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Kaninchen, Füchse, Amseln, Schnecken: Immer mehr Tierarten passen sich an das Leben in Städten an. Sie ändern die Farbe, ändern ihre Fressgewohnheiten und singen oder rufen gegen den Lärm an. Das verändert sogar ihre Gene.

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Tiere in der Stadt: Turbo-Evolution im Zeitraffer

Seitdem der Naturforscher Charles Darwin im 19. Jahrhundert seine Evolutionstheorie veröffentlichte galt lange der Grundsatz, dass evolutionäre Prozesse mindestens Jahrtausende, manchmal Jahrmillionen benötigen. Aber bei den Stadttieren entdecken Forscher eine Turbo-Evolution im Zeitraffer.

Das beginnt bereits bei den Schnecken. Sie gelten als besonders anpassungsfähig: Seit Urzeiten kommen viele Arten selbst in salzigen Meeren, trockenen Wüsten oder feuchten Regenwäldern bestens zurecht. Doch Stadtschnecken werden immer stärker gefordert, weil wegen des Klimawandels immer wieder Hitzeinseln entstehen mit Rekordtemperaturen. Waldschnecken haben vor allem eine braune Gehäusefarbe, doch Stadtschnecken entwickeln immer hellere Gehäusefarben, um die Sommerhitze besser reflektieren zu können. Ein oder zwei Grad kühler im Gehäuseinneren kann über das Leben einer Stadtschnecke entscheiden.

Kaninchen in der Stadt: Die kurzen Besuchswege zwischen Kaninchenbauten ermöglichen eine größere genetische Vielfalt von Stadtkaninchen (Foto: Imago, IMAGO / alimdi)
Die kurzen Besuchswege zwischen Kaninchenbauten ermöglichen eine größere genetische Vielfalt von Stadtkaninchen Imago IMAGO / alimdi

In der Stadt ist Futter für Kaninchen auch im tiefsten Winter leicht zu finden: Im Park liegen vielerorts Krümel und Brotreste, dazu Apfelschalen als Vitaminbeilage. Am Rand des Parks stehen zwei Supermärkte mit Toreinfahrten, hinter denen sich gelegentlich Obst- und Gemüseberge türmen. Die kurzen Wege verändern die Kaninchen auch genetisch. Während auf dem Land in den isolierten Bauten die Inzucht droht, paaren sich die Stadtkarnickel kreuz und quer. Diese große genetische Vielfalt ist ein Überlebensvorteil für Kaninchen.

Insekten und Vögel passen ihren Sound an die Stadt an

In der Stadt singen Vögel höher als auf dem Land, weil ihr Gesang andernfalls im Lärm untergehen würde. Inzwischen wissen wir, dass nahezu alle Vögel und Insekten ihren Sound an städtische Lärmkulissen anpassen. Manchmal lernen sie das einfach nur von Artgenossen, manchmal spielt aber auch die Genetik eine Rolle. Manche Insekten können gar nicht lernen, ihre Tonhöhe zu ändern. Bei ihnen bestimmen allein die Gene über die Tonfrequenz.

Dem Ornithologen Jesko Partecke vom deutschen Max-Planck-Institut für Vogelkunde gelang bereits 2006 ein erster Nachweis, dass Cityvögel gelassener auf Anspannung reagieren: Er zog Stadt- und Landküken gemeinsam auf, stresste sie durch Blutabnahmen und maß anschließend den Spiegel des Stresshormons Kortikosteron.

Stadtvögel sind nachweislich gelassener

Das Ergebnis: Der Stresspegel war bei den Stadvögeln nur halb so stark gestiegen wie bei ihren ländlichen Verwandten. Sie hatten also messbar ruhiger reagiert. Laut dem Evolutionsbiologen Menno Schilthuizen vom Leidener Naturalis Zentrum für Biodiversität ist bei den Stadtvögeln ein Gen mutiert, was den Spiegel des Glückshormons Serotonin stabil höher hält als bei Landvögeln. Gelassen zu reagieren ist für die Vögel viel gesünder.

Männliche Amsel auf einem Hausdach: Stadtamseln haben ein anderes Verdauungssystem, kürzere Flügel, ziehen nicht mehr in wärmere Winterregionen und sind vor allem viel gelassener als Amseln vom Land (Foto: Imago, IMAGO / blickwinkel)
Stadtamseln haben ein anderes Verdauungssystem, kürzere Flügel, ziehen nicht mehr in wärmere Winterregionen und sind vor allem viel gelassener als Amseln vom Land Imago IMAGO / blickwinkel

Inzwischen haben Evolutionsbiologen derart viele genetische Unterschiede gefunden, dass sie beispielsweise die Stadtamseln zu einer neuen Art heranwachsen sehen: geformt von der City und angepasst an sie. Sie singen höher, haben ein anderes Verdauungssystem, kürzere Flügel und ziehen nicht mehr in wärmere Winterregionen.

Nur drei Prozent aller Wirbeltiere sind Wildtiere

Viele Tierarten mutieren in vorher unbekanntem Tempo – in Städten, die sich stetig verändern. Auch die Gattung Mensch sollte sich nicht allzu sehr in Sicherheit wiegen: Weltweit sollen bis zum Jahr 2050 zwei Drittel der Zweibeiner in Städten leben – darunter viele, die ihrerseits aus ökologisch zerstörten Landstrichen vertrieben wurden.

Droht ein Kollaps der dominierenden Spezies?

Der Evolutionsbiologe Menno Schilthuizen sieht den Menschen als potenziell bedrohte Art. Denn momentan machen wir selbst, unsere Vierhherden und Haustiere rund 97 Prozenz des Wirbeltierbestandes aus, die restlichen 3 Prozent sich Wildtiere. Wenn man sich die Geschichte der Populationsdynamik anschaut, folgt einer solchen Hochphase oft ein plötzlicher Kollaps der dominierenden Spezies, so Schilthuizen.

Davon lässt die Corona-Krise gerade eine Ahnung aufkommen. Sie hat viele Menschen empfänglicher gemacht für die Natur und die in ihr lebenden Tiere. Mehr Stadtbewohnerinnen und -bewohner sind zu Spaziergängen und Wanderungen aufgebrochen. Sie haben Spuren von Tieren gefunden oder sind ihnen direkt begegnet: den Rehen und Hirschen am Stadtrand, den Wildschweinen und Füchsen im Park. Das Miteinander von Mensch und Tier verändert sich.

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