Fußballfan beim Public Viewing.

Kaum Public Viewing geplant

WM in Katar: Fußballgucken in RLP wird eher Privatvergnügen

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Seit 2006 sind Fußball-Weltmeisterschaften eigentlich nicht mehr ohne Public Viewing denkbar. Doch in diesem Jahr scheint das in Rheinland-Pfalz anders zu sein.

Die Heim-WM 2006 veränderte für viele Menschen die Art, wie sie Fußballspiele verfolgen. Seitdem ist bei großen Turnieren häufig "Rudel-Gucken" angesagt: unter freiem Himmel, auf großen Leinwänden und umringt von Gleichgesinnten. Zu derartigen Gemeinschaftserlebnissen könnte es in diesem Jahr in Rheinland-Pfalz nur vereinzelt kommen. Denn die WM findet nicht nur im Winter statt (20. November bis 18. Dezember), sondern auch in Katar - einem politisch höchst umstrittenen Land.

- Was ist in den Städten geplant?
- Wie verhalten sich die Gastronomen?
- Was sagen die Fußballvereine?

Was ist in den Städten geplant?

In den größeren Städten im Land wird es wohl keine Public Viewings auf öffentlichen Plätzen geben. Das hat eine SWR-Umfrage ergeben. So sagen Sprecher von Ludwigshafen, Frankenthal, Speyer, Worms und Trier, dass ihnen bislang keine Public-Viewing-Pläne bekannt seien. Aus Mainz, Bad Kreuznach, Landau und Neustadt an der Weinstraße heißt es sogar ausdrücklich, dass die Städte keine öffentlichen Vorführungen von WM-Spielen planten.

Auch in Neuwied wird es Public Viewings laut Stadt "vermutlich" nicht geben. Lediglich der Stadt Koblenz liegt nach eigenen Angaben eine Public-Viewing-Anfrage eines Gastrobetriebs vor. Aber selbst bei dieser handele es sich lediglich um eine Anfrage und nicht um einen Antrag.

Warum halten sich die Städte zurück?

Die Städte begründen ihre Zurückhaltung bei Public Viewings allerdings nicht mit der Absicht, die WM zu boykottieren. Grund sei vielmehr, dass sie solche Vorführungen auch in der Vergangenheit nicht selbst veranstaltet hätten, sondern private Anbieter. Wenig einladend ist aus Sicht der Städte zudem die Witterung im November und Dezember. Auch erschweren die Unwägbarkeiten der Energie- und Corona-Krise die Planungen, wie die Stadt Landau zu bedenken gibt.

Wie verhalten sich die Gastronomen?

Bei den Gastronomen ist das Bild gemischt. Vereinzelt planen Gaststättenbetreiber, die WM-Spiele zu zeigen. Einer von ihnen ist Andreas Bretz. Der Gastronom betreibt zwei Irish-Pubs in Ludwigshafen und Bad Dürkheim. In beiden Kneipen könnten die WM-Spiele auf großen Leinwänden übertragen werden, sagt Bretz. Zwar habe er seine endgültige Entscheidung noch nicht getroffen. Doch wisse er nicht, ob er es sich in der gegenwärtigen Lage überhaupt leisten könne, die Spiele nicht zu zeigen und so auf möglichen Umsatz zu verzichten.

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Ins gleiche Horn stößt der Gastronom Jerome Lieb vom Aposto in Mainz: Man sei "einer der größten Läden in der Stadt", und da sei es schwierig zu sagen, dass man die WM-Spiele nicht zeige. Verzichte man auf die Ausstrahlung, könnten andere Gaststätten dem Aposto Kundschaft abgreifen.

Koblenzer Kneipe schließt sich Boykott an

Doch es gibt auch Kneipen, die die WM in Katar unverblümt boykottieren - beispielsweise die Koblenzer Szene-Bar Fox. Die Kneipe hat sich der Aktion #boycottqatar2022 angeschlossen. Der Protest-Aufruf wird von rund 100 Gruppen und mehreren Tausend Einzelpersonen unterstützt. Die Unterzeichner plädieren ausdrücklich dafür, nicht an Public Viewings teilzunehmen.

