Margaret Leng Tan spielt Werke von George Crumb Klavier-Zyklus „Metamorphoses“

AUTOR/IN

CD-Tipp vom 9.10.2018

Er ist einer der größten Klangmagier der modernen Musik: der Amerikaner George Crumb, der im kommenden Jahr seinen neunzigsten Geburtstag feiern wird. Berühmt wurde der Klang-Alchemist durch seine Werke für verstärktes Klavier und das elektrifizierte Streichquartett „Black Angels“, ein Protest gegen den Vietnamkrieg. Jetzt liegt ein veritables Alterswerk auf einer beim Label Mode Records erschienen CD vor: Der Klavier-Zyklus „Metamorphoses“, gespielt von Margaret Leng Tan.

„Bilder einer Ausstellung“ fürs 21. Jahrhundert

Der amerikanische Komponist George Crumb gilt als einer der großen Erneuerer des Klavierklangs. Legendär ist seine Reihe „Makrokosmos“, begonnen Anfang der 1970er Jahre. Neue Werke von Crumb gab es zwar in den letzten Jahren immer wieder, aber dem solistischen Klavier ist er seit seiner letzten Komposition für das Instrument 2003 eher ausgewichen. Die Pianistin Margaret Leng Tan, selbst eine bedeutende Interpretin des „Makrokosmos“, hat den 1929 geborenen Komponisten 2015 zu einem neuen Klavierstück überredet. Und der 86-jährige Crumb überraschte die Pianistin und das Publikum gleich mit einem ganzen neuen Klavierzyklus. Herausgekommen sind sozusagen „Bilder einer Ausstellung“ fürs 21. Jahrhundert. Denn „Metamorphoses“ bezieht sich auf Werke der bildkünstlerischen Moderne von Vincent van Gogh, James McNeill Whistler, Paul Gauguin, Vasily Kandinsky, Paul Klee, Marc Chagall, Salvador Dali und dem mit Crumb befreundeten Jasper Johns.

Die Partituren sind selbst schon bildnerische Kunstwerke

Es ist ein ganz typischer Crumb geworden. Mehr Empfindung, als Anschauung. Ganz sicher keine tönende Klangmalerei nach Bildvorlagen, sondern deren klangmagische Umwandlung. Darauf bezieht sich der Titel der „Metamorphosen“. Die Partituren sind wie immer bei Crumb selbst schon bildnerische Kunstwerke in ihrer grafischen Präzision und Schönheit. Auf der Rückseite des Booklets sieht man auf einem Foto Crumbs Hände, wie sie mit Lineal und Bleistift akribisch, gestochen scharf die Noten wie gedruckt setzen.

Die Interpretin hat dabei nicht nur das elektro-akustisch verstärkte Klavier zu spielen, in dessen Korpus zu agieren, über Saiten zu streichen, sondern Zusatzinstrumente zu bedienen, zu heulen und zu singen. Bei der Umwandlung von van Goghs „Goldenem Kornfeld mit Krähen“ sind sogar die Vögel zu hören. Die Todesstimmung eines der letzten Bilder des Malers könnte kaum tief- und abgründiger gefasst werden.

2017 lag der Zyklus abgeschlossen vor

Uraufgeführt wurde er in passendem Rahmen in der National Gallery of Art in Washington. Die akustisch hervorragende Aufnahme entstand während der deutschen Erstaufführung bei den Donaueschinger Musiktagen 2017. Die CD beschließt eine Aufnahme der „Five Pieces for Piano“ aus dem Jahr 1962, dem ersten Klavierstück Crumbs. Und man ist erstaunt, wie treu sich dieser amerikanische Großmeister des Klaviers geblieben ist. Im nächsten Jahr wird er 90. Hinter den „Metamorphoses“ ist in Klammern vermerkt: „Book One“. Es werden also wohl weitere klingende Bildverwandlungen folgen. Darauf kann man nur gespannt sein.

CD-Tipp vom 9.10.2018 aus der Sendung SWR2 Treffpunkt Klassik

AUTOR/IN
STAND
KÜNSTLER/IN