4.11.1989

Spionagechef Markus Wolf fordert Erneuerung der DDR

STAND
AUTOR/IN
SWR2 Archivradio
MODERATOR/IN
Gábor Paál
Gábor Paál (Foto: SWR, Gábor Paál)

Audio herunterladen (3,5 MB | MP3)

Markus Wolf, Spionagechef der DDR, Leiter des Auslands-Nachrichtendienstes im Ministerium für Staatssicherheit, überrascht mit einer Rede auf einer Großdemonstrationen auf dem Berliner Alexanderplatz, fünf Tage vor der Öffnung der Mauer. Wolf kritisiert die DDR-Führung scharf und fordert eine Erneuerung der SED als Partei und der DDR als Staat. Er spricht von einem „erneuerten Sozialismus“ – und wird ausgepfiffen.

Die Ansprache von Markus Wolf im Wortlaut

„Nicht ohne zu zögern nutze ich die Möglichkeit, an dieses Mikrofon zu treten, aus mehreren Gründen. Es war nicht meine Partei, die Sozialistische Einheitspartei, die mit der Macht der Medien zu dieser Demonstration aufgerufen hätte. Es war die fast leise Stimme Berliner Künstler, mit der Forderung nach Freiheit des Worts und der Versammlung. Trotz zunehmend mahnender Stimmen in unseren eigenen Reihen konnten wir nicht verhindern, dass unsere Führung bis zum 7. Oktober in einer Scheinwelt lebte und selbst dann noch versagte, als die Menschen anfingen, mit den Füßen abzustimmen. Das war bitter für uns Kommunisten.

Hunderttausende Kommunisten, die ehrlich und aktiv gearbeitet haben, erwarten einen klaren Kurs. Viele haben schon lange um Lösungen gekämpft. Haben auch weitreichende konzeptionelle Vorschläge für grundlegende Reformen eines erneuerten Sozialismus gemacht. Diese Vorschläge gehören jetzt in den Dialog und an die Öffentlichkeit.

Damit wird noch deutlicher werden, dass es in dieser meiner Partei nicht an engagierten und couragierten Menschen auf allen Arbeitsebenen und Feldern mangelt. Nicht an klaren und konzeptionell kompetent Köpfen fehlt.

Nicht durch Pochen auf festgeschriebene Artikel. Nur so, durch Überzeugung und harte, sehr harte Arbeit, kann diese Partei ihre Rolle in der neuen Etappe unserer gesellschaftlichen Entwicklung spielen.“

Demonstration auf dem Alexanderplatz

4.11.1989 Rede von Jan Josef Liefers vor dem Mauerfall

4.11.1989 | "Mein Name ist Liefers, ich bin Schauspieler": Kurz vor dem Mauerfall spricht der Schauspieler Jan Josef Liefers auf der Groß-Demonstrationen auf dem Berliner Alexanderplatz. Es ist die erste offiziell genehmigte Demonstration in der DDR, organisiert von Schauspielern und Mitarbeitern an Ost-Berliner Theatern.  mehr...

4.11.1989 Gregor Gysi auf der Großdemonstration auf dem Alexanderplatz

4.11.1989 | Auch der Rechtsanwalt Gregor Gysi spricht auf der Groß-Demonstration auf dem Berliner Alexanderplatz. Gysi gehört der SED an, hat sich aber in den vergangenen Wochen als Anwalt für die Zulassung des oppositionellen Neuen Forums eingesetzt. Darüber spricht er auch jetzt.  mehr...

Mehr zur DDR

1989 - 1990 | SWR2 Archivradio Das Ende der DDR

1989 bis 1990 | Von den Montagsdemonstrationen über die Öffnung der Mauer bis zur Wiedervereinigung.  mehr...

1948 - 1989 | SWR2 Archivradio Deutsch-deutsche Dramen

Bundesrepublik und DDR: Die 40 Jahre der deutschen Teilung waren von Misstrauen geprägt: Berlin-Blockade, Menschenraub, Stasi-Prozesse und Mauerbau - und nach vielen Jahren die Wiedervereinigung.  mehr...

SWR2 Dossier zum Jahrestag Gemischte Bilanz: 30 Jahre Deutsche Einheit

Am 3. Oktober 1990 - ein knappes Jahr nach dem Fall der Mauer - trat die frühere DDR der Bundesrepublik bei, mit weitreichenden Auswirkungen in Deutschland und weltweit. Wie bewerten Ost und West heute – zum 30. „Tag der Deutschen Einheit“ – die Entwicklungen seit dem Mauerfall 1989 und der Wiedervereinigung 1990? Als Erfolgsgeschichte trotz vieler Rückschläge oder als Vereinnahmung des Ostens durch den Westen?  mehr...

Mehr zu Markus Wolf

1.10.1946 Schlusskommentar Markus Wolf "Das Weltgericht hat sein Urteil gefällt"

1.10.1946 | Markus Wolf (1923 - 2006) ist vor allem als DDR-Spion bekannt. Zu Kriegszeiten lebte er im Exil in der Sowjetunion. 1945/46 war er als Berichterstatter beim Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher akkreditiert. Am Ende des Prozesses zieht er im Rundfunk ein positives Fazit und appelliert an die Deutschen, aus der Vergangenheit zu lernen. | Nürnberger Prozesse  mehr...

STAND
AUTOR/IN
SWR2 Archivradio
MODERATOR/IN
Gábor Paál
Gábor Paál (Foto: SWR, Gábor Paál)