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Igor Levit, mit seinen 33 Jahren mittlerweile Deutschlands prominentester Pianist, kann sich mittlerweile aussuchen, welches Repertoire er einspielt. Eleonore Büning erkennt im CD-Tipp auf dem Doppelalbum einen rosa Faden, der die Stücke auf „Encounter“ verbindet und ist auch sonst gänzlich begeistert von der Art, wie Levit den Steinway behandelt.

Igor Levit ist jetzt 33Jahre alt. Sein neues Doppelalbum mit Klaviertranskriptionen ist seine sechste CD-Veröffentlichung, seit er vor acht Jahren von der Sony unter Vertrag genommen wurde. Er kann sich inzwischen aussuchen, was er spielt….aber hier korrespondieren die ausgewählten Stücke miteinander, es gibt einen rosa Faden, der die Bachschen Choralbearbeitungen mit den neobarocken Gesängen von Brahms verbindet, und es gibt Querverbindungen auch zwischen den Bearbeitungen Busonis und Regers, die sich dem Hörer wie von selbst mitteilen.

Levits politische Botschaft

Levit hat sich in den letzten Jahren nicht nur in der Klassikszene etabliert als einer der zwei oder drei großen Pianisten unserer Zeit. Er ist auch als erster Twitter-Pianist in die Musikgeschichte eingegangen. Zigtausende Follower haben sich Abend für Abend seine Coronakonzerte reingezogen. Sein Aufschlag in den Social Media Kanälen reicht fast an den von David Garrett heran, in der Interviewfrequenz hat er den Geigerkollegen schon überrundet.

Es gibt allerdings wichtige Unterschiede. Igor Levit … ist ein moralischer Aktivist. Levit ist Zeitungsleser und Mitglied der grünen Partei, er bezieht Stellung gegen Rassismus, Antisemitismus und jede Spielart von rechter Gesinnung, er sucht dafür die Öffentlichkeit, er provoziert den Diskurs. Und seine Fans, die Zigtausenden, sie folgen ihm dabei und so steckt letztlich auch in Levits Auftritten als Pianist immer auch ein Quäntchen politische Botschaft. Selbst wenn kein Wort gesprochen wird:       

„Ich wandte mich und sah an alle, die Unrecht leiden unter der Sonne“.

Altes Testament, Prediger 4

So beginnt der Predigertext aus dem Alten Testament, den Johannes Brahms anno 1892 als zweiten seiner „Vier ernsten Gesänge“ komponiert hat. In der Klavierbearbeitung Max Regers … wird daraus ein Lied ohne Worte, im Andante, g-Moll. Freilich hat Reger den kompletten Text zwischen die Noten drucken lassen, so dass der Pianist sich der Aussage der Töne, die er spielt, in jedem Augenblick bewusst bleiben kann.

Nachwuchsförderung

Und dann reicht Levit souverän die Fackel weiter an die nächste Generation. Er stellt ein Reger-Lied vor: das „Nachtlied“, op. 138 Nr.3 – und zwar in einer Klaviertranskription von Julian Becker. Becker ist erst fünfzehn Jahre alt. Er wurde siebenjährig aufgenommen an die Musikhochschule in Hannover, wo er im Rahmen des „Instituts zur Frühförderung musikalisch Hochbegabter“ Klavier und Komposition studiert, und er hat kürzlich den Bundeswettbewerb „Jugend komponiert“ gewonnen.

Das längste Stück auf diesem Doppelalbum und der Fluchtpunkt von Levits Programm, auf den am Ende alles zuläuft, ist Morton Feldmans „Palais de Mari“ –  Feldmans letzte Klavierkomposition aus dem Jahr 1986. Der Titel verdankt sich einem im Louvre aufbewahrten Fragment von Fresken aus dem legendären Palast von Zimri-Lim, dem letzten König von Mari, der im 18. Jahrhundert vor Christi Geburt gelebt hatte und mit seinem Reich unterging, als Hammurabi es eroberte. Es lag im heutigen Ostsyrien.

Levit entwirft ein poetisches Schattenspiel aus minimal variierten Klangfarben 

Die Fresken, die Morton Feldman im Louvre besichtigen konnte, sind verblichen zu fahlem Sepia. Sie wirken, selbst in der Reproduktion, zerbrechlich, wie pausendurchweht, durch ihren lückenhaften Erhalt, durch die sich auflösenden Konturen. Sie verweisen auf etwas, das nicht mehr vorhanden ist. Diese Aura des Nicht-mehr-Vorhandenen spiegelt sich in dem Nachhall und der Stille von Feldmans Klavierstück.

Das beste Album, das Igor Levit bisher eingespielt hat

Es gibt viel zu entdecken! Ich denke, dies ist das bisher beste, freieste Album, das der Überflieger Igor Levit bisher eingespielt hat. Das neue Album von Levit mit Klaviertranskriptionen von Busoni, Reger, Becker und Kompositionen von Bach, Brahms und Feldman ist erschienen beim Label Sony. Ein Must-Have!          

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Gerne lässt er bei den Hauskonzerten auch schon mal seine Hausschuhe unter dem Flügel stehen. Am Donnerstagabend wurde alles etwas formeller: Levit war Gast bei Bundespräsident Frank Walter Steinmeier - streamte aus dem Bellevue und spielte einmal mehr die Waldstein-Sonate von Beethoven.

Ein Konzert, das zeigte, wie sich ein Mann gegen die Isolation stemmt - stellvertretend für viele Künstlerinnen und Künstler, die sich nach einem Publikum sehnen.  mehr...

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