Wie viele Gaststätten im Land die WM-Spiele zeigen werden, kann der Branchenverband DEHOGA nicht sagen. Er schätzt, dass bis zu 1.500 seiner Mitgliedsbetriebe dies grundsätzlich in Erwägung ziehen könnten - einfach, weil es zu deren Produktangebot passe. Wie viele es am Ende aber seien, wisse man erst im Nachhinein. Die Entscheidung über Public Viewing liege jeweils bei der einzelnen Gaststätte.

DEHOGA: Wir brauchen dringend zusätzlichen Umsatz

DEHOGA-Landeschef Gereon Haumann macht klar, dass er Verständnis für jeden Gastronomen hat, der Public Viewing anbietet: Man habe es mit einer Branche zu tun, die durch die Corona-Pandemie, die Ahrflut und die Energiepreisexplosion gleich drei Mal hart getroffen worden sei. "Insofern benötigen wir dringend zusätzlich Umsatz", sagt Haumann. Man mache die Spiele in Katar nicht dadurch ungeschehen, dass irgendjemand, der auch früher Public Viewing angeboten habe, nun darauf verzichte.

Was sagen die Fußballvereine?

Der Bundesligist FSV Mainz 05 wird kein Public Viewing in seiner Arena veranstalten. Das habe aber nichts damit zu tun, dass die WM in Katar stattfinde, sagte eine Vereinssprecherin. Vielmehr habe der Klub bereits 2016 entschieden, solche öffentlichen Vorführungen nicht mehr anzubieten.

Im Fritz-Walter-Stadion auf dem Betzenberg werden die WM-Spiele laut Zweitligist 1. FC Kaiserslautern ebenfalls nicht zu sehen sein. Der Klub begründet dies mit der kritischen Haltung seiner Fans gegenüber der WM: "Da auch für uns die Menschenrechte, egal in welchem Land, elementar sind, können wir die Haltung unserer Fans verstehen", sagte Vereinssprecher Stefan Roßkopf. Zwar bleibe es jedem selbst überlassen, ob er die WM boykottiere oder nicht. Grundsätzlich habe man aber Verständnis, dass sich Fans "mit einem solchen Turnier unter diesen Umständen" nicht identifizieren könnten. 

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Keine Vorgaben für den Amateurbereich

Zurückhaltend ist man in Sachen Public Viewing auch im Amateurbereich: So wird der Südwestdeutsche Fußballverband (SWFV) keine eigenen Public Viewings auf die Beine stellen. Mit Blick auf seine Mitgliedsklubs verhält sich der SWFV neutral: Weder ruft er die Vereine dazu auf, die WM-Spiele zu zeigen, noch dazu, das Turnier zu boykottieren. In wie vielen Vereinsheimen die Partien am Ende über die Mattscheiben flimmern werden, wisse man nicht.

Auch der Fußballverband Rheinland macht seinen Mitgliedsvereinen diesbezüglich keine Vorgaben. Er lässt aber offen, ob er ihnen rechtliche Hinweise für die öffentliche Übertragung der Spiele gibt. Das habe man zuletzt bei der WM 2018 in Russland gemacht.

Mainzer Hobby-Mannschaft fordert Boykott

Für einen Boykott-Aufruf haben sich nur wenige Vereine im Land entschieden. Einer von ihnen ist der Mainzer Hobby-Klub FC Ente Bagdad. Die WM in Katar sei ein dem Fußball unwürdiges Turnier, sagt Vereinssprecher Stefan Schirmer. "Es werden so viele Gebote der sportlichen und politischen Fairness verletzt, dass es uns unverantwortlich erscheint, an diesem Ereignis teilzuhaben." Schirmer wirbt dafür, an WM-Spieltagen lieber selbst fußballerisch aktiv zu werden - etwa im Rahmen der Aktionen Back2Bolzen.de oder KickenStattGucken.de.

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SWR