Musikstück der Woche vom 30.4. bis 6.5.2012 In Memoriam für Viele

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Als Schostakowitsch 1960 in Dresden sah, welche Zerstörungen der Krieg angerichtet hatte, wollte er den "Opfern von Faschismus und Krieg" ein Denkmal komponieren. Es wurde ein Denkmal für ihn selbst.

Denn in der äußeren Widmung für die Kriegsopfer steckt verborgen die innere, in die Dmitri Schostakowitsch seine eigene leidvolle Geschichte hinein komponierte. Sein 8. Streichquartett c-Moll op. 110 sollte Schostakowitschs persönlichstes, fast schon autobiographisches Zeugnis werden. Im Ettlinger Schlosskonzert am 26.10.2008 spielte das Szymanowski Quartet aus Polen dieses Werk.

Dmitri Schostakowitsch (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - DB)
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Komponiert in Sachsen

Schostakowitschs achtes Streichquartett trägt eine offizielle Widmung – und eine inoffizielle. Die offizielle lautet: "In memoriam der Opfer von Faschismus und Krieg", eine Aussage also, mit der Schostakowitsch, als er 1960 in der Sächsischen Schweiz und das zerstörte Dresden vor Augen dieses Werk komponierte, ein historisch ambitioniertes Denkmal setzen wollte. Aber die 'heimliche' Widmung des Streichquartetts c-Moll op. 110 ist sehr viel persönlicher. Wie Schostakowitschs Tochter Galina berichtet, hatte er dieses Werk vor allem "sich selbst" gewidmet. Vorausgegangen war Schostakowitschs erzwungener Eintritt in die KPdSU, dazu sein ständiges Gefühl 'geistiger Gefangenschaft', und als er nach Dresden kam, um eigentlich gemeinsam mit dem Regisseur Lew Arnstam am Film "Fünf Tage – fünf Nächte" zu arbeiten und eine Musik dazu zu schaffen, komponierte er etwas für sich selbst. Einem Freund schrieb er: "Wie sehr ich auch versucht habe, die Arbeiten für den Film im Entwurf auszuführen, bis jetzt konnte ich es nicht. Und stattdessen habe ich ein niemandem nützendes und ideologisch verwerfliches Quartett geschrieben. Ich dachte darüber nach, dass, sollte ich irgendwann einmal sterben, kaum jemand ein Werk schreiben wird, das meinem Andenken gewidmet ist. Deshalb habe ich beschlossen, selbst etwas Derartiges zu schreiben. Man könnte auf seinen Einband auch schreiben: ‚Gewidmet dem Andenken des Komponisten dieses Quartetts’."

Schostakowitsch durchzog das Werk mit seinen Initialen D-Es-C-H, er zitierte viele seiner eigenen Kompositionen (darunter Teile des Cellokonzerts, der ersten und zehnten Sinfonie und der Oper "Lady Macbeth von Mzensk") und verarbeitete das Revolutionslied "Gequält von schwerer Gefangenschaft". Diese musikalischen Hinweise haben eine solch zwingende Aussagekraft, dass sie das achte Streichquartett zu einem der persönlichsten Musikdokumente Schostakowitschs machen.

Szymanowski Quartett

Die Ensemblegeschichte des 1995 gegründeten Szymanowski Quartetts zieren Erfolge bei Wettbewerben, deren Namen bereits auf Komponisten hinweisen, die den vier aus Polen und der Ukraine stammenden Musikern am Herzen liegen. So erhielt das Ensemble einen ersten Preis beim internationalen Musikwettbewerb "In Memoriam Dmitri Schostakowitsch" in Hannover und wurde 2005 mit dem renommierten "Szymanowski-Preis" ausgezeichnet. Damit ging dieser von der „Karol Szymanowski Foundation“ in Warschau verliehene Preis zum ersten Mal in seiner Geschichte an ein Streichquartett.

Seine kammermusikalische Ausbildung erhielt das Szymanowski Quartett an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover bei Hatto Beyerle, der das Ensemble als Lehrer und Mentor betreute. Neben seiner regen Konzerttätigkeit verfeinert das Szymanowski Quartett sein Spiel durch regelmäßige musikalische Arbeit mit Isaak Stern, Walter Levin und Quartetten wie Amadeus, Emerson, Juilliard und Guarneri. Seit 2000 unterrichtet das Ensemble als "Quartet in Residence" selbst eine Kammermusikklasse an der Musikhochschule Hannover. Nach über 10 Jahren Zusammenarbeit in unveränderter Besetzung hat im Ensemble die Position des Primarius' gewechselt: 2006 wurde Marek Dumicz von Andrej Bielow abgelöst. Der 1981 in der Ukraine geborene Geiger studierte von 1996 an ebenfalls an der Musikhochschule in Hannover und ist u.a. ARD-Preisträger des Jahres 1999.

Neben dem klassisch-romantischen Repertoire erarbeitet das Szymanowski Quartett regelmäßig Werke zeitgenössischer Komponisten, so u. a. von Magnus Lindberg, Elena Kats-Chernin, Philip Cashian, Thomas Larcher und Andrew Toowey, von denen einige ihre Stücke dem Szymanowski Quartet gewidmet haben.

Das Ensemble ist ein gern gesehener Gast bei international renommierten Festivals wie denen von Schleswig-Holstein und vom Rheingau, beim Würzburger Mozartfest, den Bregenzer und Schwetzinger Festspielen, den Niedersächsischen Musiktagen sowie in Lockenhaus, Luxemburg, London, Chester und Bath.

"Außerordentliches Empfinden für die Klangbalance im Ensemble“ konstatierte der Musikkritiker Paul Cutts in "The Strad" 2002 dem Szymanowski Quartett. Neben dem künstlerischen Aspekt zeichnen für die Klangbalance besonders auch die Instrumente selbst verantwortlich, die sich in diesem Ensemble interessant zusammensetzen. Mit Ausnahme des Primarius’, der auf einer Geige von Guiseppe (Filius Andreae) Guarneri musiziert, spielen alle Mitglieder auf modernen Instrumenten aus der Werkstatt von Hans Schicker in Freiburg im Breisgau.

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