen. Was alle sieben Menschen eint, die Kinsky aufsucht, ist eine unheroische Verbundenheit von Mensch und Natur auch nach der Katastrophe.

Insofern fügen sich die kurzen Prosaminiaturen, die von der Flora und Fauna der Erdbebenregion handeln, gut in das romanhafte Textmosaik ein: Von giftigen Schlangen und Pflanzen mit schönen Namen wie „Mannstreu“ und „Nieswurz“ erzählt Kinsky in einem Tonfall, den man in diesem Zusammenhang durchaus als „in Stein gemeißelt“ bezeichnen kann.

Es entsteht ein Sprachkunstwerk auch von emotionaler Wucht

Jedes Wort stimmt in dieser Prosa. Es gibt kein Ornament, keine aufdringlichen Liebeserklärungen an die belebte oder unbelebte Natur, wie sie im sogenannten Nature Writing zuweilen üblich sind. So kühl und fragmentiert der Text sich gibt, bei Kinsky ist, sozusagen in den tieferen Textschichten, doch alles mit allem verbunden, und es entsteht ein Sprachkunstwerk auch von emotionaler Wucht.

Dabei verweist eine kleine Beobachtung auf das große Unglück, lauert im Detail die nur schwer einschätzbare Gefahr. Selbst der Sprache ist nicht immer zu trauen. So beschreibt Kinsky eine Pflanze namens „Brennender Busch“, die zwar Flammen erzeugen kann, allerdings kein Busch, sondern eine Blume ist.

„(…) die Samenkapseln öffnen sich platzend im Sommer und schleudern die Samen einige Meter weit. So wandert die Blume von Kalkboden zu Kalkboden, überquert Meere in den Taschen und Kleidungsfalten der Wanderer, siedelt sich an, wo dann und wann die Sonne so heiß darauf scheint, dass sich die zitronenduftige Ausdünstung der Blüten zu stillen blauen Flämmchen entzünden, die jedoch der Pflanze und den rosa geäderten Blüten keinen Schaden zufügen.“
(Aus: Esther Kinsky: Rombo)

An der Steinen eines eingestürzten Doms werden Markierungen der Steinmetze entdeckt - sie bilden nun eine Art „Gedächtnis der Zerstörung“

„Rombo“ ist ein Roman, der nicht nur olfaktorische, akustische und sprachliche Phänomene aufgreift, sondern auch die rein textliche Ebene verlässt: In Venzone, einem stark vom Beben betroffenen Ort, wurde der Dom weitgehend zerstört. Die Einheimischen sortierten schon bald die Trümmer auf einem großen Schotterfeld und entdeckten Markierungen, die „vor Jahrhunderten die Steinmetze und ihre Werkstätten hinterlassen hatten“ und die ursprünglich in den Fugen der Gebäude verschwanden.

Nach der Katastrophe bilden sie nun eine Art „Gedächtnis der Zerstörung“, das im Chor der wiederaufgebauten Kirche in einem Erinnerungsfresko ausgestellt ist. Die geheimnisvollen Zeichen auf den Steinen sind schwer zu entziffern, wie Kinskys Fotos im Buch zeigen. Diese von „der Zeit verschlüsselten Bilder“, schreibt die Autorin, würden „vom Erinnern als Aufgabe handeln“. Und mit „Rombo“ kommt Esther Kinsky diesem Anspruch tatsächlich meisterhaft nach.

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Carsten Otte