9.4.1860

Ältestes Tondokument der Menschheit: "Au claire de la lune"

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Gábor Paál
Gábor Paál (Foto: SWR, Gábor Paál)

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Édouard-Léon Scott de Martinville erfand 1857 den Phonautographen

Thomas Alva Edison war zwar der erste Erfinder, der 1877 bewusst menschliche Sprache aufgenommen hat, um sie hinterher wiederzugeben – und zwar mithilfe des von ihm erfundenen Phonographen.

Doch 2008 wurde ein 17 Jahre älteres Tondokument rekonstruiert. Es geht auf den Pariser Drucker und Buchhändler Édouard-Léon Scott de Martinville zurück. Er hat 1857 ebenfalls ein Gerät gefunden, das er Phonautograph nennt. Sein Ziel war es gar nicht, Sprache aufzunehmen, um sie wiederzugeben. Er wollte lediglich Klang visuell aufzeichnen.

Dazu benutzte er rußgeschwärztes Papier, das auf eine Walze montiert war. Er sprach in einen Schalltrichter mit einer Membran am Ende. Die Schwingungen der Membran übertrugen sich auf eine Schweinsborste, die wiederum Linien in den Papierruß kratzte.

Forscher rekonstruieren den Klang eines Liedes und die Stimme des Erfinders

Etwa ein Dutzend dieser Phonautogramme lagern im Institut de France. Das älteste ist vom 9. April 1860. Der Historiker David Giovannoni informierte zwei Experten am Lawrence Berkeley National Laboratory, Earl Cornell und Carl Haber, die eine Methode gefunden haben, solche alten "Tonträger" mit optischen Verfahren abzutasten und so per Computer den Klang zu rekonstruieren. Das gelingt ihnen 2008 auch mit dem ältesten dieser Phonautogramme. Es handelt sich um das französische Volkslied "Au clair de la lune".

Ein Problem dabei: Scott de Martinville hatte nicht festgehalten, wie schnell er die Walze gedreht hat. Die erste Fassung, die die Forscher rekonstruierten, entspricht zwar dem Tempo, in dem das Lied normalerweise gesungen wird. Die Stimme ist aber für einen Mann viel zu hoch.

Da Scott de Martinville aber vermutlich seine eigene Stimme zu Papier brachte, produzierten die Wissenschaftler noch eine langsamere Fassung, von der sie denken, dass sie dem ursprünglichen Klang näher kommt. Vermutlich, so spekulieren sie, habe Scott de Martinville bewusst langsam und deutlich gesungen.

Scott de Martinville hat später Edison beschuldigt, bei der Erfindung des Phonographen auf seine frühe Erfindung zurückgegriffen zu haben.

Den gleichen Experten, die Scott de Martinvilles Stimme rekonstruiert haben, ist es 2012 auch gelungen, eine frühe Aufnahme von Thomas Edison wieder hörbar zu machen. Auch sie findet sich im SWR2 Archivradio.

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