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Briefe aus einer jahrzehntelangen Freundschaft

Sie waren zwei der bedeutendsten Musikerinnen des 19. Jahrhunderts: Clara Schumann, die berühmte Pianistin und die Sängerin Pauline Viardot-García. Beide waren auf den großen europäischen Bühnen zu Hause und lebten eine Zeit lang in Baden-Baden.

Fast sechs Jahrzehnte währte ihre Freundschaft, die sie als junge Künstlerinnen begründeten. Jetzt liegen die Briefe, die sie sich zwischen 1838 und 1894 geschrieben haben, in Buchform vor. Georg Beck mit Lektüreeindrücken.

"Eines Tages, als ich gerade bei meiner Mutter war, wurde Madame Viardot Garcia gemeldet. Herein trat eine hochgewachsene elegante Dame, nach der neuesten Mode, aber dunkel gekleidet. Sie lief auf meine Mutter zu, umarmte sie stürmisch und küßte sie auf beide Wangen, das heißt, sie lehnte Wange an Wange und schickte den Kuß in die Luft, wobei sie ausrief: 'Mein Klärchen! Mein Klärchen!' Das war mir etwas Neues."

Pauline Viardot - zur Primadonna der Opernbühne erzogen

Die Szene spielt in Baden-Baden. 1862 sind sowohl Clara Schumann als auch Pauline Viardot Hausbesitzer in der "Sommerhauptstadt Europas". Zwei Berühmtheiten, zwei Herzensschwestern der Musik sind Nachbarn geworden. Pauline Viardot ist Sängerin, spielt aber auch sehr gut Klavier und sie komponiert.

1821 kommt sie als Tochter des spanischen Tenors Manuel García in Paris zur Welt. Ihre ältere Schwester ist die berühmte Sopranistin Maria Malibran, weswegen Pauline auch erst Pianistin werden soll, Unterricht u.a. bei Franz Liszt hat.

Als aber die Schwester 1836 stirbt, wird sie zur Primadonna der Opernbühne erzogen, reist viel durch Europa und begegnet im Sommer 1838 in Leipzig erstmals Clara Schumann.

"Nachmittag besuchte ich die Garcia und fand in ihr ein liebenswürdiges anspruchsloses Mädchen und eine echte Künstlerseele."

Treffen zum Konzertieren, Dinieren und Parlieren

Ein Tagebucheintrag. Echt hat Clara Schumann unterstrichen. Die beiden verstehen sich auf Anhieb, werden Freundinnen, schreiben sich Briefe bis zum Lebensende. Wann immer es ihre ausgedehnten Konzertreisen erlauben, treffen sie sich, konzertieren im privaten Kreis, dinieren, parlieren sie. Vor allem Letzteres ausgiebig.

Pauline Viardot hat spanisches Blut in den Adern, ist lebensfroh, nimmt alles, auch das Schwere, nach Möglichkeit von der leichten Seite. Anders Clara Schumann. Aus den Fotografien, die wir von ihr haben, blickt sie ernst, fast so schwermütig wie ihr Mann, den sie wenige Jahre zuvor, 1856, unter tragischen Umständen verloren hatte. Ist sie die Melancholikerin, so Pauline die Sanguinikerin in dieser Freundschaft. Was fasziniert die eine an der anderen?

Briefe werden durch Kommentare und andere Dokumente ergänzt

Désirée Wittkowski, die Herausgeberin dieser charmanten Briefedition, hat gut daran getan, die Korrespondenz fleißig zu kommentieren, mit anderen Dokumenten zu konterkarieren. So können wir uns ein Bild machen, können in die Rolle des Beobachters schlüpfen.

So wie das schon Eugenie Schumann getan hatte. Die jüngste Tochter von Robert und Clara Schumann hat diesen untrüglichen Blick für Situationen, für Eigenarten, mehr noch, für das Rätsel dieser fast sechs Jahrzehnte währenden Frauen-Freundschaft.

"Die beiden Freundinnen setzten sich, herzliche Freude des Wiedersehens sprach aus beider Mienen. Aber sonst, wie verschieden beide! Meine Mutter so schlicht und urdeutsch, so fremdländisch die andre! Und doch verband beide von Mädchenjahren an herzliche Freundschaft, die lange Jahre der Trennung und sogar den Deutsch-Französischen Krieg überdauerte."

Der Nerv der Freundschaft: die Musik

Es ist tatsächlich diese Frage die sich während der Lektüre auftut und mit der man aus ihr auch wieder herausgeht. Sind es die Gegensätze, die sich anziehen? Ist es das, was den Kitt dieser Verbindung ausgemacht hat?

Was Clara Schumann betrifft, kommt durch die weltgewandte Pauline, die mehrere Sprachen fließend spricht, eine Leichtigkeit in ihr Leben, die sie so nicht kennt. Ihre Familie – erst der Ehemann, dann die Kinder – machen ihr viel Kummer.

Das Zentrum, der Nerv dieser Freundschaft ist freilich die Musik. In ihr kommen die zwei grundverschiedenen Charaktere zusammen. Vor allem während der Baden-Badener Sommer­aufenthalte bilden die beiden über Jahre ein Herzens-Duett.

Musikgeschichte aus der Innen-Perspektive

So geht die Zeit dahin. Manche Jahre sieht man sich gar nicht, überbrückt mit der Korrespondenz, in der es immer wieder darum geht, wie zwei berufstätige Frauen ihre Karriere vereinbaren können mit ihrer Familie. Clara hat acht, Pauline vier Kinder. Dann, Mai 1884, eine der letzten Begegnungen. Wieder ist Eugenie Schumann dabei, wieder staunt sie über diese "fremd­ländische" Person, die wie aus einem Thomas Mann-Roman entsprungen scheint.

"Auch Pauline Viardot kam noch einmal, ganz unverändert schien sie, jugendlich und lebenstapfer; durchaus originell, noch immer in die Luft küssend, 'mein Klärchen' sagend, immer unverbrüchlich treu und anhänglich."

Was an dieser Briefedition fasziniert, ist der intime Ton zweier in der Öffentlichkeit stehenden Künstlerinnen: Musikgeschichte aus der Innen-Perspektive. Wer sich für das Private interessiert, das ja bekanntlich immer auch politisch ist, ist mit diesem charmanten Bändchen bestens bedient.

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