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„Musik und Gesellschaft“ heißt ein zweibändiges Buch, das jetzt beim Verlag Königshausen & Neumann erschienen ist. Der Fokus liegt hier weniger auf einer möglichst umfassenden Darstellung der Musik und ihrer Akteure. Vielmehr geht es um die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Musik in den letzten tausend Jahren geschrieben, gespielt und gehört wurde. „Marktplätze, Kampfzonen, Elysium“ lautet dementsprechend auch der Untertitel des Buches. Jan Ritterstaedt hat sich durch fast 1500 Seiten gewühlt.

Standesgemäß beginnt "Musik und Gesellschaft" mit einer Art essayistischer Ouvertüre. In zwölf knappen Texten geht es zunächst um die schwierige Definition von Musik, ihre Ursprünge und damit auch gleich um die gesellschaftliche Verankerung der Musik in Riten und Bräuchen. Der anschließende musikgeschichtliche Teil des Buches startet dann etwas willkürlich im Mittelalter mit dem Jahr 1000. Jedem der etwa zwei- bis dreiseitigen Essays werden zunächst stichwortartig einige Daten und Fakten aus der Geschichte vorangestellt. Oft dient das letzte Ereignis als Aufhänger zum Thema. So etwa auch für das Jahr 1147.

„Der provencalische Trobador Jaufré Rudel stirbt möglicherweise in den Armen der Gräfin Clémence von Tripolis“

Diese historische Tatsache nimmt Autor und Mit-Herausgeber Frieder Reininghaus nun zum Anlass, um sich in bester feuilletonistischer Tradition nach Herzenslust über die Ursprünge der mittelalterlichen Troubadoure auszulassen. Dabei erwähnt er natürlich auch Wilhelm IX, Herzog von Aquitanien und Gascogne, besser bekannt als "Der erste Troubadour".

Sein Auftreten mit provencalisch-altokzitanischen Gesängen und sein Oeuvre prägten die Praxis der sich nun rasch vermehrenden Singer-Songwriter. Sie erfüllte Burgen und Châteaus und hinterließ auf dem ganzen Kontinent Text- und Tonspuren.“

Frieder Reininghaus

Gerne benutzt Reininghaus in seinen Texten Begriffe aus der aktuellen Musikszene oder auch mit Ironie aufgeladene Formulierungen. Das liest sich einerseits recht amüsant, auf der anderen Seite wünscht man sich aber manchmal etwas mehr Distanz zum Gegenstand. Zumal der Autor keinen Hehl daraus macht, dass er die aktuellen politisch-gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland sehr kritisch beurteilt. Dementsprechend zugespitzt fallen auch seine Artikel aus, wenn er etwa den Trend der aufkommenden Hauskonzerte zu Beginn des 21. Jahrhunderts als Beispiel der gesellschaftlichen Spaltung zwischen "reichen" Veranstaltern" und "armen" Musikerinnen und Musikern auffasst.

„Bei Botschafter N. und dessen Turnier reitenden Gattin spielt mit schöner Regelmäßigkeit der stark romantisch inspirierte Pianist Tonio, der den Weg von der Insel Stromboli jeweils nicht scheut, um den köstlichen Antipasti Gewichtiges von Chopin und Liszt mit auf den Verdauungsweg zu geben.“

Frieder Reininghaus

Andere Autorinnen und Autoren wie der Musikwissenschaftler Jan Golch äußern sich weniger stark politisch eingefärbt. Er schreibt u.a. über das Verhältnis zwischen Oper und Publikum zur Zeit von Beethovens Fidelio. Vor allem das Phänomen der Claqueure nimmt in seinem lesenswerten Essay einigen Raum ein.“

 „Organisierte Gruppen ließen sich mit Freikarten und zum Teil beachtlichen Honoraren bezahlen, um beim Publikum gewünschte Reaktionen zu provozieren. Es wird von "regelrechten Arbeitssitzungen" berichtet, in denen mit den Rädelsführern die Stücke vorab besprochen und die Beifallsbekundungen minutiös geplant wurden. Beim Applaus konnte damit genauso nachgeholfen werden wie beim Missfallen, wo Zischen und Pfeifen die Vorstellung störte.“

Jan Golch

Einen eher wissenschaftlichen Stil pflegt Silke Berdux, die Kuratorin der Musikinstrumente-Sammlung des Deutschen Museums in München. Unter der Jahreszahl 1926 findet sich im Buch ein interessanter Abriss über die Geschichte des Reproduktionsklaviers nach der Methode der Freiburger Firma Welte. Neben der Technik des Systems spricht sie auch die mit diesen Instrumenten verbundene Ästhetik der zeitgenössischen Komponisten an.

Paul Hindemith sah in ihm die - Zitat - "Möglichkeit der absoluten Festlegung des Willens des Komponisten, Unabhängigkeit von der augenblicklichen Disposition des Wiedergebenden, Erweiterung der technischen und klanglichen Möglichkeiten, Eindämmung des längst überreifen Konzertbetriebs und Personenkults, wohlfeile Verbreitungsmöglichkeiten guter Musik."

Silke Berdux

Abgesehen von dieser Passage spielen Zitate in diesem Buch eine eher untergeordnete Rolle. Auch Quellentexte finden sich darin, wenn überhaupt, nur in kurzen Auszügen. Hin und wieder werden die Texte durch Bilder ergänzt, wie etwa einem Foto einer Notenrolle für das Welte Mignon-System. Dafür bietet das Buch am äußeren Rand der Seiten regelmäßig Querverweise zu anderen Essays des Buches nach der Art eines Links bei Webseiten. Man muss dieses Kompendium also nicht unbedingt chronologisch, sondern kann es auch "quer" lesen.

Die Essays selbst stellen den historischen "Aufhänger" eines Ereignisses gerne in größere Zusammenhänge der Musik- und Gesellschaftsgeschichte. So gelingt etwa Autorin und mit-Herausgeberin Judith Kemp ein amüsanter Durchmarsch von Paganinis Tierlauten-Imitationen über die Praxis der Katzenmusik "Charivari" bis zum Kultmusical Cats.“

Epochenübergreifende Entwicklungslinien

421 Essays von 107 Autorinnen und Autoren in zwei dicken Bänden - allein diese Zahlen beeindrucken. Bemerkenswert an diesem Buch sind aber auch die unterschiedlichen Perspektiven und die große Vielfalt in der Auswahl der Themen. Es geht vor allem um epochenübergreifende Entwicklungslinien der überwiegend europäischen Kunst-Musikgeschichte, eingebettet in ein oft kritisch beleuchtetes gesellschaftliches Umfeld. Ein umfangreiches Literatur- und Stichwortverzeichnis rundet dieses Mammutwerk ab.“

Ungewöhnliche Form der Musikgeschichtsschreibung

Mit "Musik und Gesellschaft", erschienen beim Verlag Königshausen & Neumann für 68 Euro, bieten die drei Herausgeberinnen und Herausgeber eine reizvolle und eher ungewöhnliche Form von Musikgeschichtsschreibung. Ein ideales und leicht zu lesendes Buch zum Schmökern, Nachdenken und zur Ergänzung des eigenen musikhistorischen Horizonts.

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