Die Freiburger Fankurve beim Spiel in der 1. Bundesliga gegen Borussia Dortmund am 12. August 2022. Über ein Geländer haben die Fans in roten Trikots ein Banner gehängt. Auf braunem Hintergrund steht in schwarzen Buchstaben "#Boycott Qatar 2022". Das Q ist geformt wie eine schwere Kugel an einer Kette. Die Fans protestieren gegen die hochumstrittene WM im Wüstenstaat Katar.   (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / firo Sportphoto | Sebastian El-Saqqa)

Sechs Wochen vor Eröffnungsspiel

Umstrittene Fußball-WM in Katar: Auch in Teilen von BW will man das Turnier ignorieren

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Marc-Julien Heinsch
SWR-Redakteur Marc-Julien Heinsch Autor Bild (Foto: David-Pierce Brill)

Seit Katar 2010 den WM-Zuschlag bekam, sind Medienberichten zufolge mehr als 6.500 Gastarbeiter dort gestorben. Auch in BW stellt sich die Frage: Sollte man die Fußball-WM boykottieren?

"Boycott Qatar" - die dicken schwarzen Lettern prangen derzeit auf vielen Plakaten. Wenn der SC Freiburg in der Europaleague gegen Nantes gewinnt, hängt im Fanclub das Banner; das Q in Qatar ein an die Kette gelegter Fußball. Auch vor dem Wildparkstadion - Spielstätte des Karlsruher SC - haben Fans ein solches Plakat aufgehängt. Hier aber in den KSC-Farben blau und weiß und mit dem Untertitel "Menschenrechte vor Profite". Der Vorsitzende der Karlsruher Fanvereinigung Supporters, Marco Fuchs, betont, die WM hätte nie nach Katar vergeben werden dürfen:

"Einerseits haben Tausende Menschen ihr Leben gelassen wegen der miserablen Arbeitsbedingungen auf den Baustellen, andererseits werden die Menschenrechte in dem Land mit Füßen getreten."

Er spricht von einem blutgetränkten Platz, auf dem der Fußball in Katar stattfinde. Daher haben sich die KSC-Anhängerinnen und -Anhänger der bundesweiten Kritik vieler Fanorganisationen angeschlossen.

In der vierteiligen Doku "Katar - WM der Schande" gibt es alle Hintergründe zur umstrittenen WM in Katar.

In größeren BW-Städten kein Public Viewing der WM in Katar geplant

Eine SWR-Umfrage bei den größten Städten in Baden-Württemberg hat ergeben, dass keine Stadt Fanmeilen oder Public Viewing im öffentlichen Raum plant. Auch sind nirgendwo Anträge privater Anbieter auf die Nutzung städtischer Flächen für WM-Veranstaltungen eingegangen. Von der Heilbronn Marketing GmbH heißt es beispielsweise, man plane keine zentralen Public Viewing Angebote: "Aufgrund der zeitlichen Lage im Winter und aufgrund der aktuellen gesamtpolitischen Lage halten wir es auch nicht für angemessen, dass die HMG hier als Initiator oder Ausrichter auftritt."

In Konstanz verweist ein Sprecher der Stadt auf ausreichend Platz in der (Groß-)Gastronomie und geht nicht davon aus, dass es Anträge für Veranstaltungen im öffentlichen Raum geben wird, "da der Aufwand für so ein Projekt sehr hoch ist und die Nachfrage des Publikums sehr ungewiss". Aus Karlsruhe heißt es, öffentliche Flächen seien zu dieser Zeit ohnehin durch Weihnachtsmärkte belegt.

Gastrobranche in BW ist angesichts der Katar-WM gespalten

Das gemeinsame Fußballschauen auf Großleinwänden wird sich - auch aufgrund der WM-untypischen Witterung im Winter - wohl auf die Gastronomie verlagern. Denn natürlich verspricht die Winter-WM mit Anstoßzeiten am Abend für viele Gastronominnen und Gastronomen ein mehr als willkommenes Geschäft.

Großveranstaltungen zu organisieren, ist allerdings aus mehreren Gründen mit vielen Risiken verbunden - unter anderem wegen Corona, dem Spardruck aufgrund gestiegener Preise und insgesamt wegen einer unklaren Anziehungskraft der umstrittenen WM. Der Eventmanager Stefan Hamann will es in Neckarsulm (Kreis Heilbronn) trotzdem versuchen. Im August kündigte er an, gemeinsam mit der Sport Union Neckarsulm bis zu 3.000 Fußballfans pro Spiel in die Sporthalle Ballei zum Public Viewing locken zu wollen. Doch Sponsoren fehlen wegen der unsicheren Lage, er wird wohl Eintritt verlangen müssen. Und weil in der Halle umgebaut wird, kann das Public Viewing wohl erst nach der Gruppenphase starten. Vorausgesetzt die deutsche Mannschaft erreicht das Achtelfinale.

