Musikstück der Woche vom 6.4.2015 Ein musikalisches Seelendrama

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Georg Friedrich Händel: Kantate "La Lucrezia" HWV 145

Händel ist ein Meister der musikalischen Psychologie: In seiner Kantate "La Lucrezia" schildert er die Verzweiflung einer Frau, die sich nach einer Vergewaltigung das Leben nimmt. In unserer Aufnahme singt Stefanie Irányi, begleitet vom Ensemble Lyriarte; ein Konzertmitschnitt vom Dezember 2011 in Schloss Waldthausen.

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Raus aus dem kalten Hamburg, rein ins Schlaraffenland der Musik!

Händel ist gerade 21 – im 18. Jahrhundert also noch nicht volljährig –, als er sich auf den Weg nach Italien macht. Irgendwann im Sommer des Jahres 1706 kommt er an; vier Jahre wird er bleiben: In Venedig, Florenz, Rom und Neapel. Ungefähr tausend Kilometer legt er zurück – vermutlich mit der Postkutsche, die damals in sehr gemächlichem Tempo fährt: zwischen fünf und acht Kilometer pro Stunde. Damals gibt es schon Postverzeichnisse, die ähnlich angelegt sind wie das (mittlerweile abgeschaffte) Kursbuch von der Bahn: Man findet stundengenaue Abfahrtszeiten, Reiserouten und Anschluss-Kutschen.

Die Komfortreise ist damals leider noch nicht erfunden

Händel hat keinerlei Briefe oder Aufzeichnungen darüber hinterlassen, wie er die Reise über den Brenner erlebt (oder besser: überstanden) hat. Vermutlich so ähnlich wie ein postkutschen-geschüttelter Zeitgenosse, der schreibt: "Reisen im Postwagen ermatten eben so sehr den Geist, als sie für den Körper schädlich sind. Wer nur ein paar Tage und eine Nacht im Postwagen gefahren ist, wird zu allen muntern Gesprächen nicht mehr fähig seyn, und alles was um und neben ihm vorgehet, fängt ihm an, gleichgültig zu werden. Das unbequeme, enge Sitzen, oft bey schwüler Luft, das langsame Fortrutschen mit phlegmatischen und schlafenden Postknechten, der oft pestilenzalische Gestanck unsauberer Reisegesellschaften, das Tobackdampfen und die zottigen schmutzigen Reden der ehrsamen bunten Reisekompagnie, lassen uns bald des Vergnügens satt werden."
Ein zeitgenössisches Reisehandbuch empfiehlt dringend, sich mit einer Waffe auszustatten: "Die sicherste Waffe auf der Reise ist ein Dolch, den man versteckt im linken Rockärmel trägt."

Händel: Netzwerker und Everbody's Darling

In Hamburg hat der Bruder des toskanischen Fürsten Ferdinando de' Medici Händels Oper Almira gehört und ihn zu sich nach Florenz eingeladen. Möglicherweise ist Florenz Händels erste Station in Italien, vielleicht aber auch Venedig, das lässt sich nicht mehr genau verfolgen. Im Lauf des Jahres 1706 erreicht er Rom. Für die Reichen der Stadt – die Kardinäle und die vielen Adligen – ist Händels Virtuosität auf der Orgel und dem Cembalo die Attraktion. Alle reißen sich um ihn, und er kann sich kaum retten vor Kompositionsaufträgen. Der Marchese Ruspoli (steinreich und kunstinteressiert) macht das Rennen: Händel zieht in einen von Ruspolis Palazzi ein, in ein großzügiges Appartment; er hat sogar einen eigenen Diener zur Verfügung. Erstaunlich, mit welcher Sicherheit sich der junge Händel auf dem glatten Parkett der römischen Elite bewegt. Seine Auftraggeber können noch so reich sein, noch so adlig, noch so befrachtet mit würdevollen Ämtern von Kirche und Staat – Händel lässt sich nicht davon einschüchtern. Im Gegenteil, er blüht auf, präsentiert sich in glänzendem Licht und knüpft ein beeindruckendes Netzwerk an Kontakten.

