STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG

Die Unterscheidung zwischen „sinnlosem Spiel“ und „ernsthaftem Lernen“ ist in der westlichen Kultur tief verwurzelt. Dabei zeigen Studien, dass der Mensch gerade beim Spielen sehr viel lernt.

Audio herunterladen (25,9 MB | MP3)

Freies Spiel – was ist das überhaupt?

Unter freiem Spiel verstehen Pädagogen und Entwicklungspsychologen aus eigener Motivation initiiertes und selbst organisiertes Spiel. Die Voraussetzungen und Bedürfnisse dafür bringen Kinder im Normalfall von sich aus mit. Nicht alle Arten von Spielen sind frei – solche, die sich nach äußeren Vorgaben richten, an welche sich das Kind halten muss, gehören nicht dazu. Das gilt für Lernspiele, Gesellschafts- und Computerspiele genauso wie solche, deren Regeln etwa durch Erwachsene festgelegt sind.  

Beim freien Spiel schlüpfen Kinder in unterschiedliche Rollen, ahmen Situationen aus dem Alltag nach und verarbeiten ihre Eindrücke und Erfahrungen. Diese Beschäftigung löst nicht nur Spaß und Glücksgefühle aus, sondern hilft auch, die Persönlichkeit zu entwickeln und wichtige Fähigkeiten für das spätere Leben einzuüben.

Kontrolle, Flexibilität und soziale Kompetenz

Das Ausdenken und Umsetzen eigener Spielideen ermöglicht es Kindern, Kontrolle und „Selbstwirksamkeit“ auszuüben. Sie treffen Entscheidungen und lernen, ihre Emotionen und Handlungen zu steuern. Der spielerische Situationswechsel fördert die Flexibilität, mit der sie später an die Anforderungen der Welt herantreten.

Beim Spielen wird die Fantasie angestoßen, welche in engem Zusammenhang mit abstraktem Vorstellungsvermögen steht.  Dies ist in späteren Lebens- und Lernbereichen gefragt, etwa wenn es um mathematisches Verständnis geht. Kinder können beim Spielen nicht nur ihre eigenen Fähigkeiten und Interessen, sondern auch Grenzen ausloten und sich in Ausdauer und Geduld üben – Eigenschaften, die auch für weniger freie Lernsituationen entscheidend sein werden. Dazu kommen wichtige Kompetenzen für das soziale Miteinander.

Spielende Kinder haben sich als Piraten verkleidet. Beim Spielen wird die Fantasie angestoßen, die in engem Zusammenhang mit abstraktem Vorstellungsvermögen steht.  (Foto: Imago, IMAGO / Cavan Images)
Piraten auf ihrem Piratenschiff! Beim Spielen wird die Fantasie angestoßen, die in engem Zusammenhang mit abstraktem Vorstellungsvermögen steht. Imago IMAGO / Cavan Images

Freizeitstress und Übervorsicht als Spielverderber

Die Zeit, die Kinder mit freiem Spiel verbringen, hat sich in den vergangenen Jahren drastisch reduziert. Waren es 1990 noch drei Viertel aller Kinder, die nach der Schule draußen spielten, so ist es jetzt nur noch ein Viertel.

Grund dafür ist unter anderem die zunehmende Digitalisierung, die auch den Alltag von Kindern immer mehr bestimmt. Zudem gibt es in der Stadt immer weniger geeignete Grünflächen, während Eltern und oft auch schon Kindern die Freizeit zunehmend abhandenkommt. Verpflichtungen wie Sport- und Musikunterricht lassen wenig Raum für unproduktive Beschäftigung. Darüber hinaus setzt sich ein risikovermeidender Erziehungsstil durch, welcher der eigenständigen Betätigung von Kindern oft vorschnell Grenzen setzt.

Die Entwicklung leidet

Spielmangel oder gar -entzug kann jedoch gravierende Folgen für das spätere Leben haben. Die verringerte Neugier wirkt sich negativ auf Lernerfahrungen und in Folge auf schulische Leistungen aus. Wer über eine mangelnde mentale Flexibilität verfügt, neigt zu schlechterer Emotionsregulierung.

Die Folge sind Überforderung, Angst- oder Aggressionszustände in schwierigen Situationen. Einige Forscher bringen das verringerte Maß an freiem Spiel sogar mit der steigenden Rate an psychisch erkrankten Kindern in Zusammenhang.

Nicht zuletzt werden wichtige soziale Kompetenzen vernachlässigt, die Kinder beim Spiel miteinander, aber auch beim eigenständigen Rollenspiel einüben. Durch den engen Zusammenhang zwischen Spiel und Bewegung leidet nicht nur die kognitiv-emotionale, sondern auch die körperlich-motorische Entwicklung.