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Von manchen Kneipen und Gaststätten im Land kommen dagegen Bekundungen, die WM aktiv boykottieren zu wollen. So haben die Kneipiers von "Zom Täle" in Urbach (Rems-Murr-Kreis) die Aktion "Kultur kickt Katar" ins Leben gerufen. Sie wollen die WM-Spiele nicht zeigen und stattdessen Kulturveranstaltungen organisieren - und rufen auch andere zum WM-Verzicht auf: "Wir rufen alle Fußballfans dazu auf, auf die WM als TV-Konsument zu verzichten und stattdessen im November und Dezember 2022 verstärkt kulturelle Veranstaltungen zu besuchen." Auch um die "durch Corona so stark gebeutelte" Kultur- und Gastrobranche zu unterstützen. Andere Gastronomen haben sich der Aktion bisher nicht angeschlossen, aber selbst angekündigt die WM nicht zu unterstützen.

Sechs Tage vor Turnierstart widmet die ARD der hochumstrittenen Katar-WM einen Thementag. Unter anderem fragt sich Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger in der Reportage "Katar - warum nur?", wie sich die FIFA überzeugen ließ, die Weltmeisterschaft im Emirat auszurichten.

Umstrittene Katar-WM: Tausende Arbeiter tot, Homosexuelle verfolgt

Am 20. November ist Anstoß in Katar. Erstmals in der Geschichte des Turniers findet eine Fußball-WM im Winter statt, in einem arabischen Land, einem Wüstenstaat, der von einem Emir - einer Art König - regiert wird. Das prestigeträchtige Turnier des Fußball-Weltverbands FIFA gastiert also dieses Mal in einem Land, das keine Fußballtradition hat - aber sehr viel Geld. Auch der Umgang mit Menschenrechten gilt als hochproblematisch, immer wieder haben Medien und Menschenrechtsorganisationen darauf hingewiesen. So ist es etwa verboten, seine Homosexualität zu leben.

A representative of Germany's association of fan and ultra groups went on stage to speak to the DFB's conference on human rights in Qatar ahead of the World Cup. Here's his personal speech on LGBT rights in the country, addressed directly at Qatar's ambassador to Germany. https://t.co/ODYZrsYWyq

Beim Bau von Stadien, Hotels und anderer Infrastruktur für die WM arbeiteten Tausende Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter aus asiatischen und afrikanischen Ländern unter widrigsten Bedingungen in Katar, waren in Massenunterkünften untergebracht, erhielten zahlreichen Berichten zufolge keinen oder zu wenig Lohn. Mehr als 6.500 dieser Arbeiter sind nach Recherchen der britischen Zeitung "The Guardian" unter ungeklärten Umständen gestorben. Die tatsächliche Zahl der Opfer könnte noch höher sein. Es fehlen Angaben aus manchen Ländern.

Wie es Katar zu Macht und Einfluss und schließlich zur WM im eigenen Land brachte, zeigt die ARD-Dokumentation "Geld.Macht.Katar".

Gegenüber "The Guardian" bestritt die katarische Regierung damals die Todesrate zwar nicht, erklärte aber, sie bewege sich angesichts der großen Anzahl an Gastarbeitern und der "demografischen Struktur" dieser Gruppe im "erwartbaren Rahmen". Unter den vom "Guardian" aufgezählten Toten seien viele eines natürlichen Todes gestorben und überhaupt habe nur ein Fünftel in der Baubranche gearbeitet. "Trotzdem ist jedes verlorene Leben eine Tragödie", wurde ein Sprecher der katarischen Regierung damals zitiert. Man tue alles, um Todesfälle im eigenen Land zu verhindern.

Sollen die Arbeiter auf den Baustellen für die Weltmeisterschaft in Katar entschädigt werden. (Foto: IMAGO, IMAGO / Pixsell)
Menschenrechtsorganisationen fordern die FIFA und Katar dazu auf, mindestens 440 Millionen Euro an Entschädigungen für Arbeitsmigrantinnen und -migranten zu bezahlen. IMAGO / Pixsell

Nach Angaben des WM-Organisationskomitees in Katar, die "The Gurdian", Amnesty International und Tagesschau.de zitieren, sind auf Stadionbaustellen für die WM seit 2010 37 Gastarbeiter ums Leben gekommen. 34 dieser Todesfälle seien nach Lesart des katarischen Organisationskomitees "nicht mit der Arbeit verbunden" gewesen. Man sei bei diesen Zahlen transparent und bezweifele andere "irreführende" Angaben über Todeszahlen auf den WM-Baustellen. Auch der Fußball-Weltverband (FIFA) nennt die Zahl der Unfälle auf WM-Baustellen in Katar "gering" im Vergleich zu anderen Großbaustellen in der Welt.