Wie man Verbote kreativ in Kantaten verwandelt

Seit einem Erdbeben im Jahr 1698 sind in Rom Opernaufführungen verboten. Der Papst hält sie für unmoralischen Luxus. Als Händel nach Rom kommt, ist die Stadt immer noch opernfreie Zone. Die High Society weiß sich zu helfen – mit der Aufführung von weltlichen Kantaten: kurzen dramatischen Szenen für einen oder zwei Sänger und mit einer kleinen Zahl von Begleitinstrumenten. Was den Aufbau und die Gliederung in Rezitativ und Arie betrifft, ähneln die Kantaten einer Opernszene. Aber die Komponisten können in dieser kleineren und wendigeren Gattung vieles schreiben, was auf der Opernbühne so nicht möglich wäre. So wird die Kantate zum Experimentierlabor der barocken Vokalmusik. In Rom erlebt sie einen regelrechten Boom: Die High society trifft sich jede Woche in den Palazzi der Kardinäle und der Mächtigen und veranstaltet dort musikalische Abende; angereichert mit Diskussionen über Sprache, Kultur und Ästhetik, einem guten Essen und den neuesten Klatschgeschichten.
All das inspiriert den jungen Händel. Er trifft die bedeutendsten Komponisten, Musiker und Sänger seiner Zeit, hört ihre Musik, kann anschließend ausgiebig die Noten studieren und hat Gelegenheit, sich darüber auszutauschen. Außerdem kommt er mit italienischen Dichtern in Kontakt. Über 50 Kantaten schreibt Händel in Italien für verschiedenste Auftraggeber – unter anderem die Kantate "La Lucrezia"; sie entsteht irgendwann zwischen 1706 und 1707.

La Lucrezia: ein musikalisches Seelendrama

Der Text beschreibt das Seelentrauma einer antiken Römerin: Lucrezia, Gemahlin eines römischen Heerführers, galt als Muster an Tugendhaftigkeit. Gerade deshalb erzeugt sie das Interesse von Sextus Tarquinius, dem Sohn des letzten römischen Königs. Als sie ihn zurückweist, vergewaltigt er sie. Lucrezia ringt ihrem Mann einen Racheschwur ab, enthüllt ihm, was geschehen ist und nimmt sich schließlich mit einem Dolch das Leben, um ihre Ehre wieder herzustellen.

Händel zeichnet in seiner Musik das Bild einer aufgewühlten Frau, die von ihren Gefühlen hin und her gejagt wird – von Wut, Erschütterung und Verzweiflung. Kaum eine melodische Phrase ist musikalisch logisch, Lucrezia singt hektisch und mit unkontrollierten Sprüngen. Die Formen von Rezitativ und Arie sind ständig durchbrochen. Am Ende tötet sich Lucrezia mit dem Dolch, der Puls der Musik wird langsamer und bricht schließlich ab. So ein tödliches Finale wäre auf der barocken Opernbühne undenkbar gewesen. In der Kantate geht es, weil hier die Handlung nicht auf der Bühne gespielt wird, sondern in der Vorstellung des Zuhörers.

Stefanie Irányi

Die Mezzosopranistin Stefanie Irányi (Foto: Stefanie Irányi - Chris Gonz)
Stefanie Irányi Stefanie Irányi - Chris Gonz

Die Mezzosopranistin Stefanie Irányi wuchs im bayerischen Chiemgau auf. Sie studierte an der Musikhochschule in München und bei Margreet Honig in Amsterdam. Sie war Preisträgerin mehrerer Wettbewerbe, gewann beim Internationalen Robert-Schumann-Wettbewerb für Klavier und Gesang in Zwickau und 2004 beim Bundeswettbewerb Gesang in Berlin. Im selben Jahr debütierte sie am Opernhaus von Turin in einer Neuinszenierung von Giancarlo Menottis "The Consul". Es folgten eine Reihe von Engagements an den Opernhäusern in Ancona, Palermo, Neapel, Parma und Venedig, wo sie mit Partien in Opern von Vivaldi, Mozart, Verdi und Wagner zu hören war. Mehrfach sang sie beim "Maggio Musicale" in Florenz.

Auf dem Konzertpodium sang sie die Hauptwerke von Bach und Händel, Mozarts Requiem, Beethovens Missa Solemnis und Verdis Requiem.
Sie arbeitete erfolgreich mit Dirigenten wie Bruno Bartolotti, Fabio Biondi, Asher Fisch, Raphael Frühbeck de Burgos, Martin Haselböck, Michael Hofstetter, Zubin Mehta, Helmut Rilling, Peter Schreier und Jeffrey Tate. Stefanie Irányi gab zahlreiche Liederabende, meist begleitet von Helmut Deutsch, in München, London und Wien, bei verschiedenen Festivals in Österreich und Deutschland und sang bei den "Schubertiaden" in Barcelona und Vilabertran (Spanien), sowie in Perth (Schottland).

Ihre Diskographie umfasst Brahms-Lieder und Duette mit Michael Volle, Schumann-Duette mit Sybilla Rubens, Simon Mayrs Oratorium "Il Matrimonio di Tobia", Dvořáks Requiem sowie Opernarien von Hasse, Haydn und Händel.

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