Ein dreijähriges Mädchen liegt krank im Bett, die Mutter fühlt die Stirn und liest ein Fieberthermometer ab

Krankheitswelle in Kitas und Schulen

Scharlachwelle: Das sagt ein Kinderarzt aus Baden-Württemberg

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Andreas Böhnisch
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Stefan Eich

In vielen Kitas und Grundschulen breitet sich gerade Scharlach aus. Typische Symptome: Fieber und die "Himbeerzunge". Worauf Eltern jetzt achten sollten.

Aktuell häufen sich in Baden-Württemberg und bundesweit Scharlach-Erkrankungen bei Kindern. Das ist laut Fachleuten auch eine Folge von Corona. Denn wegen der Pandemie war die übliche Scharlach-Welle bei Kita-Kindern nahezu ausgeblieben. Till Reckert ist Pressesprecher beim Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in Baden-Württemberg. Der Reutlinger Kinderarzt gibt Eltern im SWR-Aktuell-Interview mit Andreas Böhnisch Tipps:

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SWR: Wie groß schätzen Sie die Gefahr ein, dass sich Kinder in der Kita mit Scharlach anstecken können?

Till Reckert: Man muss zunächst unterscheiden zwischen Scharlach und Streptokokkenerkrankungen im Allgemeinen. Scharlach zeigt sich durch Fieber, Halsschmerzen - und vielleicht auch Kopfschmerzen und Bauchweh. Ein Hautausschlag gehört dazu: Bevor der nicht da ist, kann man nicht von Scharlach sprechen. Der Begriff wird ein bisschen inflationär verwendet, deswegen kommt es sehr darauf an, wovon wir wirklich reden.

SWR: Wenn wir jetzt von Scharlach sprechen, muss man sich also keine Sorgen machen, sein Kind in die Kita zu schicken?

Reckert: Nein, jedes Kind wird sich früher oder später an irgendetwas anstecken - so auch an Scharlach. Das kann in der Kita sein. das kann aber auch später im Schulalter sein. Das kann bei Scharlach sogar mehrfach sein - oder bei anderen Streptokokkenerkrankungen. Das sind einfach die Prozesse, die dafür nötig sind, dass wir ein auskömmliches Leben mit der mikrobiellen Welt auf unserer Erde finden. Da müssen wir unser Immunsystem ein Stück weit schärfen. Und wir müssen gucken, dass wir da gut durchkommen. Es wäre die falsche Schlussfolgerung, Kinder nicht mehr in die Kita zu schicken.

SWR: Woran erkenne ich denn, dass Scharlach bei meinem Sohn oder meiner Tochter möglicherweise doch nicht so mild verläuft, wie ich mir das erhofft hatte?

Reckert: Das erkennen Sie einfach daran, dass Ihr Sohn und Ihre Tochter richtig deutlich krank ist, mit hohem Fieber zum Beispiel.

SWR: Was muss dann getan werden, worauf müssen Eltern achten?

Reckert: Sie müssen zunächst mal dafür sorgen, dass das Kind Ruhe bekommt, aus dem Verkehr gezogen wird, wenn es krank ist. Das gilt ja eigentlich immer: Dass es zuhause bleiben darf, dass es das Fieber auskurieren darf. Wenn Sie sich Sorgen machen als Eltern, dann ist doch klar: Dann werden Sie zum Kinder- und Jugendarzt gehen. Der wird gucken: Woran liegt es, was kann man tun, wie kann man helfen. Und der wird Sie dann entsprechend beraten.

SWR: Eine gute Möglichkeit, Scharlach zu behandeln, ist mit dem Antibiotikum Penicillin. Nun haben wir derzeit in Deutschland einen Medikamentenmangel, und möglicherweise steht dieses Penicillin dann nicht zur Verfügung. Wenn man dieses Antibiotikum nicht bekommt, was passiert dann? Wird Scharlach dann zur Gefahr für Kinder?

Reckert: Das kann im Einzelfall sein, muss aber nicht. Scharlach gab es ja schon, bevor es Penicillin gab. Wenn Kinder kaum krank sind, darf man heute auch in ganz normalen Zeiten mal ohne Antibiotikum behandeln. Wie gesagt: Die Grenze liegt da zwischen mild und nicht mild. Deswegen ist es gut, dass man sich die Antibiotika, die man hat, für die schweren Verläufe aufspart. Das gilt eigentlich grundsätzlich im Zeitalter von "Antibiotic Stewardship", wo wir ja versuchen, Antibiotika möglichst zu sparen und dort einzusetzen, wo sie wirklich nötig sind, um Resistenzen zu vermeiden. Denn jedes Antibiotikum, das wir zu viel einsetzen, ist wirklich ein Problem, schon dadurch, dass es irgendwann zu Resistenzen führt.

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