Seit Wochen machen Bauern in ganz Deutschland ihrem Unmut über die Situation der Landwirtschaft in landesweiten Protesten Luft. Die geplante Streichung der Agrardieselerstattung war für viele der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.
Der Unzufriedenheit der Bauern wird dabei oft die positive Einkommensentwicklung der Branche in den vergangenen Jahren entgegengesetzt. Doch in Rheinland-Pfalz sind die Einkommen im Vergleich zu Ländern wie Sachsen-Anhalt und Niedersachsen deutlich weniger stark gestiegen. Im Bundesvergleich lagen rheinland-pfälzische Betriebe in den letzten Jahren meist unter dem Durchschnitt.
Rheinland-Pfalz: Land der Weinreben
Landwirtschaftliche Einkommen unterliegen überall in Deutschland großen Schwankungen. Das Wetter, Marktpreise und Krisen wie die Corona-Pandemie oder der Ukraine-Krieg wirken sich auf die Gewinne und damit auf die Einkommen aus.
In Rheinland-Pfalz gibt es zusätzlich strukturelle Besonderheiten. Fast die Hälfte der Haupterwerbsbetriebe spezialisieren sich hier auf den Anbau von Obst und Wein. Die Flusstäler von Mosel und Rhein sind aufgrund ihres Klimas besonders gut für den Weinanbau geeignet. Deutschlandweit verzeichnet Rheinland-Pfalz in diesem Bereich die besten Einkommen.
Doch die Arbeit ist oft mühsam. Anbaugebiete an steilen Hängen können kaum mit Maschinen bewirtschaftet werden. Im Weinbau sind deshalb in der Regel mehr Arbeitskräfte tätig als in anderen Betrieben. Der Gewinn muss dort also auf mehr Menschen aufgeteilt werden, die Einkommen pro Kopf fallen dementsprechend niedrig aus.
Wie viel pro Arbeitskraft erwirtschaftet wird unterscheidet sich je nach Betriebsform stark. In der Schweine- und Geflügelhaltung verdienen die Bauern in Rheinland-Pfalz trotz großer Schwankungen im Schnitt knapp 6.000 Euro mehr im Jahr als Ackerbauern.
Landwirte in anderen Bundesländern erzielen mit ihren Ackerflächen höhere Einkommen. In Sachsen-Anhalt gibt es beispielsweise besonders viele Ackerbaubetriebe. Sie profitierten zuletzt von den gestiegenen Verkaufspreisen für Getreide, Kartoffeln und Ölpflanzen wie etwa Raps. Das zeigt sich auch im Durchschnittseinkommen des Landes.
In Rheinland-Pfalz legen etwa ein Fünftel der Bauern ihren Schwerpunkt auf den Ackerbau. Das milde Rheinklima und die leicht zu bearbeitenden Böden verhelfen der Vorderpfalz zum Spitznamen "Gemüsegarten Deutschlands". Feldgemüse wie Zwiebeln, Karotten, Radieschen und Salat spielen hier neben Getreide, Kartoffeln und Ölpflanzen eine große Rolle.
Nur wenige Betriebe fokussieren sich auf die Schweine- und Geflügelhaltung. Sie erzielten in den letzten Jahren zwar im Schnitt bessere Einkommen als andere Betriebsformen, machen jedoch nur einen verschwindend geringen Anteil der Landwirtschaft in Rheinland-Pfalz aus.
Kleine Betriebe dominieren rheinland-pfälzische Landwirtschaft
Die unterschiedlich hohen Einkommen innerhalb einer Betriebsform hängen neben der Marktanbindung der einzelnen Betriebe und der Vertriebsform auch von der Betriebsgröße ab.
Die Landwirtschaft in Rheinland-Pfalz ist von vielen kleinen und mittelgroßen Betrieben geprägt, die über geringere Produktionskapazitäten verfügen als Großbetriebe. In kleinen Haupterwerbsbetrieben bewirtschaften im Schnitt 1,6 Vollzeit-Arbeitskräfte eine Fläche von 39,7 Hektar. Das Pro-Kopf-Einkommen lag im Wirtschaftsjahr 2021/22 bei rund 31.400 Euro. Viele rheinland-pfälzischen Betriebe werden als Nebenerwerbsbetrieb geführt. Sie sind in der Regel noch kleiner.
