Ein Braukran ragt über ein Haus, das von einem Gerüst verdeckt wird. (Foto: dpa Bildfunk, picture-alliance/ dpa/ Daniel-Bockwoldt)

Gegen den Fachkräftemangel

Maurermeisterin und Influencerin: "Es haben schon einige wegen mir eine Ausbildung angefangen"

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Können Instagram-Videos gegen den Azubi- und Fachkräftemangel im Handwerk helfen? SWR-Interview mit Maurermeisterin und Influencerin Julia Schäfer aus Kraichtal.

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In kaum einem Wirtschaftszweig ist so großer Fachkräftemangel wie im Handwerk. Maurermeisterin Julia Schäfer aus Kraichtal (Kreis Karlsruhe) präsentiert ihren Job als Influencerin auf Instagram. Wie sie damit junge Menschen für eine Ausbildung begeistert, erklärt sie im SWR-Aktuell-Gespräch.

SWR Aktuell: Das Handwerk leidet ja extrem am Fachkräftemangel. Kann man da als Social-Media-Content-Produzent irgendetwas bewirken?

Julia Schäfer: Ja klar, man kann halt mal seinen Beruf zeigen. Man kann die Vor- und die Nachteile zeigen – es ist halt nicht immer alles Goldschlecken. Man kann einfach mal präsentieren, was mein Beruf, mein Maurerhandwerk alles macht - und was für coole Sachen man eigentlich macht. Und ganz viele Mädels wissen das gar nicht, dass auch sie das Handwerk machen können. Und deswegen mache ich mein „Social-Media-Zeug“: Einfach, um junge Leute dazu zu motivieren, sowas zu machen.

"Männlein- oder Weiblein-Berufe, das gehört abgeschafft."

SWR Aktuell: Das Mauern ist ja an sich eher ein männliches Handwerk - bis jetzt zumindest. Warum ist es denn gerade das Mauern, was in Ihren Augen auch für Frauen so interessant ist?

Schäfer: Genau das finde ich ein bisschen schade, dass es immer noch so ist. Eigentlich sollte das alles abgeschafft werden, so Männlein- oder Weiblein-Berufe, das sollte eigentlich alles gleich sein.

"Mauern ist auch für Frauen da, weil es einfach so ein filigraner Job ist."

Jeder kann alles machen, was er will. Aber ich finde, das Mauern ist einfach auch für Frauen da, weil es einfach so ein filigraner Job ist. Man muss mitdenken, man muss auch mal schön arbeiten. Durch den technischen Fortschritt, der ja auf dem Bau draußen herrscht, ist jedem möglich, bei uns mitzuschaffen. Vor 50 Jahren war das schon ein richtig harter Job, aber mittlerweile sind wird da angekommen, wo es wirklich jeder packt.

"Vier haben wegen mir eine Ausbildung im Handwerk angefangen, ich hätte fast geheult."

SWR Aktuell: Haben Sie denn schon mal mitbekommen, dass sich tatsächlich wegen Ihnen oder Ihrer Arbeit auf Instagram und TikTok jemand eine Maurerausbildung angefangen hat?

Schäfer: Ja klar! Und ich war neulich bei meinem ehemaligen ABZ (Ausbildungsbildungszentrum, Anm. d. Red.) in Karlsruhe, und da waren mittlerweile vier oder fünf Frauen: eine Maurerin, eine Betonbauerin, eine Fliesenlegerin und zwei Zimmerinnen. Vier davon haben wegen mir eine Ausbildung angefangen im Handwerk, und ich hätte fast geheult, weil das echt schön ist!

SWR Aktuell: Was haben die erzählt? Haben die einfach nur ein Video von ihnen gesehen, und sich daran gedacht „Ja, das könnte ich auch machen?“

Schäfer: Anscheinend schauen die ab und zu immer mal wieder meinen Kanal an, und die haben sich dann motiviert gefühlt und ein Praktikum gemacht. Und dann haben sie auch entdeckt, ja, das ist genau das Richtige für sie. Viele habe die Leidenschaft oder diese Affinität zum Handwerken in sich. Und deswegen sage ich ja immer: Macht mal ein Praktikum, um zu gucken, ob das was für Euch ist – und das haben die gemacht.

SWR Aktuell: Nur mit Instagram werden wir den Fachkräftemangel im Bausektor auch nicht unbedingt lösen können, auch wenn Sie vielleicht jetzt schon die eine oder andere dazu animiert haben. Was bräuchte man denn noch dafür?

Schäfer: Das beginnt von klein auf. Das hängt mit den Eltern zusammen. Ich will jetzt auch gar nichts Böses sagen. Jeder soll sein Kind erziehen, wie er will. Aber: Lasst Eure Kinder einfach das machen, was sie wollen, und zwingt sie nicht irgendwo in einen Bürojob, nur weil es ja „besser" ist. Ich höre es immer wieder: „Ja, mein Papa hat aber gesagt, ich bin für was Besseres bestimmt - fürs Büro oder für ein Studium.“ Glaubt mir oder glaubt es mir nicht: Irgendwann wird das Studium so überholt sein, dass das Handwerk dann einfach mehr Wert hat als irgendein Studium. Das ist jetzt nicht bös – also, das brauchen wir ja auch! Aber das ist es: Man muss den Eltern einpredigen, ihre Kinder machen zu lassen, was sie wollen, sich selber zu finden in ihrem Beruf.

SWR Aktuell: Da geht es aber auch häufig einfach um Geld, weil man häufig auch noch mit einem Studium mehr Geld verdienen kann. Ist da was dran?

Schäfer: Nein, das sehe ich nicht so. Schauen Sie mal: Man kann ja eine Ausbildung machen. Das finde ich ja ganz toll in Deutschland: Du kannst einen Hauptschulabschluss machen, dann machst Du eine Lehre, und mit der Lehre kannst du auch studieren gehen - rein theoretisch - oder Deinen Techniker oder Deinen Meister machen. Und dann bist Du auch fünf, zehn Stufen weiter oben und verdienst auch mehr Geld – verdienst genauso viel Geld wie ein Studierter. Doch! In Deutschland ist es echt gut gemacht. Da stehen jedem die Türen offen!

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Eigentlich hat Julia Schäfer mal eine Bürolehre gemacht. Doch es zog sie schon immer auf den Bau - mittlerweile hat sie ihren Traumjob gefunden und arbeitet als Maurermeisterin im Familienbetrieb in Kraichtal. Hammer, Nägel, Bindedraht und Baupläne - das alles gehört zu Julias Welt. Schon als Kind hat sie ihren Vater gern auf die Baustelle begleitet. Als "tschulique" teilt sie auf Social Media Einblicke in ihre Arbeit und erreicht damit allein auf Instagram über 350.000 Follower. Im Landesschau-Studio erzählt sie von ihrer Begeisterung fürs Handwerk und dass Make-Up und Baustellenschmutz kein Widerspruch sein müssen.

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SWR