Musikstück der Woche

Chaos String Quartet spielt Fanny Hensels Streichquartett Es-Dur

Stand
Autor/in
Jörg Lengersdorf

Fanny Hensel, genial begabte Musikerin, ehemaliges Wunderkind wie ihr Bruder Felix Mendelssohn, ist Anfang 30, als sie erstmals auf den Gedanken kommt, Werke von sich zu veröffentlichen.

„Wie der Esel zwischen zwei Heubündeln“

Offenbar hat ihr Mann, der erfolgreiche Maler Wilhelm Hensel, ihr zugeraten. Dennoch möchte Fanny, wie so häufig, erst die Meinung ihres berühmten Bruders einholen. Fanny Hensel ist seit Langem mehr oder weniger abhängig von seinen Urteilen:

„Was mein Herausgeben betrifft, so stehe ich dabei wie der Esel zwischen zwei Heubündeln. Ich selbst bin ziemlich neutral dabei, es ist mir aufrichtig gestanden einerlei, Hensel wünscht es, Du bist dagegen. In jeder andern Sache würde ich natürlich dem Wunsche meines Mannes unbedingt Folge leisten, allein hierbei ist es mir doch zu wichtig, Deine Beistimmung zu haben, ohne dieselbe möchte ich nichts der Art unternehmen.“

„Felix, nimm Dich in Acht“

An anderer Stelle schreibt sie gar vom „dämonischen Einfluss“ im Goethe'schen Sinn, den ihr Bruder auf sie in dieser Hinsicht ausübe:

„Ich glaube, wenn Du mir im Ernst vorschlügst, ein guter Mathematiker zu werden, so würde ich keine besond're Schwierigkeit dabei finden, eben so wie ich morgen keine Musik mehr würde machen können, wenn Du meintest, ich könne keine machen. Nimm Dich daher mit mir in Acht.“

Doch Felix, der jüngere Bruder, der der großen Schwester in Kindertagen noch jedes seiner Werke zur Begutachtung vorgelegt hat, nimmt sich nicht in Acht. Selbst als die Mutter ihn ein Jahr später bittet, Fanny zu ermutigen, ist seine Antwort kaum verhohlen brüske Zurückweisung:

„Du schreibst mir über Fannys neue Stücke… Du lobst mir ihre neuen Compositionen, …Aber zureden etwas zu publiciren kann ich ihr nicht, weil es gegen meine Ansicht und Überzeugung ist…ich halte das Publiciren für etwas Ernsthaftes (es sollte das wenigstens sein)…Und zu einer Autorschaft hat Fanny wie ich sie kenne, weder Lust noch Beruf, dazu ist sie zu sehr eine Frau wie es recht ist, erzieht… und sorgt für ihr Haus…“

Der Schritt aus dem Schatten

Erst zehn Jahre später traut Fanny Hensel sich, außerhalb von Sammlungen und Journalen, Werke in Berlin verlegen zu lassen, stellt ihren Bruder aber wohlweislich vor bereits vollendete Tatsachen.

Felix braucht lange, um die Nachricht der musikalischen „Emanzipation“ seiner großen Schwester zu verdauen. Verlässt sie seinen langen Schatten? Dass er sich wochenlang nicht mehr meldet, kränkt und verunsichert sie. Und der ironische Unterton des Schreibens, das er sich schließlich abringt, spricht tatsächlich Bände:

„Mögest Du Vergnügen und Freude daran haben… und mögest du nur Autorpläsiers und gar keine Autormisere kennenlernen… damit ich auch meinen Segen dazugegegen haben möge, wie hierdurch geschieht.“

Fanny dazu in ihrem Tagebuch:

„Endlich hat mir Felix geschrieben und mir auf sehr liebenswürdige Weise seinen Handwerkssegen ertheilt; weiss ich auch, dass es ihm eigentlich im Herzen nicht recht ist, so freut mich doch, dass er endlich ein freundliches Wort mir darüber gegönnt!“

Von den fast 400 Werken Fanny Hensels wird zu ihren Lebzeiten jedoch nur ein verschwindend winziger Bruchteil gedruckt.

Das Streichquartett

Die Mitglieder des Chaos String Quartet fanden sich entlang des reichen Konzepts von Chaos in Wissenschaft, Kunst und Philosophie zusammen und teilen den Wunsch, als risikofreudige, multinationale Stimme auf den Kammermusikbühnen der Welt präsent zu sein.

Beim renommierten Bordeaux International String Quartet-Wettbewerb erhielt das Ensemble 2022 den 2. Preis und den Sonderpreis für die beste Interpretation von Terra Memoria von Kaija Saariaho. Zu weiteren Erfolgen zählen der 2. Preis und zahlreiche Sonderpreise beim Bartók World-Wettbewerb 2021 in Budapest sowie der Gewinn des Wettbewerbs für Streichquartett V.E. Rimbotti in Italien im selben Jahr. Beim 71. Internationalen Musikwettbewerb der ARD München 2022 erspielte sich das Chaos String Quartet den 3. Preis.

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