Musikstück der Woche 29.8.- 4.9.2011 Tanz auf den Tasten

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Johann Sebastian Bach: Partita für Klavier e-Moll BWV 830

"Clavir-Übung": mit diesem trockenen Titel würde man heute niemanden mehr hinterm Ofen vorlocken. Bach hat ihn für sein (ganz und gar nicht trockenes) vierbändiges Tasten-Universum gewählt. Und allen, die damit in Berührung kommen, wird sofort klar: Hinter dieser Übung steckt der Meister! Martin Helmchen spielt die Partita e-Moll aus dem ersten Teil der "Clavir-Übung" – ein Mitschnitt aus der Konzertreihe "Internationale Pianisten in Mainz".

Blick auf das Denkmal des Komponisten Johann Sebastian Bach auf dem Thomaskirchhof in Leipzig. (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Jan Woitas)
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Auch wenn heutige Marketing-Strategen den viel zu bescheiden und etwas trocken anmutenden Titel „Clavir-Übung“ sofort verwerfen (und die Schreibweise in ein Klavier korrigieren) würden – Bachs Vertriebstechnik löst wohl immer noch Erstaunen aus: Er machte nämlich erst einmal einen Marktcheck, bevor er die vier umfangreichen Bände mit Musik für verschiedene Tasteninstrumente im Selbstverlag veröffentlichte. Bach ließ sich genug Zeit, um das Verhältnis von Angebot und Nachfrage sorgfältig zu überprüfen. Seit 1726 gab er die sechs Partiten (Suiten) Stück für Stück als Einzelhefte heraus. Dafür schaffte er sich ein exzellentes Vertriebsnetzwerk: als ‚Vertreter’ gewann er einflussreiche Musikerkollegen in ganz Deutschland: Dresden, Halle, Lüneburg, Braunschweig, Nürnberg und Augsburg. Als er sah, dass er nicht auf den Unkosten sitzen bleiben würde, entschloss sich Bach, alle sechs Partiten erneut drucken zu lassen und sie als Opus 1 der „Clavir-Übung“ herauszugeben.

Fortsetzungsroman der Claviermusik

Im Lauf der Jahre folgten dann noch drei weitere große Bände, die die „Clavir-Übung“ abrunden und sie in den Rang eines systematischen und vollständigen Überblicks über die Kunst der Claviermusik erheben. Mit dem Begriff Clavier sind in dieser Zeit sämtliche Tasteninstrumente gemeint: vom Clavichord übers Spinett, Cembalo und Flügel bis hin zur Kirchenorgel. Für diese Instrumente stellte Bach eine Sammlung von Musik in den wichtigsten Gattungen, Formen, Stilarten und Kompositionstechniken zusammen – ein wahrer musikalischer Kosmos.

Partita e-Moll

Die Partita e-Moll bildet das glanzvolle Schlusslicht der sechs Clavier-Partiten. Sie beginnt mit einer großen Toccata, einem raffinierten Spiel mit der musikalischen Schwerkraft. Wie auf einer schiefen Ebene rollen die Töne auf harmonische und melodische Schwerpunkte zu. Wenn alle Kräfte geballt und gebündelt sind, bewegt sich die Ebene in eine andere Richtung und löst einen erneuten Bewegungsimpuls aus. Zwischen die beiden Rahmenteile der Toccata baut Bach eine dreistimmige Fuge, in der ein wunderbares Gleichgewicht der Kräfte herrscht.

Tanz durch Europa

Dann folgt eine Reihe stilisierter Tänze unterschiedlicher Herkunft: eine (deutschstämmige) Allemande, die große, pathetische Melodiebögen zeichnet und reichlich Gebrauch von Halbtönen macht – in der Barockmusik ein Sinnbild für Schmerz und Leid; eine italienische Corrente, die verschiedene Bewegungsarten gegeneinander stellt: torkelnde Synkopen, mit die denen Schwerpunkte im Takt verschleiert sind, stehen neben punktierten Rhythmen, die mal auf das Gravitationszentrum im Takt zusteuern und sich mal dagegen stellen. Zwischen diese beiden Extreme sind Passagen mit Akkordbrechungen gebaut, die sich einer ganz regulären und geradlinigen Ordnung fügen.

Die Air – Zentrum der Partita und eigentlich ein Fremdkörper in diesem Reigen von Tänzen – ist mit ihren großen Sprüngen und gebrochenen Dreiklängen nicht gesanglich-melodiös (wie ihr Name andeutet), sondern sehr instrumental gedacht. Die Sarabande, ein besonders zeremonieller Tanz spanischen Ursprungs, ist in dieser Zeit der Inbegriff von Sehnsucht und Wehmut. Bach kleidet sie in dunkelroten Samt und stickt feine Goldornamente ein. Mit der Gavotte gelangt die Musik zurück auf die Sonnenseite: neckisch, spielerisch, mit witzigen rhythmischen Finessen durchsetzt. Die Gigue ist ursprünglich ein derb-bäuerlicher Tanz aus England, bei dem man beherzt aufstampft. Bach gestaltet sie ganz und gar nicht derb, sondern kunstvoll polyphon und in perfekter Symmetrie: Teil 2 spiegelt das Thema von Teil 1 an der Horizontalen; alles ist gekleidet in ein geistreiches Gewand aus rhythmischen und melodischen Überraschungen.

Wer’s hört, kann den Anspruch nur bestätigen, den Bach auf dem Titelblatt des Drucks formuliert hat: „Denen Liebhabern zur Gemüths Ergoetzung verfertiget“.

Der Pianist Martin Helmchen (Foto: www.kdschmid.de - Marco Borggreve)
Der Pianist Martin Helmchen www.kdschmid.de - Marco Borggreve

Martin Helmchen


wurde 1982 in Berlin geboren und erhielt den ersten Klavierunterricht mit sechs Jahren. Heute kann er mit zwei "ECHO Klassik"-Auszeichnungen und dem "Credit Suisse Young Artist Award" bedeutende Preise der Musikszene vorweisen; überdies Konzerterfahrung mit so bedeutenden Orchestern wie den Wiener Philharmonikern, dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin oder dem NHK Symphony Orchestra Japan.

Nach dem Studium bei Galina Iwanzowa an der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" Berlin wechselte Martin Helmchen 2001 zu Arie Vardi an die Hochschule für Musik und Theater Hannover, außerdem nimmt er bei William Grant Naboré an der "Klavierakademie Comer See" Unterricht. Einen ersten entscheidenden Impuls bekam seine Karriere, als er 2001 den "Concours Clara Haskil" gewann.

Seither tritt Martin Helmchen mit zahlreichen renommierten Orchestern auf, so mit dem RSO Stuttgart, den Bamberger Symphonikern, dem RSB Berlin, der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, dem Orchestre National de France, den Wiener Symphonikern, dem Tonhalle Orchester Zürich, dem London Philharmonic Orchestra sowie dem BBC Symphony Orchestra; er arbeitete mit Dirigenten wie Marc Albrecht, Lawrence Foster, Philippe Herreweghe, Kurt Masur, Christoph Poppen und Bruno Weil. Festivalengagements führten ihn zu allen bedeutenden deutschen Festivals sowie zur Schubertiade, nach Lockenhaus und zum Marlboro Festival.

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