Ein Klavier-Œuvre aus allen Lebensphasen Víkingur Ólafsson spielt Johann Sebastian Bach

AUTOR/IN

CD-Tipp vom 30.10.2018

Víkingur Ólafsson zählt zu den spannendsten und innovativsten Pianisten seiner Generation und ist ein international gefeierter Vertreter der isländischen Kulturszene. 1984 in Reykjavik geboren, an der Juillard School in NewYork ausgebildet und in Berlin lebend, reiste er in den vergangenen Jahren in Sachen Musik rund um den Globus.

Virtuose Verschmelzung von Originalwerken Bachs und diversen Transkriptionen

Víkingur Ólafsson hat auf seiner neuen CD Bachs umfangreiches Klavierwerk sorgfältig kuratiert und in spannende und überraschende neue Bezüge gestellt. Die Stücke stellte er nach Gehör zusammen und erforscht dabei Verbindungen und Parallelen zwischen den Kompositionen. Als Ouvertüre zu seinem Album hat er das Präludium G-Dur BWV 902 ausgewählt. Auf den 35 Tracks der CD gelingt dem Shootingstar der jungen isländischen Klassikszene eine virtuose Verschmelzung von Originalwerken Bachs und diversen Transkriptionen.

Víkingur Ólafsson wollte Bachs Klavier-Œuvre aus allen Lebensphasen aus ihrem jeweiligen Kontext herauslösen. Die originelle Zusammenstellung zeigt:

..erklärt der Pianist.

Víkingur Ólafsson hat sich bei der Vorbereitung seines individuellen Bach-Kosmos intensiv mit dem Komponisten auseinandergesetzt:

Musikalischer Spiegel für unterschiedliche Generationen von Pianisten

Für Olafsson ist Bachs Klaviermusik in ihrer prinzipiellen Offenheit gewissermaßen ein musikalischer Spiegel für unterschiedliche Generationen von Pianisten geworden, der deutlich den Geschmack und die Werte jeder Ära wiedergibt. In diesem Sinne ist Bachs Musik für ihn eher zeitgenössisch als klassisch.

Víkingur Ólafsson denkt bei seinen Bach-Interpretationen nicht nur über Anschlagskultur und Pedalgebrauch nach, auch die entsprechend optimierte Raumakustik der Aufnahme ist für ihn von Bedeutung, er überlässt nichts dem Zufall. Insofern ist die Einspielung auf hohem tontechnischen Niveau überraschend transparent aufgenommen.

Neben Bachschen Originalwerken und Transkriptionen von Rachmaninow, Busoni und anderen, enthält das Album auch ein Beispiel dafür, wie Meister Bach die Musik anderer Komponisten für sich verarbeitet hat: Sein Cembaloarrangement von Alessandro Marcellos Oboenkonzert. Als Bach die Musik Vivaldis und Marcellos kennenlernte, bearbeitete er mehrere Konzerte für das Cembalo. Das war seine Art, sich mit der melodischen Eleganz des italienischen Stils vertraut zu machen.

Dichtes Klangbild aus einem Guss

Lange hat Víkingur Ólafsson um eine stimmige Zusammenstellung seines Bach-Universums auf diesem Album gerungen und an der perfekten Abfolge der Stücke gefeilt. Das Ergebnis ist ein dichtes Klangbild aus einem Guss, eine Komposition mit einem großen Bogen, die den Hörer in den Bann zieht. Der Pianist bringt die Tonsprache Bachs mit atemberaubender Fingertechnik einfühlsam, verspielt und virtuos zum Klingen. Seine Interpretation besticht durch Klarheit und Durchsichtigkeit, ist experimentierfreudig, innovativ und zeitlos – und macht Lust auf mehr.

CD-Tipp vom 30.10.2018 aus der Sendung SWR2 Treffpunkt Klassik

AUTOR/IN
STAND
KÜNSTLER/IN