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Ennio Morricone, einer der bekanntesten Filmmusikkomponisten, ist im Alter von 91 Jahren gestorben. Besonders berühmt ist seine Musik zu dem Sergio-Leone-Western „Spiel mir das Lied vom Tod". 2007 erhielt Morricone den Oscar für sein Lebenswerk und 2016 einen weiteren Oscar für die Musik zum Tarantino-Film „The Hateful Eight“.

Morricone schrieb viel mehr als nur Western-Filmmusik

Wer an Ennio Morricone denkt, denkt meist an die Filmmusik von Italo-Western wie „Spiel mir das Lied vom Tod oder „Für eine Handvoll Dollar“. Aber Morricone komponierte auch klassische Werke.

Wenn Bilder und Musik verschmelzen

In Sergio Leones Film „Spiel mir das Lied vom Tod“ fällt streckenweise minutenlang kein Wort – ohne Ennio Morricones Filmmusik wäre dieser Western kaum denkbar. Wie auch bei vielen anderen seiner Werke verschmelzen Bilder und Musik, fast immer sind die Themen reich an ungewöhnlichen Tönen wie Kojoten-Geheul, Schreie oder auch mal Schreibmaschinengeklapper.

Die Musik entsteht im Kopf

2018, bei der Abschiedstournee zu seinem 90. Geburtstag, sagte Morricone, die Soundtracks entstünden in seinem Kopf: „Ich denke nach und sitze am Schreibtisch und schreibe. Das Klavier benutze ich nur, um dem Regisseur vorzuspielen, was ich geschrieben habe.“

Zur Musik gebracht hatte ihn sein Vater. Der spielte sehr gut Trompete, unter anderem an der römischen Oper, später als selbstständiger Musiker. Und so begann auch der junge Ennio mit dem Trompetenspiel.

Eng verbunden mit Regisseur Sergio Leone

In Rom studierte Morricone am renommierten Conservatorio di Santa Cecilia Trompete, Komposition und Orchestrierung. Während des Studiums spielte er weiter Trompete in Nachtlokalen – und arrangierte Schlager, begann für Radio und Fernsehen zu arbeiten.

Anfang der 1960er schrieb er zum ersten Mal den Soundtrack für einen Film. Bald schon folgte die Zusammenarbeit mit Sergio Leone – der Regisseur und Morricone waren schon gemeinsam zur Schule gegangen.

Morricones Musik trägt die Bilder von Leones Western auf eine andere Ebene. Die beiden verstanden offenbar intuitiv die Absichten des jeweils anderen; der Regisseur gab den musikalischen Themen den Raum, den sie verdienten, ließ auch mal zu, dass ein Musikinstrument in der Handlung mitmischte – denn Morricone schreibt selten Hintergrundmusik.

Morricone-Fan Quentin Tarantino

All das führt dazu, dass die Namen Sergio Leone und Ennio Morricone untrennbar verbunden sind. Leone nannte die Verbindung zwischen den beiden einmal eine Art unfreiwillige Heirat.

Und Regisseur und Morricone-Fan Quentin Tarantino hält Leones Western „Für eine Handvoll Dollar“ auch wegen seiner Musik für eines der größten Autorenstücke aller Zeiten.

Doch wenn man Ennio Morricone auf Westernsoundtracks reduziert, tut man ihm Unrecht. Er schrieb zum Beispiel auch die Musik für Filme wie Bertoluccis „Novecento“, Tornatores „Cinema Paradiso“ oder Joffés „The Mission“. Bekannt ist auch seine Musik zur Serie „Allein gegen die Mafia“, dort treffen Kirchenorgel und schroffe Geigen aufeinander.

Morricone als experimenteller Musiker

Morricones Filmmusik ist fast immer auffällig ungewöhnlich, eine Art Collage verschiedener Stile und Epochen, gleichzeitig eingängig und tiefgründig. Immer wieder scheint der „andere Morricone“ durch, der experimentelle Musiker, der in den 1950ern und 60ern zur italienischen Avantgarde gehörte. Er war Teil der Improvisationsgruppe Nuova Consonanza, beschäftigte sich mit der Zwölftonmusik, war beeinflusst von Luigi Nono und John Cage.

Auch in seiner Filmmusik hat Morricone serielle Techniken verwendet, in seinen kammermusikalischen Werken spielen sie teilweise eine wichtigere Rolle. Mit moderner Musik hatte Morricone nie Berührungsängste, 2003 ist eine CD mit Remixen seiner Musik aus gesampeltem Material erschienen. Gleichzeitig gibt es Kompositionen, die an Kirchenmusik erinnern, wie „Vuoto di anima piena“.

Der langersehnte Filmusik-Oskar

Morricone musste, trotz zahlreicher anderer Auszeichnungen, lange auf seinen ersten Filmmusik-Oskar warten. 1978 wurde er zum ersten Mal nominiert – und scheiterte. Noch in fünf weiteren Jahren wurde er nominiert, aber nicht berücksichtigt, entsprechend schlecht war Morricone auf Hollywood zu sprechen.

Bis es dann endlich 2007 den Oskar für sein Lebenswerk bekam. Und es sollte nicht der letzte Oscar bleiben: 2016 folgte der lang ersehnte Oscar für die beste Filmmusik – zu Quentin Tarantinos „The Hateful Eight“.

Am 6. Juli ist der umtriebige Komponist, der in manchen Jahren mehr als zwanzig Filmmusiken schrieb, im Alter von 91 Jahren gestorben.

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