Ein Grund für die Größenunterschiede ist die sogenannte Realteilung: Im Südwesten wurden Flächen über Generationen hinweg an mehrere Erben weitergegeben und dementsprechend aufgeteilt. Dadurch sind über die Zeit viele kleine Grundstücke entstanden.
Im Nordosten Deutschlands sind die Betriebe deutlich größer. Das liegt auch daran, dass in der DDR einzelne Bauernhöfe zu genossenschaftlichen Großbetrieben zusammengelegt wurden.
Wachsende Anforderungen nur schwer stemmbar
Die wachsenden Anforderungen an die Landwirtschaft setzen vor allem kleine Betriebe unter Druck. Bürokratie, Investitionen und Innovationen sind für sie schwerer zu stemmen als für größere Betriebe.
Staatliche Förderungen und EU-Subventionen machen einen großen Teil der landwirtschaftlichen Erträge aus. Doch auch bei den Flächenprämien, wie sie beispielsweise von der EU ausgezahlt werden, sind kleine Betriebe im Nachteil. Gleiches gilt für die vielen Weinbauern in Rheinland-Pfalz, die weniger Fläche benötigen als beispielsweise Ackerbaubetriebe.
Das Pro-Kopf-Einkommen in kleinen rheinland-pfälzischen Haupterwerbsbetrieben fällt mit rund 31.000 Euro zwar besser aus als in Baden-Württemberg, wo je Arbeitskraft nur rund 16.800 Euro erwirtschaftet werden. Einige Landwirte stocken ihr Einkommen trotzdem durch Nebenverdienste auf, beispielsweise durch Photovoltaik-Anlagen, Verpachtung oder der Beherbergung von Gästen.
"Höfesterben" hält auch in Rheinland-Pfalz weiter an
Dennoch können viele Landwirte der aktuellen Entwicklung finanziell nicht mehr standhalten. Andere finden keinen Nachfolger, der den Hof übernimmt, sind mit dem Betrieb überfordert oder verlieren die Lust an der Landwirtschaft.
Für Agrarökonom Alfons Balmann vom Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien ist diese Entwicklung nicht per se etwas Schlechtes. Geben Landwirte, deren Betrieb schon lange unrentabel ist, ihren Hof auf, sei das viel mehr das Ergebnis eines wirtschaftlichen Wettbewerbs. Dieser bringe in der Landwirtschaft genauso Folgen mit sich wie in anderen Wirtschaftsbereichen.
Kleinstrukturierte Landwirtschaft bringt auch Vorteile
Um auch als kleiner Betrieb mit den technologischen Veränderungen in der Landwirtschaft mithalten zu können, sollte laut Dr. Andrea Knierim, Professorin an der Universität Hohenheim, vermehrt auf Kooperationen mit anderen Landwirten gesetzt werden. In Maschinenringen können beispielsweise Maschinen gemeinsam angeschafft und genutzt werden.
Politische Maßnahmen wie die Junglandwirteförderung oder die geplanten Lockerungen der EU-Umweltauflagen kommen vor allem kleinen Betriebe zugute. Denn die kleinteiligen Strukturen bringen nicht nur Nachteile mit sich. Die Vielfalt macht die Landwirtschaft in Baden-Württemberg weniger empfindlich gegenüber Krisen.
Zudem haben auch kleine Betriebe einen großen Wert für den ländlichen Raum. “Die Landwirtschaft trägt dazu bei, dass die Landschaft erhalten und gestaltet wird”, weiß Dr. Andrea Knierim. Das sei für die Identifikation der Menschen mit ihrer Region wichtig, biete aber auch Potenzial für Tourismus.
Angebote wie Hofläden oder Schulbauernhöfe ermöglichen zudem die Begegnung mit der Landwirtschaft und schaffen Transparenz über die Herkunft der Nahrungsmittel.