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Doku „F@ck This Job“: Wie Doschd vom pinken Lifestyle-Sender zur Speerspitze der unabhängigen Medien in Russland wurde — und dann abgeschaltet

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AUTOR/IN
Franziska Gromann

„Doschd — Optimistic Channel“ nennt sich der russische Sender, der am 3. März 2022 weltweit für Aufsehen sorgt, als er den Sendebetrieb aufgrund der verschärften Mediengesetze im Ukraine-Krieg einstellen muss. „Doschd“ schaltet nämlich nicht einfach ab, sondern das Team verabschiedet sich von seinen Zuschauer*innen mit einem deutlichen „Nein zum Krieg“. Die Filmemacherin Wera Kritechewskaja, selbst Mitgründerin des Kanals, porträtiert „Doschd“ und die Menschen dahinter in der vom NDR ko-produzierten Doku „F@ck this Job — Abenteuer im russischen Journalismus“.

Eine junge Frau im Orangen Rock steht vor einer weißen Wand auf der in großen Buchstaben "Optimistic Channel" angebracht ist.

Die Prinzessin mit dem Nachrichtensender

Alles beginnt in den 2000er Jahren mit Medienmanagerin Natalja Sindejewa und ihrem Traum vom eigenen TV-Kanal. Sindejewa ist eine Naturgewalt, leidenschaftliche Tänzerin, hat einen eigenen Radiosender gegründet, verheiratet mit einem reichen Investor. Rauschende Partys pflastern ihren Weg und nun möchte sie einen TV-Sender starten, pink soll seine Farbe werden — wie ihr Porsche Cayenne.

Geld ist kaum ein Problem und gemeinsam mit der Journalistin Wera Kritechewskaja, die nun „F@ck this Job“ gemacht hat, wird „Doschd“ (russ. „Regen“) 2010 während der relativen Entspannung der Medwedew-Präsidentschaft aus der Taufe gehoben. Live-Sendungen, anfangs noch eher holprig, sind das Markenzeichen des Senders.

Eine junge, blonde Frau im Rollstuhl richtet sich die Haare in einem TV-Studio, neben ihr ein TV-Pult, auf das sich eine andere, dunkelhaarige Frau aufstützt.
Hinter Doschd steht ein diverses Team — besonders getroffen fühlen sich die Mitglieder durch die Verschärfung der Gesetze gegen „Homosexuellen-Propaganda“ in Russland: Knapp die Hälfte von ihnen identifizieren sich als queer.

Populärer Sender gerät in Konflikt mit der Staatsführung

Was als Lifestyle-Projekt für alle beginnt, erlebt seine erste Krise durch die Politik: Sindejewa beschließt eigenmächtig einen regierungskritischen Sketch aus dem Programm zu nehmen, daraufhin wird „Doschd“ von Präsident Medwedew bei einem Besuch gelobt, aber Nachrichten-Profi Kritechewskaja verlässt das Projekt. Sie sieht darin einen Verrat an der Unabhängigkeit des Senders.

„Doschd — Optimistic Channel“ erlebt eine Welle der Begeisterung in Russland, die Zuschauerzahlen steigen immer weiter, Natalja Sindejewa und ihr Team sind voll engagiert und versuchen ein breites Bild der russischen Gesellschaft abzugeben. Doch hier kommt es erstmals zu Konflikten mit der Staatsführung, die sich nicht mehr so einfach lösen lassen.

„Zeigen, was ist“ — auch wenn die Politik das nicht will

Drei Personen in einem TV-Studio, links ein Mann im Anzug hinter einem Pult, recht ein Mann mit Tattoo am Nacken, der einer blonden Frau mit einem Fusselroller über den Blazer streift. Sie blickt zu dem Mann hinter dem Pult und lächelt.
Allen eine Stimme geben: Auf Doschd kam auch Oppositionsführer Alexey Navalny regelmäßig zu Wort (li., mit Moderatorin Xenia Sobchenko und Designer Artemy Lebedev).

Der Sender berichtet von den Protesten gegen die Wiederwahl von Putin, von den Scharfschützen bei den Maidan-Protesten in der Ukraine, spricht mit russischen Kriegsgefangenen im Donbass. „Zeigen, was ist“ könnte ihr Motto sein — man trifft in der Doku alte Bekannte, wie einen jüngeren Alexey Nawalny oder Boris Nemtsov vor seiner Ermordung. Es wird scharf kontrastiert, was die staatlichen Sender zeigen, während auf der Straße die Führung in Frage gestellt wird: TV-Serien. In dieser Zeit stößt auch Wera Kritechewskaja wieder zum Team.

