Neue CD Exzentrisch und unvergleichlich: "Blood Siren" von Sarah McCoy

Von Georg Waßmuth

Sarah McCoy war bisher ein Geheimtipp für Jazz- und Bluesfans. Die amerikanische Pianistin und Sängerin hat nie eine Hochschule besucht und verdiente sich ihr Geld als Straßen- und Kneipenmusikerin. Gerne bezeichnet sie sich als „Selfmade Women“. Erst als Mittdreißigerin hat sie nun beim Label Blue Note ihr Debüt-Album produziert. „Blood Siren“ (Blutsirenen) hat sie es überschrieben, und es bietet düstere und einzigartige Songs einer großartigen Musikerin.

Harte Kindheit am Rande der Gesellschaft

In ihrem Song „Devil's Prospects“ kommt der Teufel höchstpersönlich in eine schmierige Kneipe und macht den Anwesenden bei harten Getränken seine verlockenden Angebote. Davon erzählt Sarah McCoy mit herber Stimme, und man glaubt ihr die Story sofort. Die Sängerin hatte beileibe keine einfache Kindheit. Was im Prospekt der Plattenfirma wie ein bunter Lebenslauf klingt, war in Wirklichkeit wohl eher ein Albtraum am Rande der Gesellschaft.

Klassische Musik als einziger Lichtblick

Der Vater war ein schwerkranker Kriegsveteran, die Mutter versuchte die Familie im Süden der USA irgendwie über die Runden zu bringen. Einziger Lichtblick waren die Klavierstunden, die Sarah McCoy jahrelang nehmen durfte. Ihre Eltern hätten sie musikalisch von ganzem Herzen unterstützt, erzählt sie. Die klassische Musik habe sie früh fasziniert, und sie hätte sich als Jugendliche mit nichts anderem mehr beschäftigt.

Roadtrip durch Amerika und Leben als Straßenmusikerin

Sarah McCoy verließ schon früh ihr Elternhaus. Es war eine Flucht ins Leben, die zu einem Roadtrip quer durch Amerika wurde. Jahrelang zog sie von Stadt zu Stadt und hielt sich finanziell als Straßenmusikerin über Wasser. Die Texte ihrer Songs erzählen schonungslos von den Entbehrungen dieser Zeit.

Sarah McCoy: „Jeden Tag konnte etwas Furchtbares passieren, das war mir die ganze Zeit bewusst. Einmal strandete ich an einer Landstraße im Nirgendwo. Es war Winter, und ein Eisregen hüllte mich stundenlang ein. Ich dachte schon: Das ist es dann wohl gewesen. Doch ein netter Typ hat mich in letzter Minute mit seinem Pickup gerettet. Ich habe also auf meinem langen Weg jede Menge Erfahrungen gemacht und die Menschen von ihren guten, aber auch von ihren wirklich schlechten Seiten her kennen gelernt.“

Gestrandet als Musikerin in New Orleans

Während ihrer Zeit als Straßenmusikerin hat Sarah McCoy nie in feiner Studio-Atmosphäre gearbeitet, doch sie sang sich vor überschaubarem Publikum stets die Seele aus dem Leib. Irgendwann strandete sie in New Orleans. Es sei das Gefühl gewesen, endlich nach Hause zu kommen, erzählt die Sängerin.

Sarah McCoy: „Es ist der Ort auf der Welt, der das Beste in mir zum Aufblühen brachte. Dort steht in jeder Kneipe ein Klavier. Es gibt Leute, die einem zuhören. Aber vor allem hat die Stadt eine Geschichte, die für mich unheimlich wichtig ist. Ich bin ein Teil von diesem Musikzirkus geworden. Das Blut von New Orleans fließt nun auch in meinen Adern.“

Die Lady hat den Blues!

Bislang ist Sarah McCoy ein ungeschliffener Rohdiamant geblieben. Sie singt über zerplatzte Träume, kaputte Beziehungen und den alltäglichen Wahnsinn. Ihre Manager suchen nun händeringend nach einem Stempel, den sie aufdrücken können. Begriffe wie „Pop-Noir“ oder „Underground-Jazz“ geistern durch die Köpfe. Dabei ist es ganz einfach: Die Lady hat den Blues.

CD-Tipp vom 8.3.2019 aus der Sendung "SWR2 Journal am Mittag"

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