Mehrere Motorräder sind bei Sonnenschein auf der B500 unterwegs. (Foto: SWR)

Neue Studie des Verkehrsministeriums

Motorradlärm als Dauerproblem: Druck auf die Politik wächst

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Laut einer Studie ist jedes dritte Motorrad beim Vorbeifahren lauter als 90 Dezibel. Doch was denken die Motorradfahrer selbst? Sie fordern die Politik zum Durchgreifen auf.

Sie sind teilweise so laut wie ein Presslufthammer oder eine Kreissäge: Motorräder. Doch was für die einen völlige Freiheit bedeutet, wird für andere Menschen in Baden-Württemberg zur ständigen Belastung. Dadurch entsteht fast zwangsläufig ein Konflikt, der nur schwer zu lösen ist. Doch ist fast allen Beteiligten auch klar, dass es so nicht weitergehen kann. Daher wird der Druck auf die Politik immer größer.

Der Schwarzwald ist wahrlich ein schönes Fleckchen Erde. Im Winter kann man hier skifahren oder langlaufen, im Sommer wandern und entspannen. Die Schönheit und Ruhe der Natur wirkt für viele Menschen anziehend. So auch für ein Ehepaar aus Hamburg, das die Großstadt hinter sich lassen und ins beschauliche Forbach (Kreis Rastatt) ziehen wollte. Daher kauften sie sich im Jahr 2012 ein Grundstück unweit der Schwarzenbach-Talsperre, bauten ein Haus und zogen Ende 2013 hier ein.

Schwarzwaldhochstraße ist die beliebteste Motorradstrecke in BW

Doch anstelle der ersehnten Ruhe nach der Großstadt bekamen sie Lärm - Motorradlärm. Denn nur wenige Kilometer entfernt verläuft die B 500, auch besser bekannt als Schwarzwaldhochstraße und beliebteste Motorradstrecke Baden-Württembergs. In Spitzenzeiten fahren hier bis zu 1.500 Motorradfahrerinnen und Motorradfahrer - am Tag. Daher gibt es seit Jahren verschiedene Ansätze, das Problem in den Griff zu bekommen.

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"Im Frühjahr und im Sommer war der Lärm allgegenwärtig. Besonders abends, an Feiertagen und an Wochenenden", erinnert sich der heute 78-jährige Forbacher, der wie seine Frau anonym bleiben möchte. Die wärmste Zeit des Jahres wurde also zur Belastungsprobe.

Dass diese Wahrnehmung nicht nur subjektiv war, zeigt eine nun veröffentlichte Studie des Landesverkehrsministeriums. Dabei wurde nicht nur die Zahl der Motorradfahrerinnen und Motorradfahrer an beliebten Strecken im Land, wie eben gerade auf der B 500 zwischen Unterstmatt und Mummelsee erfasst, wo es am Pfingstsonntag 2021 genau 1.495 waren.

Nur 13 Prozent der vorbeifahrenden Motorräder leiser als 80 Dezibel

Auch die Lautstärke der Maschinen wurde in den Blick genommen. So zeigen Messungen, die im Auftrag des Ministeriums 2020 und 2021 für jeweils etwa 14 Tage durchgeführt wurden: Jedes dritte Motorrad ist beim Vorbeifahren lauter als 90 Dezibel, nur 13 Prozent der Motorräder sind leiser als 80 Dezibel.

"Die vorgegebenen Grenzwerte werden zwar am Prüfstand eingehalten. Im Normalbetrieb auf der Straße sind Motorräder jedoch häufig lauter und zwar zum Teil erheblich."

Daher fordert Elke Zimmer (Grüne), Staatssekretärin im Verkehrsministerium, im Zusammenhang mit der Studie, dass die Motorräder leiser werden sollen. Die Lärmbelastung für viele Anwohnende sei enorm. Deshalb appelliert sie an die Motorradfahrenden: "Eine rücksichtsvolle und leise Fahrweise ist im Interesse aller. Ich habe kein Verständnis, wenn Motorräder bewusst auf laut getrimmt werden."

Elke Zimmer will das Problem mit einer Mischung aus Prävention und Überwachung angehen, wie ein SWR-Beitrag von April dieses Jahres zeigt:

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Bundesverband Deutscher Motorradfahrer: "Politik in die Pflicht nehmen"

Dass das Lärmproblem durch Freiwilligkeit gelöst werden kann, glaubt Uwe Flammer vom Bundesverband der Motorradfahrer (BVDM) nicht. Auch den meisten Motorradfahrerinnen und Motorradfahrern sei bewusst, "dass wir da ein Problem haben", erklärt der BVDM-Ansprechpartner für den Großraum Stuttgart. Doch das lasse sich nur lösen, wenn die Politik durchgreife.

