Klug zusammengestellte Aufnahme Andrè Schuen und Daniel Heide: Schubert Wanderer

CD-Tipp vom 7.10.2018

Extrem wandlungsfähige Stimme

Wenn Sie den jungen Bariton Andrè Schuen noch nicht kennen, dann lohnt es sich, ihm gut zuzuhören. Eine große und extrem wandlungsfähige Stimme, die über alles verfügt, was einen großen Liedsänger auszeichnet: Sie bleibt in der Tiefe schlank und konturiert mit einem Timbre, das von kraftvollem Metall bis zu sonorer basshaltiger Schwärze reicht. Auch in der Höhe kann Andrè Schuen seine Stimme scheinbar beliebig färben: Tenorale Leuchtkraft oder eine entspannte, weiche Höhe, dazu kann er bruchlos die Kopfstimme in seinen warmen Körperklang beimischen, so dass er eine enorme Höhe mit großer Leichtigkeit erreicht. Dabei wirkt seine Interpretation völlig uneitel – man hat den Eindruck, dass es diesem jungen Mann nie um seine Stimme geht. Die expressive Vielfalt, die ein Lied wie Schuberts „Totengräbers Heimweh“ verlangt, macht er – fast ohne Aufwand, zu einem geradezu szenischen Hörerlebnis. Momente großer Oper wechseln da mit intimsten inneren Monologen. Mit vollem Risiko musiziert er, ohne Rücksicht darauf, ob alles immer schön oder perfekt klingt. Dabei wird es aber gerade dadurch so gut, weil man den Eindruck hat, dass hier ein Mensch mit all seiner Authentizität anderen etwas mitteilen will.

Schuen spricht ladinisch, italienisch und deutsch

Dieser Sänger wird in der Oper seinen Weg machen - das kann man auf dieser CD mit Schubert-Liedern ohne Zweifel erkennen. Aber welche Qualitäten er als Liedsänger hat, das kann man vor allem in den schlichten Schubert-Liedern berührend erleben, wo Andrè Schuen mit winzigen Nuancen seiner Stimme, mit einer winzigen Dehnung, einem vibratolos angesetzten Phrase, einem um eine Winzigkeit durch die Lagen gezogenen Legato oder seinem dem Stimmklang beigemischten Atem diese Musik gestaltet. Dieser junge Sänger versteht Schuberts Lieder wie eine Muttersprache. Bariton Andrè Schuen stammt aus dem ladinischen La Val (Südtirol, Italien) und wuchs dort dreisprachig auf – ladinisch, italienisch und deutsch. Diese Vielseitigkeit spiegelt auch sein Gesangsrepertoire.

Aufnahmeprüfung als Sänger am Mozarteum

Obwohl lange Jahre das Cello sein Hauptinstrument war, entschied er sich für ein Gesangsstudium an der Universität Mozarteum Salzburg. Den Ausschlag, Gesang statt Cello zu studieren hatten übrigens Schuberts Lieder gespielt, wie er erzählt, seine Schwester hatte ihm einen Band geschenkt. Und so machte er, fast ohne Vorkenntnisse eine Aufnahmeprüfung als Sänger am Mozarteum, wo man sein Potenziel zum Glück erkannte. Horiana Branisteanu sowie Wolfgang Holzmair waren seine Lehrer. Noch während des Studiums trat er bei den Salzburger Festpielen auf – 2010 machte er sein Diplom. Dann einige Jahre bei kleinen Bühnen und dann nahm seine Karriere fahrt auf. Längst konzertiert er mit den großen Namen, Ricardo Muti, Simon Rattle, Philippe Herreweghe und ist mit viel Mozart, aber auch mit Puccini, Strawinsky oder Luigi Nonos Musik auf internationalen Opernbühnen unterwegs. Ohne Eile, ohne Ehrgeiz, aber mit Neugier und großem Interesse, wie seine Agentin erzählt. Und jetzt also Schubert.

Vielschichtig und gegenwärtig

"Der Wanderer" nennt Andrè Schuen seine CD, die er zusammen mit Daniel Heide als Pianist aufgenommen hat. Eine klug zusammengestellte Aufnahme: das „Wandern“ als Fernweh, als Heimweh, als Gang zum Liebchen aber auch als philosophische Betrachtung über das Leben als Reise ins Jenseits. Vielschichtig ist das und gegenwärtig. Man merkt in dieser Aufnahme, dass Andrè Schuen, der aus einem Tal hoch in den Dolomiten stammt, weiß, was Stille und Einsamkeit bedeuten, welche Kraft, aber auch welche Abgründe darin liegen. Und der Pianist Daniel Heide ist ihm ein fantastischer Begleiter: klug, sensibel und in jeder Hinsicht groß ist sein Klavierspiel, auch er musiziert rückhaltlos authentisch, frei von jeder Eitelkeit und versteht es, die Schlichtheit von Schuberts Musik so zu gestalten, dass sie unmittelbar zum Zuhörer zu sprechen vermag. Bei Avi Records erscheint diese CD.

CD-Tipp vom 7.10.2018 aus der Sendung SWR2 Treffpunkt Klassik - Neue CDs

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