Immer wieder hatten Medien und Menschenrechtsorganisationen die Arbeitsbedingungen auf den Großbaustellen in Katar kritisiert. Katar wies diese Kritik stets zurück. Im vergangenen Sommer startete die Regierung ein Reformprogramm, das die Lage der Arbeitsmigrantinnen und -migranten verbessern sollte. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Fan-Gruppen forderten FIFA-Präsident Gianni Infantino dazu auf, gemeinsam mit Katar ein großangelegtes Entschädigungsprogramm für die Arbeitsmigrantinnen und -migranten aufzulegen. Mindestens 440 Millionen Euro - die Summe der WM-Preisgelder - soll es umfassen, so die Forderung.

SWR-Reporter Philipp Sohmer fragt in der Sportschau-Doku "Menschenrechte - Titelträume: DFB-Team auf dem Weg nach Katar", wie die deutsche Nationalmannschaft mit Themen wie Menschenrechtsverletzungen in Katar umgeht.

DFB und Bundesregierung kritisieren Katar, arbeiten aber zusammen

Zuletzt schloss sich der Deutsche Fußballbund (DFB) Entschädigungsforderungen an. DFB-Präsident Bernd Neuendorf sagte beim Kongress "Sport und Menschenrechte" im September, es gebe zwar Reformbemühungen in Katar, es hake aber an der Umsetzung. Gegenüber der FIFA betonte Neuendorf, dass der Fußball-Weltverband in seiner "Human Rights Policy" ausdrücklich festgehalten habe, Entschädigungszahlungen dort zu zahlen, wo sie für Turniere die Verantwortung übernommen hat: "Und deshalb mache ich nochmal darauf aufmerksam, dass man diese Grundsätze - wenn man sie sich selber gibt - dann auch tunlichst leben und einhalten muss."

Ein WM-Boykott durch die deutsche Nationalmannschaft wurde dagegen vom DFB stets abgelehnt. Man wolle Dialog statt Boykott, hieß es wiederholt vom DFB. Im Juli sprachen sich in einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov 48 Prozent für den Rückzug des DFB-Teams von der WM aus, 28 Prozent waren für die Teilnahme. Und auch die Bundesregierung arbeitet trotz der Menschenrechtslage im Land mit Katar zusammen. Nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine reiste Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) im März ins Emirat. Dort wies er zwar auch darauf hin, dass Arbeitsschutz "zwingend notwendig" sei, hauptsächlich ging es aber um eine Energiepartnerschaft der Bundesregierung mit der Regierung von Katar: Flüssigerdgas aus dem Emirat statt Erdgas aus Russland.

Warum berichten ARD und ZDF aus Katar und zeigen die Spiele dieser umstrittenen WM? Das ausführliche Vorwort zur Katar-WM-Berichterstattung von ARD Programmdirektorin Christine Strobl und ZDF Chefredakteurin Bettina Schausten zum Nachlesen.

Die umstrittene Fußball-WM in Katar und Baden-Württemberg

Karlsruhe

Boykottaufrufe und Alternativprogramme Fans aus Karlsruhe gegen die Fußball-WM in Katar

Noch siebeneinhalb Wochen bis zur Fußball-WM in Katar. Die Vorfreude ist getrübt. Wegen Menschenrechtsverletzungen in dem Emirat rufen Fanverbände zum Boykott auf. Auch in Karlsruhe wächst der Protest.

SWR4 BW aus dem Studio Karlsruhe SWR4 BW aus dem Studio Karlsruhe

Neckarsulm

Countdown läuft Fußball-WM in Katar: Weniger Sponsoren für Public Viewing-Veranstaltungen

Wenn in knapp 100 Tagen die Fußball-WM in Katar beginnt, ist bei uns Winter. Ein Public Viewing in Biergärten oder auf Marktplätzen könnte ungemütlich werden. Den Eventmanagern macht nicht nur der Winter, sondern auch das schlechte Image der WM zu schaffen.

Auch in Rheinland-Pfalz und bundesweit ist Katar-WM umstritten

Frankenthal

Eine Frage der Moral? WM in Katar: Diskussion um Public-Viewing in der Pfalz

Beim Thema Public Viewing und Fußball in der Pfalz kommen einem Bilder von jubelenden Menschenmassen bei sommerlichen Temperaturen in den Kopf. Doch klappt das auch bei einer Fußball-WM im Winter in Katar?

Am Nachmittag SWR4 Rheinland-Pfalz