„Doschd“ wird nach und nach immer weiter eingeschränkt — die Kabelanbieter beenden ihre Verträge, die Werbepartner springen ab, immer weniger Menschen können oder wollen am Abo-Programm teilnehmen, der Sender wird als „ausländischer Agent“ deklariert. Dazu kommen private Rückschläge für Sindejewa, die im Fokus des Films steht: Ihre Ehe kriselt, bei ihr wird Brustkrebs diagnostiziert.

Wie deutsche Großkonzerne russische Staatspropaganda mitfinanzieren:

Dokumentarfilm auch für Nicht-Russland-Expert*innen

Mit seinen neon-pinken Zwischentiteln, die die auftretenden Personen vorstellen und den zeitlichen Verlauf der Ereignisse einordnen, bringt auch „F@ck this Job“ einen „optimistischen“ Vibe rüber. Viel davon ist der unbändigen Motivation der Journalist*innen und Mitarbeitenden geschuldet, die bei jedem Satz förmlich durch den Bildschirm zu spüren ist — auch wenn dem Reporter unter Beschuss auf dem Maidan in Kiew dann in der Live-Übertragung das titelgebende „Fuck This Job“ rausrutscht.

Trotz des ernsten Themas schaffen es Regisseurin Wera Kritechewskaja und Jutta Hercher, die für die deutsche Bearbeitung zuständig war, eine fesselnde und unterhaltsame Doku abzuliefern: Auch wer sich nicht unbedingt genauer mit der russischen Politik der letzten zehn Jahre auskennt, wird mitgenommen.

Glamour und Glitzer trifft den Wunsch nach offener Diskussion

Ein Paar, bestehend aus einem Mann mit Dreitagebart und einer schwarzhaarigen Frau. Der Mann hält die Frau am Ellbogen fest, sie trägt ein Spitzenkleid, er ein Hemd und hat einen blauen Pullover über die Schultern gelegt.
Natalja Sindejewa und Alexander Winokourow sind die Investoren hinter Doschd: Das Paar gehört zur Oberschicht von Moskau, hier aufgenommen bei einer Party für die „100 schönsten Menschen der Stadt 2011“.

Unterschwellig nimmt man bei aller Motivation und allem Optimismus wahr: Opposition und das Verfolgen einer Idee vom unabhängigen Sender muss man sich leisten können. Gründerin Natalja Sindejewa und ihr (inzwischen Ex-)Mann, Investor Alexander Winokourow (nicht zu verwechseln mit dem ehemaligen Radprofi) können es sich leisten, mal eben eine Eigentumswohnung in das neue TV-Studio umzurüsten, als „Doschd“ keinen Mietvertrag mehr bekommt. Sie können es — und sie tun es.

Nur noch als Texttafel in den Film geschafft hat es das (vorläufige) Ende von „Doschd — Optimistic Channel“: Die neuen Mediengesetze zum Krieg in der Ukraine machen es den Mitarbeitenden so schwer, sachgerecht über die Ereignisse zu berichten, dass sie den Sendebetrieb vorläufig einstellen. Das gesamte Team verabschiedet sich in einer Live-Schalte, sagt deutlich „Nein zum Krieg“, der antifaschistische Gruß „No pasarán“ fällt und dann — kommt eine Übertragung von „Schwanensee“.

The Entire staff of the Russian TV channel “the rain” resigned during a live stream with last words: “no war” and then played “swan lake” ballet video (just like they did on all USSR tv channels when it suddenly collapsed) #UkraineRussianWar #Ukraine #UkraineWar #Putin #Russia https://t.co/NAkWlghe0r

Zerbricht der Traum von der unabhängigen Presse endgültig?

Während der Sender angibt, seinen Betrieb nur unterbrochen zu haben, ist inzwischen der Großteil des Führungsteams ins Ausland geflohen. Dass sie den Kampf um die Pressefreiheit in ihrer Heimat Russland jedoch nicht so einfach aufgeben werden, scheint jedoch klar.

„F@ck this Job“ bis 25. Februar 2022 in der ARD Mediathek:

Gespräch Russland und Belarus verstehen – Tamina Kutscher und Ingo Petz von Dekoder.org

Tamina Kutscher und Ingo Petz haben Slawistik studiert und arbeiten für die Plattform Dekoder. Darauf werden Texte unabhängiger Medien aus Belarus und Russland in deutscher Übersetzung veröffentlicht.

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