30 Jahre lang hätte sie nur zugeschaut, wie die Hersteller die Maschinen weiterentwickelt hätten, meint Flammer. Doch strenge gesetzliche Vorgaben, beispielsweise bei der Zulassung, sieht er bis heute nicht. "Die Industrie reagiert nur auf Vorschriften", sagt er. "Wir müssen die Politik in die Pflicht nehmen. So eine Frage kann man nicht den Herstellern und Fahrern überlassen."

Die technische Weiterentwicklung und der stete Zuwachs an Mottorradfahrerinnen und Motorradfahrern hätten das Problem ständig weiter verschärft. Immer hochwertigere Auspuffanlagen, das Schalten ohne Kupplung dank Motorelektronik oder aber Veränderungen bei der elektronischen Einspritzanlage durch einige einfache technische Kniffe böten viele Schlupflöcher, so Flammer. Auch würden beispielsweise gute Helme sehr viel Schall schlucken, so dass die Fahrerinnen und Fahrer die eigene Maschine selbst als gar nicht so laut wahrnehmen - aber sie eigentlich hören wollen. "Viele Fahrer wollen einen guten Sound haben", sagt er.

Das kann dann auch zu extremer Wut führen. Im Sommer 2017 griff ein verärgerter Anwohner im Schwarzwald einen Motorradfahrer an einer viel befahrenen Straße mit einer Heugabel an.

Bedürfnis nach Ausgleich zum Arbeitsleben

Das Motorradfahren sei ein Ausgleich zum Arbeitsleben, ein starkes Freizeiterlebnis, erklärt Flammer. Auch Motorradfahrerinnen und Motorradfahrern hätten die selben Sorgen, Nöte und Bedürfnisse wie andere Menschen. Daher sei der Wunsch nach einem Kontrast zur Arbeitswelt völlig legitim.

"Erholung kann man durchaus als Menschenrecht betrachten."

Doch zeigt er auch Verständnis für die Anwohnerinnen und Anwohner, wie das Forbacher Ehepaar. Schließlich haben auch sie Bedürfnisse - vor allem nach Ruhe. Genau hier liegt das große Konfliktpotential, dass nur durch das Handeln der Politik gelöst werden könne, meint Flammer, der auch Teil des Referats "Die Zukunft des Motorrades" ist.

Lösungen könnten für ihn dabei Elektromotoren oder Schalldämpfer an den Auspuffen sein. Doch für die Anschaffung oder vor allem Umrüstung brauche es finanzielle Anreize. Flammer kritisiert, dass das Motorrad als Fortbewegungsmittel nicht respektiert werde und es deshalb - im Gegensatz zum Auto - auch keine Förderprogramme gäbe: "Es geht der Politik nicht darum, Lösungen zu suchen, sondern darum, die Motorräder von der Straße zu holen."

Dass es Motorradfahrerinnen und Motorradfahrer gibt, die elektrischen Maschinen viel abgewinnen können, zeigt dieser SWR-Beitrag aus dem September 2021:

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Sollten entsprechende Förderprogramme angeboten werden, ist sich Flammer sicher, dass auch einige Motorradfahrerinnen und Motorradfahrer davon Gebrauch machen werden. "Es gibt wie überall auch Rüpel, aber auch Leute, die sich Gedanken machen", sagt er. Auch mögliche neue Schallgrenzwerte würden akzeptiert werden: "Ein paar Lautsprecher werden zwar laut werden wie immer, aber das wird sich schnell verpuffen."

Acht Jahre bis zum Hausverkauf

Auf neue Vorschriften und Vorgaben wollte das Ehepaar aus Hamburg nicht warten. Es entschied sich letztlich, Forbach wieder zu verlassen. Doch dafür brauchte es einen Käufer für das Haus. Und das war angesichts der Rahmenbedingungen gar nicht so einfach. "Der Lärm hat eine große Rolle gespielt, doch wir haben acht Jahre gebraucht, um einen Käufer ohne Verlust zu finden", erklärt der 78-Jährige.

Ende April dieses Jahres war es dann aber letztlich so weit. Das Ehepaar verließ Forbach und zog nach Baden-Baden: "Seitdem genießen wir eine himmlische Ruhe in der Kurstadt."

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