SWR 2019

Mehr zu Bildung und Erziehung

Gamification Verhalten wir uns in der Pandemie wie im Spiel?

Menschen horten Ressourcen, reduzieren die Situation auf ein Gut-Böse-Schema und richten sich nach prominenten Heldenfiguren. Das sind bekannte Denkmuster aus Computer- und Brettspielen. In einer ungewissen Situation wie einer Pandemie nutzen viele Menschen diese Muster auch im realen Leben. Das birgt Risiken, aber auch Chancen.
Christine Langer im Gespräch mit dem Psychologen Marius Raab  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Bildung Lernen im Matsch – Was bringt Naturpädagogik?

Auf Bäume klettern, durchs Laub stapfen, im Schlamm matschen. Das macht Kindern Spaß, soll aber auch die Konzentrationsfähigkeit, Sozialkompetenz und Selbstwahrnehmung verbessern.  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Bildung „Hidden Codes“ – Computerspiel hilft beim Erkennen von rechten Codes

In einem neuen Computer-Spiel der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank sollen Schüler*innen „Hidden Codes“ erkennen lernen – versteckte Botschaften, mit denen viele in der rechten Szene vor allem in sozialen Medien kommunizieren. So kann man früh erkennen, wenn sich Mitschüler*innen radikalisieren, ist die Hoffnung.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Erziehung heute Wie wird mein Kind selbstständig und frei?

Ab wann braucht das Kind einen eigenen Hausschlüssel? Freiheit ist wichtig für die Entwicklung der Kinder. Doch zu viel Verantwortung kann sie überfordern.  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Pädagogik Maria Montessori und die kindliche Entwicklung: "Hilf mir, es selbst zu tun!"

Vor 100 Jahren eröffnete sie in Rom ihr erstes Kinderhaus. "Hilf mir, es selbst zu tun" - dieser Ansatz Maria Montessoris durchwirkt bis heute unser Bildungssystem.  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Lernen Bildung begreifen – Was Hand-Werk mit dem Kopf macht

Auf etwas zeigen oder zupacken schult das Vorstellungsvermögen und hilft dabei, Dinge im wahrsten Sinne des Wortes zu begreifen. Trotzdem gilt Bildung heutzutage eher als Kopfsache. Welche Rolle spielen die Hände in Zeiten des Digitalen?  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Bildung und Erziehung: aktuelle Beiträge

Bildung Was der Mensch beim Spielen lernt

Spielen – nur etwas für Kinder? Untersuchungen zeigen, dass der Mensch gerade beim Spielen sehr viel lernt. Auch erfolgreiche und kreative Menschen sollen laut Studien in der Kindheit oft ausgiebig mit anderen gespielt haben. Sollten Erwachsene also mehr spielen, um mehr zu lernen? Wie funktioniert das spielerische Lernen? Von Christina Bergengruen  (SWR 2019) | Manuskript und mehr zur Sendung: http://swr.li/kinder-spielen | Bei Fragen und Anregungen schreibt uns: wissen@swr2.de | Folgt uns auf Twitter: @swr2wissen  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Diskussion Angst vor der vierten Welle – Welche Corona-Politik brauchen wir?

In England fallen fast alle Corona-Beschränkungen - trotz steigender Infektionszahlen. Ist das verantwortbar? Frankreich, Italien und Griechenland führen die Impfpflicht ein, die Bundesregierung schließt sie hierzulande aus. Der Sommer 2021 ist geprägt von Verunsicherung und politischer Ratlosigkeit. Die Frage ist nicht, ob, sondern wann die vierte Welle kommt. Sind wir erneut nicht vorbereitet? Welche Corona-Politik brauchen wir jetzt? Gregor Papsch diskutiert mit Prof. Dr. Bodo Plachter - Virologe, Universitätsmedizin Mainz, Prof. Dr. Teresa Koloma Beck - Soziologin, Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr, Hamburg, Prof. Dr. Claudia Wiesemann - Medizinethikerin, Universitätsmedizin Göttingen  mehr...

SWR2 Forum SWR2

Bildung Wie Schulerfolg von den Lehrkräften abhängt

Wie gut Kinder in der Schule zurechtkommen, hängt ganz erheblich davon ab, wer sie unterrichtet. Aber was muss eine Lehrkraft haben, die alle motiviert und bei der das Lernen Spaß macht? Forschende fanden heraus, dass folgende Faktoren eine wichtige Rolle spielen: wie die Lehrkraft die Klasse führt, das Potenzial zur kognitiven Aktivierung und eine gute Lehrer-Schüler-Beziehung. Von Andrea Lueg (SWR 2020) | Manuskript und mehr zur Sendung: http://swr.li/schulerfolg | Bei Fragen und Anregungen schreibt uns: wissen@swr2.de | Folgt uns auf Twitter: @swr2wissen  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG