3.11.2018, Rheinland-Pfalz, Kandel: Mit Schildern "Kandel gegen Rechts" demonstrieren Menschen gegen einen zeitgleich in der Innenstadt stattfindenen Aufmarsch rechter Demonstranten. Seit dem gewaltsamen Tod der 15-jährigen Mia im Dezember 2017 in Kandel gibt es immer wieder Demonstrationen und Gegenkundgebungen.  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Boris Roessler)

Rechte Hetze nach Gewalttat in Illerkirchberg

Wie ging Kandel mit Protesten von Rechtspopulisten um?

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Arne Wiechern
INTERVIEW
Stefan Eich

Nach der Gewalttat an zwei Mädchen in Illerkirchberg (Alb-Donau-Kreis) gibt es rechte Hetze gegen Migranten. Ähnliches gab es 2017 in Kandel. Ein Interview mit Bürgermeister Michael Niedermeier (CDU).

Der heutige Bürgermeister von Kandel (Kreis Germersheim), Michael Niedermeier, war bereits vor fünf Jahren als Vorsitzender der CDU politisch in der Stadt aktiv und hat dem SWR berichtet, wie er die Proteste nach der Gewalttat in Kandel erlebt hat. Am 27. Dezember 2017 hatte ein als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling eingereister Afghane die 15-jährige Mia in einem Drogeriemarkt erstochen.

Wegen Mordes und Körperverletzung wurde der Täter nach Jugendstrafrecht zu einer Haftstrafe von acht Jahren und sechs Monaten verurteilt.

SWR Aktuell: Wie haben Sie die Wochen nach der Tat bei Ihnen in Kandel erlebt?

Michael Niedermeier: Das waren schon sehr aufreibende Wochen, weil man natürlich schockiert war ob der Tat, die da passiert ist. Es war die Adventszeit - wir waren alle in besinnlicher Stimmung, und es war Weihnachten. Und dann passiert so etwas. Das ist ein Punkt gewesen, der uns insofern trifft, als das dann sofort - und das war relativ zeitnah - die ersten rechten Gruppierungen aufgetreten sind und sich das ganze Thema natürlich zu Eigen gemacht haben.

SWR Aktuell: Wer hat damals bei Ihnen in Kandel demonstriert? Waren das vor allem Menschen aus dem Ort selbst?

Das war sehr schnell ein bundesweites Thema - so wie Illerkirchberg jetzt auch.

Niedermeier: Das war nicht der Fall. Es war sehr schnell von außen politisiert worden. Es waren nicht nur rechte Gruppierungen, die sich des Themas angenommen haben. Das war ja auch ein Politikum insgesamt durch alle Parteien hinweg.

Es kam eine Diskussion auf ob der Tatsache, dass es sich um einen Flüchtling gehandelt hat. Dann kam auch sehr schnell die Frage auf: War das denn überhaupt ein Teenager, war der überhaupt jugendlich? Von der saarländischen Ministerpräsidentin Kramp-Karrenbauer über den bayerischen Innenminister bis hin zu Christian Lindner - jeder hat seine Meinung kundgetan.

Dadurch war das sehr schnell ein bundesweites Thema - so wie Illerkirchberg jetzt auch. Dann haben sich auch die rechten Gruppierungen das Thema zu Eigen gemacht. Im Ort selber war man über die Tat schockiert und man die Trauer versucht zu bewältigen. Aber bei den Demonstrationen war so gut wie niemand aus Kandel involviert.

SWR Aktuell: Bei dieser ganzen Aufregung von außen - hat sich da überhaupt noch jemand um die Familie dieses getöteten Mädchens kümmern können?

Niedermeier: Das haben die politischen Verantwortlichen und die Geistlichen der Kirche - der protestantischen Kirche in dem Fall - getan. Ich muss auch sagen: Das wurde sehr, sehr gut gemacht. Man hat das aus meiner Sicht gut gemeistert.

Ich kann nicht für die Eltern sprechen, aber wenn ich in deren Lage gewesen wäre, kann man das alles nicht ausblenden. Man kann sich nicht komplett abschotten. Wie das Thema instrumentalisiert wurde, das hat vieles überschattet und die Trauerbewältigung aus meiner Sicht sehr, sehr schwer gemacht.

SWR Aktuell: Wie hat sich Kandel seit der Tat und den Reaktionen darauf verändert?

Niedermeier: Sie hatten in Ihren einleitenden Sätzen gesagt, wochenlang waren Demonstrationen. Das ist richtig. Und das hat, wie gesagt, die Trauerbewältigung natürlich schwer gemacht.

Viele haben gesagt: Ich will gar nicht demonstrieren und auf die Straße gehen. Das macht das Ganze nur noch schlimmer.

Aber es waren letztlich nicht nur Wochen - es waren Jahre, wo aufgrund dieses Mordfalls rechte Gruppierungen, aber dann auch linke Gruppierungen, Gegendemonstration und so weiter, in die Stadt gelockt haben und die Stadt zu einem Aufmarschplatz verschiedener Richtungen gemacht haben. Sie haben die Stadt überhaupt gar nicht zur Ruhe kommen lassen. Das eigentliche Tatgeschehen oder der eigentliche Fall stand schon einige Wochen danach über Jahre hinweg gar nicht mehr im Mittelpunkt.

Wir haben engagierte Bürgerinnen und Bürger gehabt, die dann das Bündnis "Wir sind Kandel" gegründet haben, wo sich viele Bürgerinnen und Bürger und auch Parteien und Vereine fraktions- und parteiübergreifend wiederfinden konnten, weil natürlich, wenn rechte Gruppierungen aufmarschieren, sehr schnell auch die andere Seite, die linke Seite, aufbegehrt und dagegen demonstriert. Da finden sich aber auch nicht viele wieder.

Viele haben gesagt: "Ich will gar nicht demonstrieren und auf die Straße gehen. Das macht das Ganze nur noch schlimmer." Da gibt es natürlich auch Streit in einer Stadt, weil einige sagen: "Man muss auf die Straße gehen, man muss dagegen aufbegehren. Man kann die nicht marschieren lassen." Das stimmt irgendwo auch. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Menschen, die sagen: "Na ja, aber das macht das Ganze nur noch schlimmer. Wo eine Reaktion ist, gibt es auch eine Gegenreaktion. Man muss da ein bisschen Ruhe reinbringen."

Es war anstrengend, das Ganze auszuhalten. Aber in dem Bündnis "Wir sind Kandel" konnten sich dann viele wiederfinden, und man hat auf andere Weise Protest gezeigt. So konnte jeder das Ganze ein bisschen verarbeiten und gegen diese Demonstrationen - egal aus welcher Richtung - wirklich ein Zeichen setzen.

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